Landtag

Ein Verkehrsschild "Wasserschutzgebiet" steht im Wasserschutzgebiet Erlenstegen. Der Klimawandel lässt die Sommer heißer und trockener werden und stellt so die Wasserversorgung in Bayern vor neue Herausforderungen. (Foto: dpa/Daniel Karmann)

18.04.2024

Grundwasser in Bayern wird weniger

Fachleute sprechen sich im Landtag für eine Ausweitung der Wasserschutzzonen aus

Laut Fachgespräch im Umweltausschuss sind bayernweit 400 Verfahren zur Ausweisung von Wasserschutzgebieten offen. Das sei „peinlich“, hieß es. Nur so könnten die wegen des Klimawandels knapper werdenden Grundwasser- und Trinkwasservorräte gesichert werden.

Bei einer Fachanhörung im Umweltausschuss zum Trinkwasserschutz hat sich eine Mehrheit der geladenen Expert*innen für die Ausweisung weiterer und vor allem größerer Wasserschutzgebiete in Bayern ausgesprochen. Nur so könnten die vor allem wegen des Klimawandels knapper werdenden Grundwasser- und Trinkwasservorräte langfristig gesichert werden. „Die Ausweisung von Schutzgebieten ist essenziell“, sagte der Wasserwirtschaftsprofessor Jörg Drewes von der TU München. Sein Münchner Kollege Karl Auerswald ergänzte, mit der Ausweisung größerer Schutzgebiete steige auch die Sensibilität für den Boden- und Gewässerschutz. „Woher sonst soll jemand wissen, dass er sich im Einzugsgebiet einer Grundwasserfassung befindet, wenn das nicht ausgewiesen ist“, fragte er.

Nach Angaben von Juliane Thimet vom Bayerischen Gemeindetag sind bayernweit 400 Verfahren zur Ausweisung von Wasserschutzgebieten offen. Das hier kaum etwas vorankomme, sei „peinlich“. Die Verfahren zu Ende zu bringen, sei „hartes Brot“. Nicht selten dauere es bis zur Ausweisung eines Schutzgebiets 20 Jahre. Dies liege vor allem an den landesrechtlichen Rahmenbedingungen, die sehr komplex seien und Projektgegnern viele Möglichkeiten gäben, die Verfahren zu verschleppen oder gar zu torpedieren. „Die Vorschriften müssen so ausgestaltet werden, dass der kommunalen Ebene die Umsetzung erleichtert wird“, erklärte sie. Der mit seinem Ingenieurbüro an Ausweisungsverfahren beteiligte Bastian Knorr riet dazu, bereits vor Beginn des offiziellen Ausweisungsverfahrens Öffentlichkeit und Betroffene einzubinden. Die Klärung offener Fragen bereits im Vorfeld führe erfahrungsgemäß dazu, dass es später weniger Widerstände und einen schnelleren Abschluss gebe. Für den Bayerischen Bauernverband plädierte dessen Umweltpräsident Stefan Köhler in diesem Zusammenhang für eine „Kooperation mit der Landwirtschaft auf Augenhöhe“.

Keine einheitliche Meinung fanden die Expert*innen in der Frage der Größe von Schutzgebieten. Aufgrund des sogenannten Bayerischen Wegs beim Trinkwasserschutz sind diese mit Rücksicht vor allem auf landwirtschaftliche Belange kleiner als in anderen Bundesländern. Während die Wissenschaftler*innen für eine Ausdehnung der Schutzflächen eintraten, hielten Praktiker das für nicht erforderlich. „Es geht nicht darum, wie groß ein Schutzgebiet ist, sondern wie wirksam es ist“, stellte der ehemalige Geschäftsführer der Stadtwerke Eichstätt, Wolfgang Brandl, in den Raum. Köhler sagte, der „Bayerische Weg“ funktioniere, im Freistaat gebe es das bundesweit beste Trinkwasser.

„Wasserversorgung auf keinen Fall privatisieren“

Um die in den vergangenen Jahre geschrumpften Grundwasservorräte wieder zu stabilisieren, sprachen sich mehrere Experten für umfangreiche Maßnahmen des Wasserrückhalts in der Fläche aus. Der Landesbeauftragte des Bund Naturschutz in Bayern, Martin Geilhufe, forderte eine Renaturierungsoffensive für Moore und Auen, den Rückbau von Drainagen und „mehr Raum für Bayerns Flüsse“. Der Hydrologieprofessor Markus Disse von der TU München plädierte für ein „regionales Wassermanagement“ statt weniger Großprojekte wie der geplanten Wasserspange vom Bodensee nach Franken. Sein Kollege Auerswald erkannte darin auch einen ökologischen Nutzen: „Wir hätten deutlich geringere Probleme mit der Nitratbelastung des Grundwassers, wenn wir das unbelastete Regenwasser nicht in diesem Umfang ableiten würden, sondern in den Böden versickern ließen“, sagte er.

Einigkeit herrschte in der Runde darüber, dass die Wasserversorgung in Bayern in öffentlicher Hand bleiben müsse. Der kommerziellen Wasserentnahme müsse „ein Riegel vorgeschoben werden“, erklärte Geilhufe. Harald Kunstmann, Hydrologe an der Universität Augsburg, empfahl mit seiner Erfahrung mit Wasserprojekten in der ganzen Welt, die Wasserversorgung auf keinen Fall zu privatisieren. „Wenn im Land das Wasser knapp wird, muss der Zugang dazu komplett in staatlicher Hand bleiben“, betonte er.

Umstritten blieb die von der Staatsregierung angekündigte Einführung eines Wassercents im kommenden Jahr. Mit Blick auf die schrumpfenden Grundwasserkörper bestand Geilhufe auf dem Grundsatz: „Wer Wasser entnimmt, muss auch dafür zahlen.“ Die Einnahmen daraus müssten in den Wasserschutz reinvestiert werden. Aus der Wissenschaft kam ebenfalls Zustimmung zu dem Projekt. Dagegen erklärte Juliane Thimet, die Einführung komme „zum falschen Zeitpunkt“. Sie führe in wirtschaftlich ohnehin schwierigen Zeiten zu einer zusätzlichen Belastung der Verbraucher, die Einnahmen würden zur Sicherstellung der Wasserversorgung aktuell nicht gebraucht. Zudem warnte sie vor einem großen Verwaltungs- und Investitionsaufwand bei der Erfassung selbst kleinerer Wassermengen zum Beispiel durch Landwirte. Köhler forderte in diesem Zusammenhang, Bauern vom Wassercent zu befreien. (Jürgen Umlauft)

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