Kann eine Vertreibung je „human und menschlich“ sein? Unter diesem Titel – als rhetorische Frage mit einem Fragezeichen versehen – präsentiert das Münchner Sudetendeutsche Museum seine aktuelle Sonderausstellung. Sie wirft, Ende Juli eröffnet, einen ungeschönten Blick auf die sogenannte regulierte Zwangsaussiedlung: Als über zwei Millionen Sudetendeutsche die Tschechoslowakische Republik von Januar bis November 1946 verlassen mussten. Diese, in ihrer Art erste, sich so geballt mit diesem scheinbar verschwiegenen Thema auseinandersetzende Ausstellung gibt nun, 80 Jahre danach, den Betroffenen Bedeutung, einen Platz, Gesicht und Gehör.
Riesige Faktenfülle zusammengetragen
Historiker Raimund Paleczek hat mit Kuratorin Eva Haupt als Mitkonzipientin in jahrelanger Vorbereitung Daten und Fakten zur Fülle dieser Ausstellung zusammengetragen. So dicht und komplex, wie hier dieser besondere Abschnitt der deutschen Zeitgeschichte dreisprachig auf Deutsch, Englisch und Tschechisch im neuen Museum gezeigt wird, sei das einmalig und nirgends sonst zu finden, betont er im Gespräch mit der BSZ.
In fünf separaten Räumen, der Alfred-Kubin-Galerie und dem Adalbert-Stifter-Saal, werden die Hintergründe wie Ablauf der Vertreibung einer ganzen Volksgruppe exakt geschichtlich dargestellt, eingeordnet und belegt. Und vor allem solle diese Sonderausstellung eines: die Erinnerung wachhalten. Um mahnend nicht zu vergessen, was damals geschah.
Detailliert und modern aufbereitet begibt sich der Besucher beim Betreten der Sonderausstellung auf eine Zeitreise. Die vielen Originalexponate, Bilder und Dokumente dienen dabei der eindringlichen Darstellung dieser Epoche. Zu sehen sind Schriftstücke, Zeitungsartikel, Fotos oder fotografische Dokumente, öffentliche Gesuche nach Angehörigen oder Transportkisten, Kinderspielzeug wie Schmuggelwaren der Flüchtigen. Die außergewöhnlichen, sehr gut erhaltenen Ausstellungsstücke sind meist Schenkungen privater Herkunft, wie Paleczek erwähnt. Anhand von historischen Erläuterungen, einem Erzähl-Guide und bewegten Bildern kommt man diesem dunklen Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte sehr nah.
Das erfüllen nicht zuletzt vier einzigartige Seh- wie Hörstationen: Dort berichten einst Vertriebene in Bild- und Tonbeiträgen eindringlich von ihren Erlebnissen. Auch der bekannte Schriftsteller Otfried Preußler meldet sich filmisch festgehalten zu Wort. Die „wilde Vertreibung“ 1945, der sogenannte Human Transfer, wie ihn die Siegermächte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, die USA, Sowjetunion und England, bestimmten, findet ebenso Erwähnung bei diesen letzten Zeitzeugen, die zur Zeit ihrer Vertreibung Kinder oder Jugendliche waren.
Es sind Frauen, die sich an das Grauen der Vergewaltigung erinnern. Männer, die schildern, wie ihr Leben und ihre Familien jäh zerrissen und zerstört wurden. Kinder, die ihre Eltern verloren. Allesamt Sudetendeutsche, die nach der Aufforderung der Siegermächte oftmals in weniger als 24 Stunden ihre Heimat, ihre Häuser verlassen mussten.
Zurück blieb ihr Hab und Gut in der Tschechoslowakei, in Mähren, Böhmen oder Schlesien. Die Versprechen, 50 Kilo Gepäck oder sogar Möbelstücke mitnehmen zu können, ihnen gesichert Wohnraum zu beschaffen, wurden oft gebrochen. In Güterzüge gepfercht, die eigentlich für den Viehtransport gedacht waren, wurde den Flüchtigen Liebgewonnenes abgenommen. Spielzeug, Kleidung, letzte Wertgegenstände, wie Ketten, sogar Eheringe. So hatten viele nur ihr bloßes Leben, als sie die zugewiesenen Lager in Deutschland erreichten. Gerade in diesen Aufzeichnungen wird spürbar, welche Traumata geblieben sind auf dem Weg in die neue Heimat – die für viele oft nie zur neuen Heimat wurde.
Bei der Aufarbeitung der Geschichte suchten und fanden die Kuratoren zudem alte Transportlisten. Sie dokumentieren: Insgesamt 1700 Züge mit bis zu 40 Waggons brachten je bis zu 1200 Menschen aller Altersgruppen über die Grenzen aus der Tschechoslowakei nach Deutschland, nach Österreich und Italien. Diese Daten belegen rund eine Million Namen aus den Vertriebenentransporten in 104 Lager.
Und so gibt es im letzten der Ausstellungs-Räume nun die einzigartige Möglichkeit der persönlichen Suche und Recherche. Mit Familiennamen oder Örtlichkeiten kann man an zwei Bildschirmen digital den Weg Vertriebener aufspüren, nachverfolgen und mehr über ihren Verbleib herausfinden. Berührende Einträge im beiliegenden Gästebuch verraten, wie ergriffen und überrascht so manche Besucherinnen und Besucher sind, dass sie hier ihre Wurzeln verfolgen und wiederfinden konnten.
Exponate verschwinden wohl danach wieder
Bis Anfang Januar ist noch Gelegenheit, diese Ausstellung in ihrer jetzigen Form zu sehen. Auch wenn man einige Exponate danach in die Dauerausstellung des Sudetendeutschen Museums übernehmen wolle, wüsste man kaum, wohin, so Paleczek. Die nur jetzt installierten Seh- und Hörstationen, bedauert er, diese außergewöhnlichen Zeugnisse der Vergangenheit, werden darin wohl keinen Platz finden.
Auf fünf Ebenen ist in dem Münchner Museum die Geschichte der historischen böhmischen Länder ausgestellt. Rund 900 Exponate auf mehr als 1200 Quadratmetern präsentieren die Geschichte und Kultur der Sudetendeutschen seit dem 12. Jahrhundert. (Marie-Julie Hlawica)
Bis 10. Januar 2027. Human und menschlich…? – Die regulierte Vertreibung der Sudetendeutschen. Sudetendeutsches Museum, Hochstraße 10, 81669 München. Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr. Kostenlose Führungen (im Eintrittspreis inbegriffen) Donnerstag um 11 Uhr.
www.sudetendeutsches-museum.de
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