Landtag

Mehrarbeit für Grundschullehrer: Die Betroffenen sind wütend. (Foto: dpa/Nicolas Armer)

06.03.2020

"Aufteilung des Ministeriums ist nicht zeitgemäß"

Eva Gottstein, bildungspolitische Sprecherin der Freien Wähler, über Lehrer-Mehrarbeit, schlankere Zeugnisse und die Organisation des Kultusministeriums

BSZ: Frau Gottstein, war es rückblickend eine gute Idee der Freien Wähler, das Kultusministerium zu übernehmen?
Eva Gottstein: Als Bildungspolitikerin sage ich von ganzem Herzen Ja.

BSZ: Nun haben aber Sie den Ärger mit den Grund- und Mittelschullehrern an der Backe, und nicht die CSU.
Gottstein: Unangenehmes auszuhalten gehört in der Politik dazu. Aus unserer Sicht hätte es des Ärgers nicht bedurft. Ich finde, die Debatte über die Maßnahmen zur Sicherstellung der Unterrichtsversorgung wird viel zu emotional geführt.

BSZ: Hätte es nicht andere Lösungen gegeben, als ohnehin stark belasteten Lehrkräften noch mehr Arbeit aufzubürden?
Gottstein: Wir wissen, wie engagiert unsere Lehrkräfte sind. Aber was hätten wir denn sonst tun können? Wir hätten die mobile Reserve reduzieren können, was kurzsichtig wäre. Wir hätten die Klassengrößen anheben können, was den Tod vieler kleiner Grundschulen bedeuten würde. Wir hätten Unterrichtsstunden kürzen können, was weder rechtlich noch politisch durchsetzbar gewesen wäre. Wir hätten Lehrkräfte aus dem Ganztagsbetrieb abziehen können, wo ich aber pädagogisch qualifizierte Fachkräfte brauche. Und Quereinsteiger aus anderen Berufen sind für uns wegen unseres Qualitätsanspruchs an Bildung keine Alternative.

BSZ: Im Wahlprogramm 2018 haben die Freien Wähler eine professionelle Personalplanung für die Schulen gefordert, jetzt greifen Sie selbst zu Notmaßnahmen. Scheitern Sie gerade an den eigenen Ansprüchen?
Gottstein: Wir haben es mit einem sehr schwerfälligen Dienstrecht für Beamte zu tun. Ich glaube, wir brauchen hier eine weitere Reform, die für mehr Flexibilität sorgt. Aber das wird Jahre in Anspruch nehmen.

BSZ: Woran denken Sie?
Gottstein: Zum Beispiel an Lebensarbeitszeitkonten, die individuell an die Bedürfnisse des Dienstherrn, aber auch des Beamten anpassbar wären. Auf diese Weise ließen sich auch Einstellungskorridore etablieren, die am jeweiligen Bedarf ausgerichtet sind. Es ist unser Ziel als Freie Wähler, in diesen etwas starren Apparat mehr Flexibilität zu bekommen.

BSZ: Sie selbst haben früher über die vielen bürokratischen Zusatzaufgaben für Lehrer geklagt. Minister Piazolo bietet nun zur Entlastung schlankere Zeugnisse und ein paar Proben weniger an. Ist das nicht etwas dünn?
Gottstein: Ich habe diese Bürokratisierung in der Tat schon immer zwiespältig gesehen. Sie hat ihre Ursache aber auch in Wünschen der Lehrerverbände und der Eltern. Die Zeugnisse sollten jenseits der Noten pädagogisch aussagekräftiger werden, und durch das Mehr an Proben sollte der Druck von den Schülern genommen werden, beim Übertritt von einigen wenigen Leistungserhebungen abhängig zu sein. Ich weiß nicht, ob diese Ziele erreicht wurden. Wenn da jetzt wieder etwas zurückgedreht wird, ist das in erster Linie eine Entlastung für die Schüler. Und wenn auch die Lehrer davon profitieren, ist das ein schöner Nebeneffekt.

BSZ: Hauptkritikpunkte sind das starke Stundenplus für Teilzeitkräfte, was vor allem Pädagogen über 50 trifft, und der spätere Antragsruhestand. Verstehen Sie den Frust der Betroffenen, die ihre Lebensplanung in Gefahr sehen?
Gottstein: Das verstehe ich. Mir würde es als Betroffene wahrscheinlich nicht anders gehen. Das Problem ist aber, dass wir einen Bedarf an Lehrkräften haben. Nicht weil man sich im Ministerium verrechnet hätte, sondern weil mobile Reserve und Ganztag ausgebaut wurden, weil gerade überdurchschnittlich viele Schwangerschaften von Lehrerinnen vorliegen und unerwartet viel Familienteilzeit in Anspruch genommen wird. Da reichen selbst die neu geschaffenen Lehrerstellen nicht aus. Um die Lücke zu schließen, bleibt nur der jetzt betroffene Personenkreis übrig, weil wir die Familienteilzeit nicht antasten wollen – auch wenn dabei auf sechs oder acht Wochenstunden reduziert werden kann und man fragen muss, ob das aufs Ganze gesehen sozialverträglich ist.

BSZ: Warum rüttelt man daran nicht?
Gottstein: Das ist eine gewaltige Aufgabe, die wegen des Beamtenrechts den ganzen öffentlichen Dienst betreffen würde. Ich weiß nicht, ob für Lehrer Sonderregelungen möglich wären. Aber nach meiner persönlichen Meinung sollte man zumindest überlegen, ob man die Stundenreduktion in Familienteilzeit staffeln könnte. Schließlich ist die Betreuungsintensität für ein kleines Kind eine andere als für einen 16-jährigen Jugendlichen.

"Manchmal tut es mir schon leid, dass ich nicht mehr so schimpfen kann wie in der Opposition"

BSZ: Den aktuell Betroffenen hilft das aber nichts.
Gottstein: Wer über Jahrzehnte nur wenige Stunden pro Woche unterrichtet hat und jetzt 24 geben muss, den trifft das in der Tat hart. Ich verstehe aber auch den Dienstherrn, der davon ausgeht, dass eine Beamtenstelle grundsätzlich eine Vollzeitstelle ist. Ich finde, wir müssen uns insgesamt überlegen, wie wir bei erwartbar steigenden Lebensarbeitszeiten ältere Lehrkräfte zumindest teilweise anders einsetzen können, um sie vom sehr anstrengenden Unterrichten zu entlasten. Indem man ihnen zum Beispiel stundenweise Verwaltungsaufgaben überträgt oder sie als erfahrene Praktiker verstärkt in der Lehrerausbildung einsetzt.

BSZ: Wenn eine andere Partei ein Ministerium übernimmt, gehört dazu oft der Austausch der Spitzenbeamten. Minister Piazolo hat das nicht gemacht. Ein Fehler?
Gottstein: Das beurteilen zu können, will ich mir nicht anmaßen. Ich kenne Michael Piazolo als einen, der fachlich fundierte Entscheidungen trifft.

BSZ: Aber so kann doch der Eindruck entstehen, es werde die von FW lange kritisierte CSU-Bildungspolitik einfach fortgesetzt, nur in Orange.
Gottstein: Das Kultusministerium ist ein großer Tanker, und da stelle ich mir schon die Frage, ob das in dieser Form noch das richtige Gefährt für eine Ozeanüberquerung ist. In einer Zeit, in der es um Mobbing, um Extremismus, um große pädagogische Herausforderungen geht, halte ich die Aufteilung des Ministeriums nach Schularten für nicht mehr so ganz zeitgemäß. Natürlich braucht man für schulorganisatorische Fragen getrennte Einheiten, aber auf mich wirkt es so, als würde zu wenig themenbezogen und schulartübergreifend gearbeitet.

BSZ: Was haben die Freien Wähler seit Eintritt in die Regierung bildungspolitisch durchsetzen können?
Gottstein: Aufbauend auf unseren Erfolg mit der Wiedereinführung des G9 haben wir die gymnasiale Oberstufe mit einem Leistungsfach und mehr Vertiefungs- und Wahlmöglichkeiten neu konzipiert. Wir haben den Einschulungskorridor für Erstklässler und die verpflichtenden Projektwochen in Alltagskompetenz für alle Schularten durchgesetzt. Wir haben ein Entfristungsprogramm für Lehrkräfte mit Zeitverträgen erreicht und weitere funktionslose Beförderungsämter an Grund- und Mittelschulen geschaffen.

BSZ: Was haben Sie noch vor?
Gottstein: Wir wollen die berufliche Bildung voranbringen. In den vergangenen Jahren ist es zu viel um die akademische Ausbildung gegangen. Man hat dabei den Wert unserer hervorragenden dualen Ausbildung etwas aus den Augen verloren.

BSZ: Was macht mehr Spaß: Regieren oder Opponieren?
Gottstein: Das wechselt. Manchmal tut es mir schon leid, dass ich nicht mehr so schimpfen kann. In der Opposition kann man eben manches etwas deutlicher ansprechen. Andererseits ist Mitregieren schon schön, weil man Dinge umsetzen kann und an Entscheidungen beteiligt ist. Da sieht man schneller, wenn man etwas erreicht hat. (Interview: Jürgen Umlauft)

Einen Online-Kommentar verfassen - so geht's

Scrollen Sie einfach ans Ende des Artikels, den Sie kommentieren wollen und geben Sie Ihre E-Mail-Adresse und einen nickname an. Die Nennung Ihres Namens ist freiwillig. Für die Nutzer sichtbar ist in jedem Fall NUR der nickname. Sie müssen sich auch nicht auf unserer Homepage anmelden. Aber unsere Netiquette akzeptieren. Und schon können Sie loslegen!

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!

Neuen Kommentar schreiben

Die Frage der Woche
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

Jahresbeilage 2020

Nächster Erscheinungstermin:
11.Dezember 2020

Weitere Infos unter Tel. 089 / 29 01 42 54 /56
oder
per Mail an anzeigen@bsz.de

Download der aktuellen Ausgabe vom 29.11.2019 (PDF, 15 MB)

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Unser Bayern

LesenNachbestellen

Nur für Abonnenten

Shopping
Anzeigen Mediadaten
BR Player
Bayerischer Landtag
Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.

Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.