Kultur

Der Forscher Schönwerth (Alessandro Scheuerer) wird umjagt von Märchenfiguren wie dem Bilmesschneider. Bariton Daniel Ochoa begeistert in dieser Rolle benso wie als Holzmännlein. (Foto: Opernfestival Oberpfalz)

19.07.2021

Zwischen Traum und Wirklichkeit

Die Kammeroper „inSOMNIA“ über den Volkskundler und Märchensammler Franz Xaver Schönwerth begeistert das Amberger Publikum

Der große Coup kam zum Schluss: Da gingen die Tore vom alten Ringlokschuppen hinter der Bühne auf, und das Publikum schaute in einen märchenhaft malerischen Abendhimmel. Spätestens da war der begeisterte Beifall für die Uraufführung beim „Opernfestival Oberpfalz“ in Amberg sicher. Dessen erste Ausgabe hatte sich den alten, großen Geschichten verschrieben: mit Webers „Freischütz“ und  mit der Kammeroper „inSOMNIA“, in deren Mittelpunkt der Amberger Volkskundler und Märchensammler Franz Xaver Schönwerth (1810 bis 1886) steht.

Für  "inSOMNIA" hat man eine passend märchenhafte Umgebung gesucht und im Amberger Ringlockschuppen am Galgenbergweg gefunden, das der Bühnenmeister vom Theater Regensburg, Max Zeller, auf Trab gebracht hat. Das Ambiente für die drei Vorstellungen ist faszinierend mit den Stapeln uralter Eisenbahnschwellen, Wassertanks für die Dampfloks und mit diesem „Schuppen“, in den die Lokomotiven zu Wartung und Reparatur über einen drehbaren Verteiler einfahren konnten: ein Industriedenkmal aus dem 19. Jahrhundert (Kaolinbahn) - und damit aus den Zeiten Schönwerths.

Wie ihn seine Märchen und Sagen bis in den Schlaf verfolgen, wie die Märchenfiguren Realität gewinnen und Schönwerth nicht mehr zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden kann: Das erzählt diese Ein-Stunden-Kammeroper von Raphael Fusco. Der ist sonst mit  verschiedensten Projekten in den USA unterwegs, macht „musikalische Magie“ auf der Donau zwischen Wien und Budapest, dirigiert klassische Oper an der New York City Opera und  Off Broadway  oder auch mal eine Hanns-Eisler-Premiere an der Boston University. Er kennt sich aus im klassischen Musikvorrat, bei Jazz und modernem Schmuse-Sound – und weiß, wie man’s mischt. In Amberg mischt er souverän die Stimmen von sieben Musikern des Festivalorchesters samt seinem Klavier, von dem aus er dirigiert.

 Die Bühne von Maria Preschel deutet eine psychiatrische Klinik an. Regisseurin Evi Eiberger (Regie) lässt die schizophrene Geschichte, die sich Ruth Zapf ausgedacht und für die sie das Libretto geschrieben hat, mit einfachen Mitteln zwischen der Bewusstseins- und der Traumebene pendeln.

Mit wispernden Stimmen und Geräuschen fängt das Stück an, irgendwo im Lokschuppen singt jemand - der tablettensüchtige Schönwerth wacht auf. Es sind die Figuren seiner Märchen, zugleich die Pflegekräfte der Klinik, die auf den Forscher eindringen.

Fusco hat für jede Szene die passende Musik komponiert: zarte Andeutungen für die „Wasserfrau“ (Sheida Damghani), ein presto agitato mit heftigen Gefühlswallungen für Holzmännlein und -weiblein (der großartige Daniel Ochoa von der Wiener Volksoper und Eva Maria Summerer). Die entscheidende Frage: Was geht in solchen Märchenfiguren eigentlich vor, was für ein Innenleben haben sie, und was erzählen sie Schönwerth davon in seinen Träumen?

Fragen ans Publikum, ein Schnaderhüpfl-Tänzchen mit einem Rapper, das alles läuft eher ins Leere – hauptsächlich geht es um den Stilmix. Der Geschichte fehlt ein bisschen die dramatische Zielsetzung, auch wenn dramatische Szenen wie die des „Feurigen Mannes“ mit viel Aplomb begeistern können – bis hin zum schönen lyrischen Epilog. Die Musik klingt jetzt „so romantisch nach alten Zeiten“, Schönwerth befreit sich von seiner Psychose und erzählt die Märchen, die ihn bedrängen - und wird selbst zur Märchenfigur: „Wir haben ihn an seinen Traum verloren.“ Das Publikum war von "inSOMNIA" begeistert. (Uwe Mitsching)

 

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