Landtag

Natascha Kohnen. (Foto: dpa/Karmann)

09.10.2020

Die Sachliche

Im Porträt: Natascha Kohnen, Landtagsabgeordnete und Vorsitzende der Bayern-SPD

Eigentlich hat Natascha Kohnen einen Job, der mega-schlechte Laune garantieren müsste: Sie sitzt einer Partei vor, die gegen den Sturz in die Bedeutungslosigkeit kämpft. Einer Partei, die in der Landtagswahl 2018 mit 9,7 Prozent eine historische Schmach erlebte. Eine Schmach, die Kritiker auch ihr, der damaligen Spitzenkandidatin, anlasten. Seither stecken die bayerischen Genossen im Umfragetief fest.

Von schlechter Laune bei Kohnen aber keine Spur. Fröhlich sitzt die Vorsitzende der Bayern-SPD in einem Münchner Café in der Sonne. Gespielt wirkt ihre gute Laune nicht. Aufgeben – das ist nichts für die 52-Jährige. Kohnens Anhänger schätzen das an ihr. Kritiker aber bringt sie damit zur Weißglut. Manche sind noch heute fassungslos darüber, dass sich Kohnen im Januar 2019 erneut zur Vorsitzenden wählen ließ – mit respektablen 79,3 Prozent der Stimmen.

Zur Wahrheit gehört: Es hatte sich damals kein anderer um den Job gerissen. „Ich habe immer klargemacht, dass ich nicht an meinem Amt klebe“, erklärt Kohnen heute. Aber ohne andere Bewerber*innen für den Posten wollte sie eben nicht einfach hinschmeißen. Jetzt geht es ihr darum, das soziale Profil der SPD wieder zu schärfen und Vertrauen zurückzugewinnen, das man, wie sie glaubt, mit Themen wie Hartz IV verspielt habe. Nicht zuletzt die Corona-Krise habe doch gezeigt, wie wichtig ein starker Sozialstaat für die Menschen sei, sagt Kohnen.

In der Politik per Zufall gelandet

In die Politik gelangte die gebürtige Münchnerin per Zufall. 1999 kehrte Kohnen aus Paris zurück, zwei Jahre lang hatte die zweifache Mutter dort mit ihrer Familie gelebt. Als die Diplom-Biologin damals in Neubiberg nach einem Kitaplatz fragte, weil sie wieder als Lektorin für naturwissenschaftliche Fachbücher arbeiten wollte, hörte sie als Antwort: „Na, Kitas brauch ma ned. Wenn Frauen frei ham, gehen’s eh nur shoppen.“ Kohnen: „Ich habe gedacht, mich trifft der Schlag.“ Mit ihrem Ärger über die Rathaus-Auskunft lief sie der SPD-Frau Johanna Rumschöttel in die Arme, die damals Bürgermeisterin von Neubiberg werden wollte und dann auch wurde. Kohnen unterstützte ihren Wahlkampf und trat 2001 selbst in die SPD ein. Da war sie 33.

Die Begegnung mit Rumschöttel, die heute eine gute Freundin ist, war aber nicht Kohnens erste Berührung mit der SPD. Ihre Mutter, eine Irin, verließ die Familie früh. Und als der Vater noch einmal heiratete, – Kohnen war sechs Jahre alt –, „kam mit dieser neuen Frau die Emanzipation ins Haus“, erzählt sie. „Sie war für mich wegweisend.“ Nicht nur was Frauenrechte anging. Die Stiefmutter, die vor den Toren der BMW-Werke schon Wahlkampf für Willy Brandt gemacht hatte, nahm Kohnen zu einer Veranstaltung auf dem Münchner Marienplatz mit, bei der sich Helmut Schmidt als Bundeskanzler verabschiedete. „Dass erwachsene Leute da heulten, hat mich fasziniert“, sagt Kohnen. Sie wollte wissen, wer dieser Mann da oben auf der Bühne ist.

Wirklich geprägt aber hat sie der Tag im Jahr 1985, als sie am Bauzaun von Wackersdorf stand, sagt Kohnen. Ihr Direktor vom Münchner Luisengymnasium hatte damals für die Schulklassen zwei Busse für die Fahrt zur geplanten Wiederaufbereitungsanlage gemietet. Kohnen war 18 und geschockt von der Brutalität, mit der gegen die Protestierenden vorgegangen wurde. Sie selbst bekam die Staatsmacht auch einmal zu spüren. Als sie mit Freunden Flugblätter gegen die Volkszählung in der Schule verteilte – „Nur Schafe lassen sich zählen“ stand in ihrer Handschrift darauf. Kohnen kassierte eine Anzeige. Und eine Strafe von 1200 Mark.

„Ich war schon immer ein Naturwissenschaftsfreak“

Nach dem Abitur studierte Kohnen Biologie in Regensburg, arbeitete als Lektorin und machte sich später mit einem Redaktionsbüro für naturwissenschaftliche Schulbücher selbstständig. „Ich war schon immer ein Naturwissenschaftsfreak“, sagt sie. Kohnen hat die Sachlichkeit, nach der Naturwissenschaft strebt, zu ihrem politischen Stil erhoben. „Die Menschen würden die Dinge viel besser begreifen, würde man den Populismus weglassen“, sagt sie. „Mit Erklärungen würde Politik den Leuten so viel mehr bringen.“

Sachlichkeit statt derber Sprüche – Kohnens freundliche und zugewandte Art ist sympathisch. Doch lassen sich damit auch Wahlen gewinnen? „Zu ruhig, zu sachlich, zu wenig Biss“ – solche Vorwürfe kamen während des Wahlkampfs öfter. Dabei kann Kohnen durchaus Leute mitreißen, das hat sie in Plenardebatten des Landtags bewiesen. Die flammende Rede, in der sie 2016 die Flüchtlingspolitik und das „populistische Herausgeplärre“der CSU kritisierte, wurde zum Facebook-Hit.

Doch bei ihrem Hauptwahlkampfthema Wohnen wollten die Funken nicht so recht auf die Menschen überspringen. Kohnen ist trotzdem überzeugt, dass es richtig war, vor allem auf dieses Thema zu setzen und ihrem Stil treu zu bleiben. Und die Genossen wussten bei der Wahl im Mai 2017, dass sie mit Kohnen, die sich bei einer Mitgliederbefragung klar gegen fünf männliche Konkurrenten durchgesetzt hatte, keine Rampensau zu ihrer Chefin küren. „Den Söder mache ich nicht“, hatte sie bereits 2009 bei ihrer Wahl zur Generalsekretärin betont.

Kohnens Karriere nahm nach ihrem SPD-Eintritt schnell Fahrt auf. 2002 kam sie in den Gemeinderat, 2008 schaffte sie es in den Landtag. Sie saß dort erst im Umweltausschuss, später als energiepolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Wirtschaftsausschuss. Und an diesem Punkt wird Kohnen durchaus selbstkritisch: „Wir haben es damals verpasst, die Ökologie zu einem Standbein der Sozialdemokratie zu machen. Das war ein Fehler.“ Heute ist Kohnen wohnungspolitische Sprecherin und sitzt im Bauausschuss des Landtags. Ihr Wahlkampfthema wurde zu ihrer Passion.

In der SPD-Fraktion gehen die Meinungen über Kohnen auseinander. Während die einen ihren Fleiß und ihre Ideen als Fachpolitikerin loben, kritisieren andere, dass man sie kaum wahrnehme. Als Parteichefin zeige sie zu wenig Präsenz. Sauer stößt manchen auch auf, dass Kohnen Ende 2019 den Posten der SPD-Bundesvorsitzenden aufgab, weil damit der Einfluss Bayerns auf die Bundespartei geschwunden sei. „Für mich machte das keinen Sinn mehr“, sagt Kohnen. Zu unterschiedlich seien ihre und die Ansichten der früheren SPD-Chefin Andrea Nahles gewesen, etwa beim Thema Migration.

Anfang nächsten Jahres stehen in der Bayern-SPD Neuwahlen an, es kommt wohl eine Doppelspitze. „Bayern ist ein Riesenflächenland. Zu zweit kann man noch mehr schaffen“, erklärt Kohnen. Offiziell erklären, ob sie selbst wieder antreten wird, will sie noch nicht. Und bringt damit ihre Gegner einmal mehr gegen sich auf. Kohnen hält das aus. Die Kraft dafür geben ihr Freunde und Familie. Sie sagt: „Wenn ich nach Hause komme, stelle ich alles vor der Tür ab.“
(Angelika Kahl)

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