Landtag

Tobias Gotthardt im Landtag. (Foto: Philipp Seitz)

10.05.2019

Der Selbstbewusste

Im Porträt: Tobias Gotthardt (Freie Wähler), Vorsitzender des Europaausschusses

„Hä? Was?“ – Wer kennt sie nicht, die Momente, in denen man sich fragt: Passiert das gerade wirklich? Tobias Gotthardt hatte im Jahr 2017 einen besonders krassen Hä-Moment. Damals radelte er eines Morgens im Nieselregen durch Brüssel, als sein Handy klingelte. „Servus, da ist der Hubert“, begrüßte ihn Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger. Und bot ihm unvermittelt die Bundestagskandidatur für den Landkreis Regensburg an. „Da stehst du dann da im Nieselregen und denkst nur: Hä? Was?“, erzählt Gotthardt. Er habe Aiwanger zwar zuvor mal auf einem Sommerfest getroffen und ihm erklärt, er könne sich gut vorstellen, etwas für die Freien Wähler zu machen. „Aber ich hatte an so etwas wie einen Vortrag gedacht“, sagt der 41-Jährige.

Mit Selbstzweifeln hält sich der Oberpfälzer eher nicht auf. Wenn sich ihm eine Gelegenheit bietet, greift er zu. Das tat er im Fall von Aiwangers Angebot. Und auch zuvor, als ihm die CSU-Frau Emilia Müller noch während seines Politikwissenschaft- und Germanistikstudiums einen Job in ihren Büros angeboten hatte. Gotthardt, der damals Journalist werden wollte, hatte Müller bei einem Termin für die Mittelbayerische Zeitung kennengelernt. „Es gibt Leute, da spürt man sofort, dass man auf einer Wellenlänge ist“, sagt Gotthardt. Nach dem Studium fing er bei Müller, inzwischen EU-Abgeordnete, als parlamentarischer Mitarbeiter in Brüssel an. „Das war das Katapult in meinem Lebenslauf“, sagt Gotthardt heute. „Der Rest hat sich dadurch irgendwie ergeben.“

Der Rest: verschiedene Stationen in Brüssel, München und Berlin – unter anderem bei der späteren CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt im Bundestag. Zuletzt war Gotthardt Büroleiter des EU-Abgeordneten Arne Gericke, der 2014 für die Familienpartei ins Parlament einzog, dann zu den Freien Wählern wechselte, inzwischen aber dem christlich-konservativen Bündnis C angehört. „Ja, der hat eine etwas wilde Tour gemacht“, gibt Gotthardt zu. Als dreifacher Vater – seine Buben sind fünf, zehn und 13 Jahre alt – habe er aber eine Familie zu ernähren gehabt. „Und es hat vom Persönlichen her super gepasst“, begründet Gotthardt seine Entscheidung für die Stelle bei Gericke.

Gotthardt selbst ist seit 2015 Mitglied bei den Freien Wählern. Bei der Bundestagswahl, für die er Aiwanger nur zehn Minuten nach dessen Anruf zusagte, holte er das drittbeste Ergebnis seiner Partei. 2018 folgte die erfolgreiche Landtagswahl. Und dann gab es wieder einen dieser „Hä? Was?“-Momente in Gotthardts Leben. Er wurde als Landtags-Neuling nicht nur jugendpolitischer Sprecher seiner Fraktion, sondern auch gleich Ausschusschef. „Dazu kam ich wie die Jungfrau zum Kinde“, erklärt Gotthardt. Gerade noch hatte er eine Butterbreze am Wiener Platz gegessen, als bei der Rückkehr in den Landtag Fabian Mehring, Parlamentarischer Geschäftsführer der FW, an ihm vorbeieilte. Der kam gerade aus dem Ältestenrat und rief ihm zu: „Wir haben den Europaausschuss, und du bist Vorsitzender.“ Gotthardt war so baff, dass er Mehring noch einmal anrief, um zu fragen, „ob das eben real war – oder nicht doch ein Tagtraum“.

Europas Superman?

Von Unsicherheit aber auch da keine Spur. Als Vorsitzender des Europaausschusses hat Gotthardt viel vor. Er will näher ran an die Brüsseler Tagespolitik. „Mir ist aufgefallen, dass wir mit unseren Themen im Landtag oft sehr weit weg sind von dem, was dort besprochen wird.“ In Brüssel zähle zudem ganz stark das Informelle, sagt Gotthardt und fügt selbstbewusst an: „Und ich kenne die Schaltstellen.“ Eine zum Beispiel seien die Berichterstatter in den Ausschüssen, die Inhalte im Gesetzgebungsverfahren noch einmal maßgeblich beeinflussen könnten. „Jetzt werden unsere Landtagsbeschlüsse regelmäßig ins Englische übersetzt und direkt an die Berichterstatter geschickt“, erklärt Gotthardt stolz.

Die Feierabende verbringt der 41-Jährige am liebsten mit Joggen oder beim Bier mit Freunden. Das Bier sei aber gerade während der Sitzungswochen leichter einzuplanen als der Sport, gesteht Gotthardt. „Die Politik hinterlässt ihre Spuren, ich bin aber dabei, wieder in Form zu kommen.“ Aufs Äußere legt Gotthardt Wert. Er hat ein Faible für auffällige Anzüge. Über 15 hängen bei ihm im Schrank, seit vergangener Woche auch ein heller mit rotem Karo.

Mit Sorge blickt Gotthardt auf die Europawahl, eine „echte Schicksalswahl“. Ihn beunruhigen nicht nur die zu erwartenden Gewinne der Populisten. „Wir erleben eine Professionalisierung auf der rechten Seite“, warnt Gotthardt. „Bislang war das auf gut bairisch ein rechter Sauhaufen“, sagt er. Zu erwarten sei nun aber, dass eine größere Koalition unter Leitung von AfD, Le Pen und Konsorten entstehe. „Das macht mir etwas Angst“, so Gotthardt, der im EU-Parlament mit Rechtspopulisten schon unliebsame Erfahrungen gemacht hat. Sein damaliger Chef Gericke war in der europakritischen EKR-Fraktion, zu der auch zwei AfD-Abgeordnete gehörten. Als Gericke deren Ausschluss beantragte, wurde es hässlich. „Es war ein harter Kampf, der sehr ins Persönliche ging“, erzählt Gotthardt.

Um möglichst viele Bayern am 26. Mai an die Urnen zu bringen, hat sich Gotthardt in der Rolle als Europaausschuss-Chef eine kleine Kampagne ausgedacht. Auf einem der Plakate posiert er als eine Art Superman – als Umhang fungiert die EU-Flagge. Gotthardt setzt sich gerne humorvoll in Szene. Seine Hompage zum Beispiel ziert ein Bild, auf dem er übers Wasser zu laufen scheint. „Ganz ohne Photoshop“, erklärt Gotthardt stolz. Er steht auf zwei Bierkästen in einer seichten Stelle der Naab.

Ganz in der Nähe wuchs Gotthardt mit zwei jüngeren Brüdern auf – in Kallmünz, später in Burglengenfeld. Er war Ministrant und in der katholischen Jugendarbeit engagiert. „Ich glaube, das hat mich politisch werden lassen – jenseits der Parteipolitik“, sagt er. Er überlegte damals sogar, Priester zu werden. „Das ist ein cooler Beruf“, erklärt Gotthardt. „Aber für das Zölibat war ich nicht geeignet.“ Noch heute bedeutet ihm der Glaube viel. „Ich trage ihn aber nicht als Monstranz vor mir her.“

Aber nicht nur politisch sei er durch die Jugendarbeit geworden, sagt Gotthardt, der später auch kommunaler Jugendbeauftragter seiner Stadt wurde. Sie habe ihn auch stark gemacht. „Das glaubt mir immer keiner, aber ich war früher unglaublich schüchtern, habe kaum ein Wort herausgebracht“, erzählt Gotthardt. „Eingebunden zu werden und Verantwortung zu tragen – damit hat sich das krass geändert.“ (Angelika Kahl)

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