Landtag

Kinos dürfen ab dem 15. Juni wieder öffnen – das Rio in München zeigt aber erst ab dem 2. Juli wieder Filme. (Foto: dpa/Peter Kneffel)

05.06.2020

"Diese Staatsregierung hat mit Kultur nicht viel am Hut"

Landtagsvizepräsident Wolfgang Heubisch (FDP) zur Lage der bayerischen Kultur in der Pandemie

Bayerns Kultur erwacht aus dem künstlichen Koma. Nach den Museen öffnen demnächst auch wieder die Theater, allerdings unter strengen Auflagen. Doch wie sinnvoll und praktikabel sind diese Auflagen? Was ist mit den Kinos? Und wo bleiben diejenigen, die die Kultur produzieren? Die BSZ sprach mit Landtagsvizepräsident Wolfgang Heubisch (FDP), der von 2008 bis 2013 Kunstminister war.

BSZ Herr Heubisch, vor einem Vierteljahr gingen beim bayerischen Kulturbetrieb die Rollos runter. Was empfinden Sie als einstiger Kunst-minister angesichts der geschlossenen Theater und Kinos?
Wolfgang Heubisch Hier wohnen zwei Seelen in meiner Brust. Der Wissenschaftspolitiker in mir sagt, dass es absolut notwendig war, Maßnahmen zum Schutz der bayerischen Bevölkerung zu ergreifen. Dem Kunst- und Kulturfreund in mir blutet natürlich das Herz, wenn ich sehe, wie viele grandiose Kulturveranstaltungen, zum Beispiel die Oberammergauer Passionsspiele oder die vielen Aufführungen in der Münchner Oper, abgesagt werden mussten.

BSZ Waren Sie schon in einem der wiedereröffneten Museen? In welchem?
Heubisch Ja, gleich am ersten Öffnungstag habe ich das Haus der Kunst besucht. Ein wunderbares Gefühl, nach Wochen der Entbehrungen endlich wieder Kulturluft zu schnuppern und die positive Aufbruchstimmung zu spüren. Gleichzeitig wollte ich mich aber auch davon überzeugen, dass die Museen gut durchdachte Hygienekonzepte haben, wie ich sie auch in einem Landtagsantrag zur Öffnung der Museen gefordert habe.

BSZ Sie haben im Landtag einen Antrag zur Förderung von Open-Air-Spielstätten gestellt. Was fordern Sie konkret?
Heubisch Wir haben die Staatsregierung aufgefordert, die Kommunen dabei zu unterstützen, geeignete Flächen für Open-Air-Konzepte zu suchen und sie gleichzeitig auch hierbei finanziell zu unterstützen. An vielen Stellen sieht man jetzt gerade in der Corona-Krise, welch fabelhafte Ideen viele in der Kulturwirtschaft haben. Allein die Volksfestplätze, die dieses Jahr nicht genutzt werden, bieten hervorragende Bedingungen für Open-Air-Konzepte in den Sommermonaten.

"So vielfältig und individuell die Kultur ist, so vielfältig und individuell müssen auch die Maßnahmen sein"

BSZ Hat der Antrag eine Chance, angenommen zu werden?
Heubisch Als Opposition ist es im politischen Spiel immer schwierig, Anträge durchzubringen. Die Regierungsparteien haben zu unserem Leidwesen und dem der Künstlerinnen und Künstler auch unseren Open-Air-Antrag mit der Begründung abgelehnt, dass das eine skurrile Idee sei. Auch hier dominiert das Machtgefühl der CSU. Diese Staatsregierung hat mit Kunst und Kultur nicht viel am Hut, und trotzdem könnte es sein, dass man sich meinem Antrag doch noch still und leise nähert.

BSZ Die Betreiber von Musikfestivals kritisieren die bayerischen Corona-Richtlinien als nicht schlüssig und nicht praktikabel. Sie stoßen sich vor allem an der Maskenpflicht und der pauschalen Begrenzung der Besucherzahl. Zu Recht?
Heubisch Seit Beginn der Lockerungen hat sich die FDP-Fraktion stark dafür ausgesprochen, Konzepte sinnvoll zu gestalten: Das bedeutet, dass nicht pauschal jede Regelung für jede Kultureinrichtung gelten muss. Viel wichtiger als eine pauschale Personenzahl sind die Hygienekonzepte, die die einzelnen Betriebe erarbeiten. Hier zeigt sich: Die Kulturbranche ist wirklich gut aufgestellt, wenn es darum geht, praktikable Maßnahmen innerhalb der geltenden Infektionsschutzregelungen zu erarbeiten. So vielfältig und individuell die Kultur ist, so vielfältig und individuell müssen auch die Maßnahmen sein.

BSZ Bayern prunkt gern mit seinen altehrwürdigen, aufwendig sanierten Kulturschuppen; diejenigen, die diese Häuser mit Leben füllen – Schauspieler, Künstler und so weiter –, werden dagegen knapp gehalten. Ist die Pandemie Gelegenheit, das endlich zu ändern?
Heubisch Das wäre eine Riesenchance! Bisher hat die Staatsregierung, die so gerne betont, dass Bayern ein Kulturstaat ist, noch nicht so recht begriffen, dass dieser Kulturstaat ohne die Kulturschaffenden und die vielen Personen im Hintergrund – seien es Tontechniker, Maskenbildnerinnen et cetera – nicht funktionieren kann. Auch mir hat die Krise vor Augen geführt, wie vielfältig und wichtig die Kulturbranche mit allen Solokünstlerinnen und -künstlern sowie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den kulturnahen Berufen ist. Ohne sie wäre Bayern nicht der Kulturstaat, wie wir ihn kennen und lieben.

BSZ Nun ist sie endlich angelaufen, die bayerische Künstler-Corona-Hilfe, die selbstständigen Künstlern, denen die Einnahmen weggebrochen sind, für drei Monate jeweils maximal 1000 Euro in Aussicht stellt. Wie bewerten Sie das Hilfsprogramm?
Heubisch Kurz gesagt: Vollmundig angekündigt – drastische Fehler in der Umsetzung. Von Söders Ankündigung bis zum ersten Onlineformular ist ein ganzer Monat vergangen. Täglich erreichen mich Zuschriften von Künstlerinnen und Künstlern, die bis heute auf die Auszahlung warten. Oder noch schlimmer: Menschen, die hinter den Kulissen im Kulturbetrieb tätig, aber dennoch nicht antragsberechtigt sind. Für die nichtstaatlichen Spielstätten gibt es bis heute nicht mal ein Antragsformular. Es wird Zeit, dass nicht nur angekündigt, sondern endlich auch umgesetzt wird.

BSZ Gehen Sie davon aus, dass das Hilfsprogramm nach den drei Monaten verlängert werden muss?
Heubisch Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass man nach den drei Monaten weitere Maßnahmen konzipieren muss, um die Kulturbranche in und nach der Krise zu unterstützen. Einfach nur Geld zu verteilen, wie derzeit in der Automobilbranche, kann aber hier nicht die Lösung sein. Wir müssen schon genau hinschauen, was wir tun können und welche Maßnahmen am sinnvollsten sind.

BSZ Ist die Kultur in Bayern zu sehr auf stattliche staatliche Gebäude fixiert, sollte sie nicht mehr in die Menschen investieren, die Kultur produzieren?
Heubisch Für mich gehört beides zusammen. Eine hervorragende Theaterbühne ist nichts ohne die Schauspieler, die auf ihr spielen. Richtig ist aber, dass bisher oft der Mensch dabei vernachlässigt wurde. Das erinnert mich ein wenig an die Pflegekräfte, deren Wert man richtig erst in der Krise erkannte. Das muss sich auch im Kulturbereich dringend ändern!
(Interview: Florian Sendtner)

Foto (Foto: Peter Kneffel/dpa): Wolfgang Heubisch (FDP).

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Kommentare (1)

  1. Dichter55 am 06.06.2020
    Wie engagiert die FDP sich für die Kultur einsetzt erkennt man schon daran, dass sie seit Jahren die Aufhebung der Buchpreisbindung fordert - das hilft freien Autoren total...
    Ironie Ende

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