Landtag

Ihren Namen hatte außer FW-Chef Hubert Aiwanger so gut wie niemand auf der Rechnung: Anna Stolz. (Foto: dpa/Tobias Hase)

08.03.2019

Die Überraschungskandidatin

Im Porträt: Anna Stolz (Freie Wähler), Staatssekretärin im Kultusministerium

Anna wer? Als vergangenen Herbst im Landtag die neue Kabinettsliste des wiedergewählten Regierungschefs Markus Söder (CSU) kursierte, blieben die meisten Beobachter, Beamten und Abgeordneten an einem Namen hängen: Anna Stolz, Kultusstaatssekretärin, Freie Wähler. Auf den Smartphones wurden die Suchmaschinen angeworfen. Anna Stolz, 36 Jahre, Juristin, Bürgermeisterin von Arnstein in Unterfranken, frisch gewählte Landtagsabgeordnete. Diesen Namen hatte außer FW-Chef Hubert Aiwanger so gut wie niemand auf der Rechnung.

Auch für Stolz kam die Berufung damals überraschend. Ein Anruf Aiwangers, dann Vorstellung in der FW-Landtagsfraktion, Abstimmung dort, Ernennung, Vereidigung. „Die Berufung ist sehr demokratisch zustandegekommen“, betont Stolz rückblickend. „Ich wollte die Abstimmung in der Fraktion, weil mir deren Rückendeckung wichtig war.“ Noch heute ist sie „überwältigt“, dass es das Kultusministerium wurde. Bildungspolitik sei schon immer eine ihrer Leidenschaften gewesen. Als Tochter eines Volksschullehrers sei sie um schulpolitische Debatten nie herumgekommen. Im Kreistag von Main-Spessart arbeitete sie im Schulausschuss mit, und als Bürgermeisterin war ihr die Schulpolitik eine „Herzensangelegenheit“. „Frische Ideen“ wollte sie dort einbringen. Ihr besonderes Anliegen war es, die Schule zu öffnen als Bildungs- und Generationenzentrum mitten im Ort.

Ihre erste Leidenschaft galt aber der Juristerei. Schon in der Oberstufe des Gymnasiums habe sie im Leistungskurs Wirtschaft/Recht gemerkt, „dass mir die Arbeit mit Gesetzen Freude bereitet“. Als Mensch mit „ausgeprägtem Gerechtigkeitsempfinden“ entwickelte sie dann den Wunsch, Anwältin zu werden. Also schloss Stolz ans Abitur ein Jura-Studium in Würzburg und Barcelona an. Als Landei hätte sie für die Auslandssemester lieber ins beschaulichere Salamanca gewollt. Doch das Erasmus-Programm führte sie mit 21 in die Hauptstadt Kataloniens. Es war kein schlechtes Schicksal. Noch heute spürt sie zu Barcelona eine „tiefe Verbindung“. Wenn es geht, ist sie jedes Jahr einmal dort.

Nach dem zweiten Staatsexamen mit dem Schwerpunkt Öffentliches Recht verbrachte Stolz ihr Referendariat am Verwaltungsgericht Kassel, danach arbeitete sie in einer Düsseldorfer Kanzlei in den Bereichen Bau-, Abfall- und Umweltrecht. Aber Stolz wollte wieder zurück in die fränkische Heimat. Dass sie der Weg dorthin geradewegs auf den Bürgermeisterstuhl ihrer Heimatstadt Arnstein führte, war allerdings nicht geplant. Bei einem Besuch zu Hause, erzählt Stolz, sei sie mit einem Stadtrat ins Gespräch gekommen. Die Kommunalwahl 2014 stand vor der Tür, und irgendwie sei dann die Frage konkret geworden, ob sie nicht als gemeinsame Kandidatin von SPD, Grünen und Parteifreien gegen die CSU-Amtsinhaberin antreten wolle.

Ein „Wagnis“ sei das gewesen, räumt Stolz ein, denn Arnstein kannte seit Menschengedenken nur CSU-Bürgermeister. Und jetzt kommt da eine junge Frau mit 32 Jahren und will den alteingesessenen Ortsfürsten erklären, wie Kommunalpolitik geht? Sie sei damals bewusst als Parteilose und offen für alle angetreten. „Ich bin der festen Überzeugung, dass Kommunalpolitik reine Sachpolitik ist“, betont sie. Ideologische Parteiinteressen hätten da keinen Platz. 60,1 Prozent der Stimmen holte Stolz – dann machte sie sich an die Arbeit: Nicht als Chefin, sondern als Vermittlerin habe sie versucht, den zerstrittenen Stadtrat zu einen. Außerdem war es ihr Ziel, „in eine Stadt, die etwas verschlafen war, frischen Wind und frische Gedanken zu bringen“.

Plötzlich Bürgermeisterin

Leicht, bekennt Stolz, sei das nicht gewesen. Denn natürlich gab es Vorbehalte gegen die Neue. Doch nach ein paar Stadtratssitzungen war das erledigt. „Letztlich muss man durch Inhalte und Kompetenz überzeugen – aber das gilt für Frauen wie für Männer“, sagt Stolz. Natürlich hat auch sie festgestellt, dass es Frauen in der Politik schwerer haben, dass sie dort unterrepräsentiert sind.

Im Arnsteiner Stadtrat saß sie 24 Männern und einer Frau gegenüber. Von Quoten aber hält Stolz nichts. „Wir müssen Frauen unterstützen und motivieren, in die Politik zu gehen. Ich will aber keine starren Vorgaben, weil wir uns damit als Frauen auch abwerten.“ Den Begriff „Quotenfrau“ empfinde sie „fast als beleidigend“.

Als Bürgermeisterin amtierte Stolz nur viereinhalb Jahre. Sie habe im Amt rasch gemerkt, dass es schwer sei, auf kommunaler Ebene etwas ohne die Unterstützung von Abgeordneten und höheren Behörden zu bewegen. So sei die Entscheidung gereift, auf der Liste der Freien Wähler für den Landtag zu kandidieren. Wobei sie nun zwar Abgeordnete ist, aber den Landtag als Staatssekretärin eher wenig von innen sieht.

Wie ist das eigentlich so als unbekannter Neuling am Kabinettstisch mit Menschen, die man vorher nur aus dem Fernsehen kannte? „Ach, da gewöhnt man sich schnell dran“, sagt Stolz – sie macht wenig Aufhebens um ihren steilen Aufstieg. Sie erlebe im Kabinett einen „sehr respektvollen Umgang“.

Und sonst? Stolz überlegt kurz. Was ihr im neuen Amt fehlt, ist der enge Kontakt zu den Bürgern. „Als Bürgermeisterin bist du drei Mal in der Woche beim 80. Geburtstag zum Kaffee und diskutierst mit der Verwandtschaft über Schlaglöcher und die Hecke vom Nachbarn“, erzählt Stolz. Kompensieren möchte sie den Wegfall dieser Gespräche als „Kümmerin für die ganze Schulfamilie“. Sie werde deshalb viele Termine an Schulen wahrnehmen und dort aufnehmen, wo der Schuh drückt. „Ich brauche das ungefiltert“, betont Stolz.

Auf ihrer bildungspolitischen Agenda steht der Erhalt von Schulen im ländlichen Raum ganz oben. „Es darf für Bildungschancen keinen Unterschied machen, ob ich in der Stadt oder auf dem Land zur Schule gehe“, lautet ihr Credo. Zudem will Stolz die Werteinitiative für einen respektvollen und wertschätzenden Umgang in der Gesellschaft wie auch die Inklusion durch mehr individuell ausgerichtete Förderung voranbringen. Und nicht zuletzt plant Stolz, ihr Arnsteiner Modell von der Öffnung der Schulen aufs ganze Land auszuweiten. Schulen sollen nach ihrer Vorstellung „Treffpunkt von den Kleinsten bis zu den Ältesten“ werden. Warum nicht gemeinsame Kurse für Jung und Alt in der Mittagsbetreuung oder eine gemeinsame Mensa für Schüler und Senioren?

Frische Ideen für Bayerns Schulen. Es könnte sein, dass der Name Anna Stolz schon bald nicht mehr nur Insidern ein Begriff ist. (Jürgen Umlauft)

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