Kultur

Dramatischer Ausdruck in fließendem Bewegungsspiel: Szene mit Emilio Pavan und Ksenia Ryzhkova aus Liam Scarletts "With a Chance of Rain". (Foto: Wilfried Hösl)

07.01.2021

Zirzensische Tänze

Die "Paradigma"-Premiere des Bayerischen Staatsballetts begeistert auch online

Natürlich fehlt uns der dreidimensionale Theaterraum, die summende Erwartungs-Atmosphäre im Publikum. Aber immerhin erleben wir bei dieser ersten Staatsballett-Online-Premiere auf unserem PC-Schirm (dank Christoph Engels Bildregie) die Tänzer in ihrer Persönlichkeit viel intensiver als bei einer live Vorstellung im Münchner Nationaltheater. Dort wurde der neue Dreiteiler „Paradigma“ im Dezember gefilmt.

Der Begriff „parádeigma“ zielt je nach Wissenschaftsgebiet auf komplexe gedankliche Inhalte. Aus dem Griechischen übersetzt bedeutet er zunächst „Beispiel, Vorbild, Muster“. Und mit Russel Maliphants „Broken Fall“ (2003, in München 2012), „Bedroom Folk“ (2015) des israelischen Duos Sharon Eyal & Gai Behar und Liam Scarletts „With a Chance of Rain“ (2014) haben wir drei Beispiele für zeitgenössische Choreografie.

Maliphant, zunächst klassischer Tänzer, hat sich früh ganz der Bewegungsrecherche zugewandt. Umhüllt von einem gedämpften Klangraum aus Naturgeräuschen und verfremdeten Instrumenten (Barry Adamson) erkunden Jeannette Kakareka, Jonah Cook und Jinhao Zhang die Möglichkeiten zwischen prekärem Gleichgewicht und Fallen. Es ist ein kontinuierliches ruhiges Agieren zwischen Schreiten, ineinander sich verschachtelnden, dann akrobatisch hochgewirbelten Körpern, zwischen zirzensischem Balance-Akt auf Partnerschultern und gewolltem Abstürzen.

Auch Liam Scarlett, hervorgegangen aus dem Londoner Royal Ballet, wagt – über die klassischen Ballerinen-Hebungen hinaus – unballettisch Akrobatisches. Aber während Maliphant intellektuell auf der Suche ist nach noch nicht abgetanzten Bewegungen, nutzt Scarlett seine eingewebten riskanten Körperaktionen zu dramatischem Ausdruck und lässt sie überdies hochmusikalisch hineinfließen in die von Pianist Dmitry Mayboroda sensibel gespielten Rachmaninow-Präludien. Liam Scarletts Stück, wenn auch durchgehend hoch schrittdicht, fließt – so kann man es am besten beschreiben.

Nacheinander laufen die vier Paare auf die Bühne, tändeln miteinander, flattern wieder davon. Die Damen schauen auch mal zwei in männlichem Duett beschäftigten Herren zu. Oder ein Galan küßt beim Abgehen eine fremde Dame. Geplänkel – aber immer sehr gesittet.

Scarlett ist kein stürmischer Erneuerer, aber auch kein braver Traditionalist. Seine Neoklassik ist immer sehr ästhetisch, aber dabei durchpulst von einer zeitgenössischen Energie, von einem modernen Bewegungsgefühl. Am schönsten sichtbar in dem rasanten Pas de deux von Laurretta Summerscales und Jinhao Zhang. Und bei diesen beiden atmet auch eine sinnliche Lebendigkeit, die Selbstverständlichkeit der Paarbeziehung.

Alle tanzen diesen nicht leichten Scarlett hervorragend. Aber so ein bisschen mehr darstellerische Farbe hätte man sich doch gewünscht. Vielleicht wird sich die erlösende „Chance auf Regen“ in weiteren Vorstellungen einstellen.

„Bedroom Folk“ ist ein Blick in Israels Tanzszene, die schon in den 50er Jahren durch Gastspiele der großen Martha Graham angeregt wurde. In dieser meist dicht im Pulk bewegten Achtergruppe, zunächst zu sanft-sparsamen Trommelschlägen (Ori Lichtik), ahnt man die Tradition des Kibbuz-Kollektivs. Ansonsten ist dieses unaufhörlich forttänzelnde Stück, in sich variiert mit Verschiebungen von Kopf, Torso, Schultern, Armen, Händen, offen für Assoziationen: Alptraum, Ritual zur psychischen Festigung der Gemeinschaft, religiös heilender Trance-Tanz. Als Zuschauer wird man hineingezogen, schwingt im gleichen Dauerrhythmus mit. Und dass dies am Bildschirm möglich ist, tröstet bis zur Aufhebung aller Lockdowns. (Katrin Stegmeier)

Information: Die Online-Premiere „Paradigma“ ist noch 30 Tage auf www.staatsoper.tv als „Video on Demand“ zu 9, 90 Euro abrufbar.

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