Landtag

Obdachlose Menschen sind im öffentlichen Raum häufig ohne geschützten Rückzugsort. (Foto: dpa/Sven Simon)

14.10.2026

483 Straftaten gegen Obdachlose in Bayern – aber kein neuer Aktionsplan

Eine Grünen-Anfrage zeigt: Zur Ausstattung der Streetwork-Angebote hat die Staatsregierung keine eigenen Daten. Auch wie viele Menschen durch Housing First dauerhaft eine Wohnung bekommen haben, ist nicht bekannt

Wer keinen geschützten Ort zum Schlafen hat, kann Konflikten oder Angriffen im öffentlichen Raum kaum ausweichen. Gewalt gegen Wohnungslose ist deshalb nur eine der Herausforderungen, mit denen obdachlose Menschen und die Wohnungslosenhilfe konfrontiert sind. Hinzu kommen medizinische Versorgung, Notunterkünfte, Streetwork – und die Frage, wie sich der Verlust einer Wohnung frühzeitig verhindern lässt.

Der Grünen-Landtagsabgeordnete Jürgen Mistol wollte daher von der Staatsregierung wissen, wie sich Wohnungs- und Obdachlosigkeit in Bayern entwickelt, welche Hilfsangebote vorhanden sind und wie Betroffene vor Gewalt geschützt werden. Er fragte außerdem nach dem Aktionsplan „Hilfe bei Obdachlosigkeit“, der Stiftung Obdachlosenhilfe Bayern und den Erfahrungen mit Housing First.

Bei Gewalttaten gegen Betroffene formuliert die Staatsregierung ihre Haltung deutlich: „Die Bayerische Polizei tritt solchen Taten mit aller Konsequenz entgegen.“ Ergebe sich der Verdacht auf eine Straftat gegen einen obdachlosen Menschen, müsse ein Ermittlungsverfahren eingeleitet werden. In Gefährdungssituationen könne die Polizei außerdem gegen Aggressoren vorgehen oder Betroffene auf geeignete Hilfseinrichtungen hinweisen.

483 Straftaten im vergangenen Jahr

Für 2025 weist die Polizeiliche Kriminalstatistik 483 Straftaten gegen obdachlose Menschen aus. Davon entfielen 212 Fälle auf Oberbayern, 80 auf Schwaben und 79 auf Mittelfranken. Es folgten die Oberpfalz mit 36, Unterfranken mit 33, Niederbayern mit 23 und Oberfranken mit 18 Fällen. Bei zwei weiteren Fällen war der Tatort innerhalb Bayerns unbekannt.

Insgesamt wurden bei diesen Straftaten 492 Opfer erfasst: 390 Männer und 102 Frauen. Der weit überwiegende Teil war erwachsen.

Auch zur Situation obdachloser Frauen hatte Mistol nachgefragt. Nach Angaben des Hauses von Sozialministerin Ulrike Scharf (CSU) gibt es für Menschen, die nicht institutionell untergebracht sind, Erkenntnisse aus einer bundesweiten Untersuchung von 2024. Danach lag der Frauenanteil in Bayern bei 35,8 Prozent. Unter den untergebrachten wohnungslosen Menschen beträgt er seit Beginn der Statistik 2022 rund 40 Prozent.

Mehr als 50 Fachstellen gegen Wohnungsverlust

Bei Streetwork-Angeboten liegt die Zuständigkeit laut Staatsregierung bei den Kommunen. Zur personellen Ausstattung und Finanzierung dieser Angebote lägen ihr keine Erkenntnisse vor. Über den Aktionsplan „Hilfe bei Obdachlosigkeit“ fördert der Freistaat allerdings Modellprojekte, darunter auch Streetwork und aufsuchende Sozialarbeit.

Ein Schwerpunkt liegt auf der Prävention. „Fachstellen sind daher das zentrale Instrument der Präventionsarbeit“, heißt es aus dem Sozialministerium. Menschen, denen etwa wegen Mietschulden oder persönlicher Krisen der Verlust ihrer Wohnung droht, können sich dort beraten lassen. Das Netz dieser Fachstellen sei in den vergangenen Jahren auf inzwischen mehr als 50 Standorte in Bayern ausgebaut worden.

Eine Erweiterung des Aktionsplans plant das Haus von Scharf aktuell jedoch nicht. „Ein Ausbau des Aktionsplans ‚Hilfe bei Obdachlosigkeit‘ ist derzeit nicht vorgesehen“, heißt es in der Antwort. Zugleich verweist das Ministerium darauf, dass bislang kein Projekt wegen fehlender Fördermittel abgelehnt werden musste.

Die Stiftung Obdachlosenhilfe Bayern habe seit ihrer Gründung bis Juli 2026 insgesamt 180 Projekte und Maßnahmen gefördert. Dazu gehörten Beratungsangebote, Unterkünfte, medizinische und hygienische Versorgung sowie Beschäftigungs- und Teilhabeprojekte. Wie viele Menschen damit insgesamt erreicht wurden, wird nicht projektübergreifend erfasst.

Housing First gilt für Zielgruppe als wirkungsvoll

Auch nach Housing First hatte Mistol gefragt. Bei diesem Ansatz erhalten wohnungslose Menschen möglichst direkt eigenen Wohnraum und werden anschließend sozial begleitet. Die Staatsregierung steht nach eigenen Angaben mit laufenden Projekten in München, Nürnberg und Würzburg in Kontakt. Der Aufbau von Housing First Nürnberg sei zudem über den Aktionsplan gefördert worden.

Wie viele Menschen durch solche Projekte in Bayern dauerhaft eine Wohnung bekommen haben, ist der Staatsregierung allerdings nicht bekannt. Für die eng abgegrenzte Zielgruppe langzeitwohnungsloser Menschen mit komplexen Problemlagen habe sich Housing First jedoch „als sehr wirkungsvoll erwiesen“, heißt es. Zugleich betont das Sozialministerium, dass es zusätzlich ein breites Netz unterschiedlicher Hilfsangebote und vor allem bezahlbaren Wohnraum brauche. (loh)

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