Kultur

Wotan (Johannes Lang) macht sich auf dem Tisch über den Schweinebraten her. (Foto: Bettina Stöss)

17.05.2019

Wotan mag Wildschwein

„Lohengrin“ am Staatstheater Nürnberg: Frenetischer Applaus für die Sänger und ein kräftiges Buh für den Regisseur

Zum brillant aufrauschenden Hochzeitsmarsch macht sich Wotan im Kostüm von Obelix und mit den Walküren zur Seite über sein Lieblingsessen her: Wildschwein – ein ganzes. Dazu gibt es zwei Humpen Bier. So stärkt er sich für den finalen Kampf zwischen seinen widdergehörnten Anhängern und den ins Land drängenden Christen. Die werden angeführt von der Parzival-Family der Roten Ritter.

Nein, man ist nicht im falschen Stück: Es wird tatsächlich Lohengrin im Nürnberger Opernhaus gespielt. Regisseur David Hermann stellt mit all seinen Lebens- und Regieerfahrungen an Richard Wagners letzte Oper viele Fragen – auf die man schon immer eine Antwort haben wollte oder auch nicht.

Denn was wie ein mittelfränkischer Mittelaltermarkt anfängt, das bleiben diese viereinhalb Stunden bis zum Schluss: Hermann schüttet sein Ideen-Füllhorn aus und macht ein Unterhaltungsangebot in drei Akten. Mit dem Arme-Sünder-Karren für das unschuldige, traumatisierte Hascherl Elsa, mit einem vom letzten Wikingereinfall übrig gebliebenen Telramund – ach, man kann nicht alles auf- und erzählen, was Hermann einem mit und zu diesem Lohengrin erzählen will: von der Zwangschristianisierung der noch von Flöhen geplagten Brabanter bis zu Lohengrin und Elsa, die nur Instrumente der um die Weltmacht kämpfenden alten Herren sind.

Garniert ist das alles mit einer fröhlichen Mischung aus verschiedenen Mittelalterepochen: deftiger Realismus, gepaart mit ätherischem Märchen.

Das macht Wagner im Staatstheater nicht nur für Asterix- und Obelix-Fans unterhaltsam, spannend und bunt – besonders durch eine grandiose, höchst variable Bühnenbildidee von Jo Schramm. Man sieht Myriaden von hängenden Stäben, die alles Mögliche sein können: Scheldeufer, Burg, Kirche, Ausgrenzung oder Intimität – bis hin zum Brautgemach, wo Lohengrin-Papa Parzival dem Sohn einschlägige Tipps durch die Gardine gibt. Da kann es ja mit dem Ehevollzug nichts werden – eher schon mit der alles entscheidenden Frage.

Dieses Bühnenkonzept hat seine größten Momente im zweiten Akt, wenn sich die christliche Lohengrin/Parzival-Welt von der heidnischen Donarseiche trennt, wenn Ortrud und Telramund Ehekrieg führen und Rachepläne schmieden. Das ist großartig.

Große Wagner-Attitüde

Solche Ja-aber-Unterschiede gibt es bei der musikalischen Realisierung in keinem Moment. Die geniale Märchen-Musik des Lohengrin-Vorspiels wird zwar – Vorhang auf/Vorhang zu – für einen Blick auf die „Tafelrunde“ unterbrochen, aber Joana Mallwitz führt mit der blendend disponierten und strahlkräftigen Staatsphilharmonie einen perfekten Wagner-Abend vor: verträumt, brillant, abgrundtief düster, bis in jede Nebenfigur der Partitur plastisch durchdacht und ohne jede Scheu vor sehr zügigen Tempi und großer, kräftiger Wagner-Attitüde.

Joana Mallwitz gilt eindeutig der frenetische Applaus des ausverkauften Hauses. Auch dem Lohengrin von Eric Laporte aus dem Rote-Ritter-Clan, der bis zur Gralserzählung mühelos und ohne Heldentenor-Gehabe durchhält. Applaus auch für die wirklich wilde Ortrud mit dem Widdergehörn und den scharf geschliffenen Soprantönen (Martina Dike) und für Emily Newton als Elsa, die unverdrossen schön und edel singt. Abgestufter Applaus für die Herren aus den tiefen Stimmlagen: Karl-Heinz Lehner als unverbindlich singender König ohne rechte Tiefe, Sangmin Lee als exotischer Telramund aus den Game-of-Thrones-Phantasien, Daeho Kim als Heerrufer, der ansagt, wo’s langgeht.

Eine putzige Erfindung sind die flatternden Rauschgoldengel der vier Edelknaben: eine Reverenz der Kostümbildnerin Katharina Tasch an die Noris. Deren vereinigte Opernchöre singen mit wilden Streitäxten bewaffnet oder mit brav gekämmten Bubi-Frisuren, jedenfalls aber mit kraftvollen Stimmen die mittelalterlichen Streithähne.

Viel Luft in den Lungen hatte das Publikum für ein kräftiges Buh, das dem Regisseur dieser historisch wilden Mixtur gebührt. (Uwe Mitsching)

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