Kultur

Die Stille am Arbersee ist schnell dahin, wenn die Tretboote geentert werden. Fotografie von Herbert Pöhnl.

21.08.2015

Zwischen Ironie und Melancholie

Herbert Pöhnl und Martin Wittmann bestreiten gemeinsam eine Ausstellung im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg über Ansichten aus Bayern

Der Blick auf sich selbst endet nicht selten in selbstverliebter Nabelschau und in Bayern noch mehr in „Mia san mia“-Befindlichkeit. Dazu kommt ein Hang zur Selbstvermarktung von touristisch attraktiven Städten und Regionen, die das Authentische so lange entsinnt und entsinnlicht, bis ein Disneyland daraus wird. Gut ist es, wenn es Leute gibt, die diese Um- und Zustände bloßstellen, und wenn das dann so spielerisch gerät wie derzeit im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg, ist das nur zu begrüßen. Dort treffen die Fotografien von Herbert Pöhnl und die Infografiken von Martin Wittmann und no.parking aufeinander: Beide arbeiten fein- bis hintersinnig, weisen mit mild-satirischen Mitteln auf subkutane Verwerfungen hin und auf die Absurditäten des Alltags.

Verletzte Heimat


Herbert Pöhnl, geboren 1948 in Furth im Wald, ein Fotograf, der die ironischen Möglichkeiten der Kamera entdeckt hat, trägt seine subtile Sicht der Dinge bei: Bilder aus seinen Büchern wie Heimat bitte lächeln und hinterbayern_inside, Bilder, die Gegensätze vereinen, einen Zusammenstoß von eigentlich Unverträglichem in sich tragen, den wunden Punkt zwischen Ironie und Melancholie treffen.
Pöhnls zeigt die Verletzungen der Heimat. Er kombiniert Asphalt mit Natur und zeigt Momente von vollendeter Tristesse: Was böte mehr davon als das fotografische Schwarzweiß-Gemälde eines leeren Bierzelts vor verwaistem, pfützenübersätem Parkplatz? Oder eine völlig sinnlos in der Gegend herumstehende Betonbrücke im Hintergrund, im Vordergrund eine öde Bushaltestelle mit verbogenem Haltestellensymbol: Das ist ein solch trostloses Verächtlichmachen der Landschaft durch das Verkehrswesen, dass es fast schon wieder lustig ist. Pöhnl beherrscht diese Form der Ästhetik des Widerstands perfekt. Und bemüht sich auch vermittels einer Collage um die oft so herrlich kongenial sprechenden Namen bayerischer Kleinst-Orte wie Endbogen, Quetsch, Öd und Au.
Da macht Martin Wittmann dann gleich weiter: Glucking, Schlucking, Elend und Unnütz hat er auf den Landkarten gefunden. Wittmann, 1979 in Landshut geboren, hat das Buch Total alles über Bayern verfasst und kombiniert mit Hilfe der Infografiker von no.parking Funde aus dem Statistischen Jahrbuch des Freistaats Bayern. Dass dabei verblüffend neue Kenntnisse und absurde Querverweise zu Tage treten, ist volle Absicht. Während beispielsweise im Jahr 2013 alle 24 Stunden 293 Kinder geboren wurden, wurden 657 5342,5 Liter Bier gebraut und 14 540 Schweine geschlachtet. Das wären dann 22 441 Liter frischgegorenes Bier und 50 frischgeschlachtete Schweine pro Neugeborenem.
Überhaupt hätte man mit dem bayerischen Gesamtbierausstoß in jenem Jahr die Allianz-Arena zu 86 Prozent füllen können. Und während ebenfalls in diesem Jahr 257 400 Arbeitskräfte in der Landwirtschaft tätig waren, gab es 92 244 Lehrer, 13 716 Apotheker, 301 Lokführer und 18 684 Diebe. Aber auch in die Vergangenheit taucht Wittmann hinab, nennt die Wohnorte Ludwigs II., zeigt die Spuren der Geschichte und preist den glanzvollen bayerischen kreativen Geist: 1815 wurde das Metronom in Regensburg erfunden, 1929 das Tempo-Taschentuch in Nürnberg und 1970 das Elfmeterschießen in München. (Christian Muggenthaler)

(Bis 27. September, Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg, Rosenberger Straße 9, 92237 Sulzbach-Rosenberg. Di. bis Fr. 9 – 17 Uhr, So. 14 – 17 Uhr.
www.literaturarchiv.de)

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