Landtag

Trat im Maximilianeum selbstbewusst auf: Griechenlands Ex-Außenministerin Dora Bakoyanni. (Foto: Politische Akademie Tutzing)

28.10.2011

"Die Griechen sind kein faules Volk"

Akademie-Gespräch: "Die griechische Krise: Europas Herausforderung"

Wie einflussreich die einzelnen griechischen Abgeordneten sind, wird mit teuren Meinungsumfragen ermittelt. Für die wirklich mächtigen Politiker des Landes gibt es indes einen ebenso kostenlosen Indikator, mit dem sich die tatsächlich mächtigen hellenischen Volksvertreter bestimmen lassen: Es handelt sich um eine Handvoll, die vom Volk mit dem Vornamen bezeichnet wird. Spricht also der Bürger von Andreas, erinnert er sich an den längst verstorbenen Premier Andreas Papandreou. Wird Melina erwähnt, ist die Rede von der ebenfalls verblichenen ehemaligen Kultusministerin Melina Merkouri. Und kolportiert jemand, was die Dora mal wieder gemacht hat, dann ist die Chefin der neugegründeten Partei Demokratische Allianz Dora Bakoyanni gemeint.

Zuckerbrot-und-Peitsche-Prinzip

Insofern überraschte die selbst- und machtbewusste Bakoyanni beim Akademie-Gespräch im bayerischen Landtag mit der für ihre Verhältnisse unterwürfigen Einleitung: „Es ist heute für mich als Griechin schwer, vor Ihnen zu sprechen.“ Danach erklärte Bakoyanni innerhalb ihres Referats „Die griechische Krise: Europas Herausforderung“: Als Mitglied vergangener Regierungen trage sie persönlich Schuld an der politisch-wirtschaftlichen Krise ihres Heimatlands. „Klientelismus, Aufblähung des Staatsapparats und steigende Staatsverschuldung sind die Hauptschuld der griechischen Regierungen“, sagte sie. Und nicht zuletzt: „Der Verbrauch übersteigt die Produktion.“ Keine dumme Strategie: Wer sich selbst bezichtigt, nimmt potenziellen Kritikern den Wind aus den Segeln.
In diesen Anfangsmomenten erinnerte einzig die Donnerstimme an jene Dora, die bis vor drei Jahren von Freund und Feind als erste griechische Ministerpräsidentin gehandelt wurde. Mit diesem Organ hat Bakoyanni während vergangener Wahlkämpfe etliche Male auf den zentralen Plätzen Athens Tausende Anhänger und Gegner inklusive Tröten und Trommeln übertönt.
Im Senatssaal des Maximilianeums hätte sie kein Mikrofon gebraucht – der zügige Übergang vom Zuckerbrot- zum Peitsche-Prinzip wäre so oder so vernommen worden. Nebenbei stahl die 57-Jährige ihrem einstigen Professor, dem scheidenden Leiter der Tutzinger Akademie für politische Bildung Heinrich Oberreuter sie Show. Immerhin moderierte er zum letzten Mal die Veranstaltungsreihe.
Zurück zum Zuckerbrot-und Peitsche-Prinzip: „Die Griechen sind kein faules Volk, sie leben unter Ihnen, haben unter Ihnen gearbeitet und sich Ihren Respekt verdient“, erklärte Bakoyanni. Im eigenen Land müssten die Politiker hart arbeiten, etwa Privatisierungen vorantreiben. Vom griechischen Volk dagegen dürften keine weiteren Opfer verlangt werden. „Aber das ist unsere Krise, nicht eure“, rief sie den Zuhörern zu. Griechenland habe gerade mal einen Anteil von 2,8 Prozent am europäischen Bruttosozialprodukt. Folglich sei es nicht Auslöser der Euro-Krise. Stattdessen drückte Bakoyanni ihr Misstrauen gegen die US-amerikanischen Rating-Agenturen aus.
Den Einwand eines Zuhörers , es sei für Europa von Interesse, dass es starke Länder wie Deutschland gebe, deren Steuerzahlern man nicht zumuten könne, für die griechische Misere aufzukommen, entgegnete sie frostig: „Es gibt Dinge, die wir als europäische Gemeinschaft zusammen tragen müssen. Immerhin haben wir ja auch alle zusammen die Wiedervereinigung Deutschlands ermöglicht.“
Eines war auffallend: Bakoyanni verlor kein böses Wort über ihren ewigen Widersacher, den amtierenden Premier Griechenlands Georgios Papandreou. Übrigens auch ein Politiker, den das Volk beim Vornamen nennt – allerdings mit dem herabsetzenden Diminutiv Georgakis, zu Deutsch: kleiner Georgios. Will heißen: kleiner, willensschwacher Sohn des mächtigen Andreas. (Alexandra Kournioti)

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