Landtag

Rosi Steinberger im Landtag. (Foto: Privat)

20.11.2020

Die Öko-Kämpferin

Im Porträt: Rosi Steinberger (Grüne), Vorsitzende des Umweltausschusses

Die Grüne Rosi Steinberger ist eine Frau, der es eigentlich vor gar nichts graust. „Ist es irgendwo eklig und stinkt, muss man damit rechnen, dass ich mich dafür interessiere“, sagt die 60-jährige Umweltpolitikerin und lacht. Dennoch, an einem Sommerabend 2017 wurde es selbst ihr zu viel. In Sulzbach am Inn, wo Anwohner über eine Kakerlakenplage klagten, von den Behörden aber nicht ernst genommen wurden, ging sie auf nächtliche Schabenjagd. Und sah, wie Kakerlaken aus Überläufen quollen und an Wänden hingen. Als dann auch noch ein besonders dickes Exemplar auf sie zurannte, erfasste die sonst so besonnene Abgeordnete die Panik. Steinberger: „Ich bin regelrecht in die Luft gesprungen.“

In ihrer Heimat Niederbayern ist Steinberger, die seit 2013 im Landtag sitzt und seit 2018 Vorsitzende des Umweltausschusses ist, als „Landshuter Umweltsheriff“ bekannt. Weil die Passauer Woche sie mal so nannte. Weil Steinberger nicht lockerlässt, wenn Behörden nichts gegen Ökosünden unternehmen. So kämpfte die Grüne jahrelang dafür, dass 10 000 Tonnen giftiger Teer, den ein Landwirt unter einem Silo verbauen ließ, wieder entfernt werden mussten. Mit ihrem Engagement im sogenannten Hutthurmer Teerskandal verschaffte sie sich viel Aufmerksamkeit – und Respekt.

Großen Respekt bringt man Steinberger auch in der Grünen-Landtagsfraktion entgegen. Und so war nach der Landtagswahl 2018 völlig klar, dass sie den Vorsitz im Umweltausschuss übernimmt. Den wollte Steinberger unbedingt. Im Ausschuss kommt ihre ruhige, freundliche, aber auch bestimmte Art fraktionsübergreifend gut an. Ein kollegialer Ton ist Steinberger wichtig. Die Niederbayerin bringt sich aber auch inhaltlich stark ein. Was wiederum nicht jedem gefällt. Ein CSUler kritisiert: „Sie hat laufend Probleme mit der notwendigen Neutralität einer Vorsitzenden.“

Ihr Widerspruchsgeist wurde im katholischen Mädcheninternat geweckt

Trotz ihrer verbindlichen Art ist sie eben auch eine Frau, die sagt, wenn ihr etwas nicht passt. Das sei schon in ihrer Jugend so gewesen, als sie auf ein katholisches Mädcheninternat in der Nähe von Landshut ging, erzählt sie. Keine Jungs, kein Ausgang in die Stadt – das strenge Regiment in der Schule habe ihren Widerspruchsgeist geweckt. Als Klassensprecherin versuchte sie, Dinge zu ändern.

Vielleicht aber habe sie eine gewisse Zähigkeit auch von ihrer Mutter geerbt, meint Steinberger. Die hatte auf einen kleinen Bauernhof eingeheiratet und wurde dort von der Schwiegermutter arg drangsaliert, während der Vater in der Fabrik arbeitete, weil der Hof nicht zum Leben reichte. Auch Steinberger und ihr älterer Bruder packten dort mit an. Beim Ausmisten zum Beispiel.

Selbst Bäuerin zu werden, das war für Steinberger einst eine Option. Nach dem Studium aber arbeitete die Agraringenieurin zunächst an der TU München – bis sie mit ihrem Mann, einem Betriebswirt, zwei Söhne bekam. Die junge Familie zog 1995 in die 5000-Einwohner-Gemeinde Kumhausen südlich von Landshut. Und ergatterte dort in der gerade eröffneten Kita zwar einen Platz für den älteren Buben – aber nur von 13 bis 16 Uhr. „So war es unmöglich zu arbeiten“, stöhnt Steinberger.

Doch als Mutter und Hausfrau begann sie, sich vor Ort zu engagieren. Viele Jahre war sie Vorsitzende im Elternbeirat. „Und da habe ich gemerkt, dass es mir Spaß macht, die Tagesordnung zu bestimmen“, erinnert sich Steinberger. 2002 zog sie dann für die Grünen in den Gemeinderat von Kumhausen ein. „Für mich gab es nie eine andere Partei“, sagt sie. Weil der Erhalt einer gesunden Umwelt bereits während des Studiums eines ihrer wichtigsten Anliegen war. Aber auch, weil sie die gelebte Gleichberechtigung in der Partei überzeugte. Steinberger: „Sagst du dort als Frau, du möchtest Verantwortung übernehmen, dann kriegst du sie auch.“

Und Steinberger wollte. 2004 übernahm sie den Vorsitz des Grünen-Kreisverbands im Landkreis Landshut, 2007 wurde sie Vorsitzende des Bezirksverbands Niederbayern. In den Kreistag zog Steinberger 2008 ein, wurde erst Dritte, dann Zweite Bürgermeisterin ihrer Heimatgemeinde. „Ich war mir total sicher, dass ich gewinne“, sagt Steinberger und muss selbst lachen. Denn sie trat gegen den amtierenden CSU-Bürgermeister an – und damals hielt man die Grünen in Niederbayern noch für Exoten. „Ich weiß, das klingt ein bisserl weltfremd“, gibt Steinberger zu. „Aber du musst von dir überzeugt sein, sonst kannst du so einen Wahlkampf gar nicht durchstehen.“ Und immerhin: Steinberger kam auf 26 Prozent, der CSU-Mann auf 51.

Lieber Kompromisse als harte Auseinandersetzungen

Steinberger arbeitete, während die Kinder größer wurden, als wissenschaftliche Angestellte für den Grünen-Bundestagsabgeordneten Anton Hofreiter. Sieben Jahre lang – bis zu ihrem Einzug in den Landtag 2013. Sie saß im Umwelt- und im Wissenschaftsausschuss, doch der Skandal um die Firma Bayern-Ei dominierte Steinbergers erste Legislaturperiode. Die Arbeit im Untersuchungsausschuss, der klären sollte, ob Behörden bei der Kontrolle geschlampt hatten, „war das Anstrengendste, das ich je gemacht habe“, sagt sie. Ein Jahr lang wühlte sie sich gemeinsam mit einer Mitarbeiterin durch Tausende Akten. „Auch die kompletten Ferien gingen dafür drauf“, erinnert sich Steinberger. Der Aufwand aber habe sich gelohnt, meint sie. Eine neue zentrale Lebensmittelkontrollbehörde für Großbetriebe wurde geschaffen und mehr Personal eingestellt.

Es ging hart zur Sache im Untersuchungsausschuss, doch für Steinberger ist das kein Grund, im Groll zurückzublicken. „Ich bin nicht nachtragend, das sollte man in der Politik auch nie sein“, sagt sie. Ärger könne sie oft einfach wegschlafen, erklärt sie. Außer, wenn sie sich über sich selbst ärgere. Zum Beispiel, wenn sie im Nachhinein denkt, dass sie vielleicht nicht hartnäckig genug war. „Ich bin manchmal geneigt, zu schnell nachzugeben“, gesteht Steinberger. Denn der Kompromiss sei ihr oft lieber als die harte Auseinandersetzung.

Entspannung findet Steinberger beim Kochen. „Während Corona habe ich meinen Apfelstrudel perfektioniert“, erzählt sie. Und sie singt gern. In dieser Legislatur haben die Grünen einen Fraktionschor gegründet, die wöchentlichen Treffen fallen coronabedingt gerade aus. Steinberger freut sich schon sehr darauf, wenn der Chor wieder bei Fraktionsfeiern auftreten kann. „Super Trouper von Abba haben wir schon perfekt drauf.“ (Angelika Kahl)

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Kommentare (1)

  1. Willi vor 2 Wochen
    Ganz meine Cousine, wie ich Sie kenne. Auch ich schätze den Kompromiss in meiner Arbeit.

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