Landtag

Obdachlose Menschen leben häufig ohne geschützten Rückzugsort. (Foto: dpa/Sven Simon/Frank Hoermann)

28.10.2026

492 Obdachlose wurden 2025 in Bayern Opfer von Straftaten

Der Freistaat verweist in einer Grünen-Anfrage auf mehr als 50 Fachstellen gegen drohenden Wohnungsverlust und 180 geförderte Projekte. Einen Ausbau seines Aktionsplans plane er aber derzeit nicht

Wer auf der Straße lebt, hat keinen geschützten Rückzugsort. Dazu kommen oft gesundheitliche Probleme, fehlender Zugang zu Hilfen und die Gefahr, Opfer von Gewalt gegen Wohnungslose zu werden. Obdachlosenhilfe muss deshalb weit mehr leisten als einen Schlafplatz für die Nacht.

Der Grünen-Landtagsabgeordnete Jürgen Mistol wollte von der Staatsregierung wissen, wie sich Wohnungs- und Obdachlosigkeit in Bayern entwickelt, wie Streetwork und andere Hilfsangebote aufgestellt sind und wie Betroffene vor Gewalt geschützt werden. Außerdem fragte er nach dem Aktionsplan „Hilfe bei Obdachlosigkeit“, der Stiftung Obdachlosenhilfe Bayern und den Erfahrungen mit Housing First.

„Die Bayerische Polizei tritt solchen Taten mit aller Konsequenz entgegen“, heißt es in der Antwort auf die Frage nach Gewalt gegen obdachlose Menschen. Bestehe der Verdacht auf eine Straftat, müsse ein Ermittlungsverfahren eingeleitet werden. In akuten Situationen könne die Polizei beispielsweise gegen einen Aggressor vorgehen oder Betroffene auf Notschlafstellen und andere Hilfsangebote hinweisen.

483 Straftaten im vergangenen Jahr

Für 2025 weist die Polizeiliche Kriminalstatistik 483 Straftaten gegen obdachlose Menschen in Bayern aus. 212 Fälle entfielen auf Oberbayern, 80 auf Schwaben und 79 auf Mittelfranken. Insgesamt wurden 492 Opfer erfasst, darunter 390 Männer und 102 Frauen.

Nach Angaben des Hauses von Sozialministerin Ulrike Scharf (CSU) lag der Frauenanteil unter nicht institutionell untergebrachten wohnungslosen Menschen in Bayern 2024 bei 35,8 Prozent. Bei untergebrachten Wohnungslosen liege er seit Beginn der bundesweiten Statistik 2022 bei rund 40 Prozent.

Wie gut Streetwork-Angebote personell und finanziell ausgestattet sind, kann die Staatsregierung dagegen nicht sagen. Die Zuständigkeit liege bei den Kommunen; Erkenntnisse zur Ausstattung lägen ihr nicht vor. Über den Aktionsplan „Hilfe bei Obdachlosigkeit“ unterstützt der Freistaat allerdings Modellprojekte, darunter auch Streetwork und aufsuchende Sozialarbeit.

Mehr als 50 Fachstellen gegen Wohnungsverlust

Ein Schwerpunkt der staatlichen Förderung liegt auf der Vorbeugung. „Fachstellen sind daher das zentrale Instrument der Präventionsarbeit“, heißt es in der Antwort. Menschen, denen etwa wegen Mietschulden oder persönlicher Krisen der Verlust ihrer Wohnung droht, können sich dort Unterstützung holen. Das Netz solcher Fachstellen sei in den vergangenen Jahren auf mehr als 50 Standorte in Bayern gewachsen.

Einen weiteren Ausbau des Aktionsplans plant das Haus von Sozialministerin Scharf derzeit jedoch nicht. „Ein Ausbau des Aktionsplans ‚Hilfe bei Obdachlosigkeit‘ ist derzeit nicht vorgesehen“, heißt es. Zugleich erklärt das Sozialministerium, bislang habe kein Projekt wegen fehlender Fördermittel abgelehnt werden müssen.

Auch die Stiftung Obdachlosenhilfe Bayern finanziert Projekte. Seit ihrer Gründung wurden bis Juli 2026 insgesamt 180 Vorhaben unterstützt – von Beratungsangeboten und Unterkünften über medizinische und hygienische Versorgung bis zu Beschäftigungs- und Teilhabeprojekten. Wie viele Menschen dadurch insgesamt erreicht wurden, wird nicht einheitlich erfasst.

Bei Housing First fehlen Zahlen

Mistol fragte auch nach Housing First. Der Ansatz richtet sich vor allem an langzeitwohnungslose Menschen mit komplexen Problemen: Sie erhalten zunächst eine eigene Wohnung und werden anschließend weiter begleitet.

Die Staatsregierung stehe mit Projekten in München, Nürnberg und Würzburg in Kontakt. Housing First Nürnberg wurde zudem über den Aktionsplan gefördert. Eine wissenschaftliche Untersuchung in Nordbayern komme nach vorläufigen Ergebnissen zu dem Schluss, dass der Ansatz eine dauerhafte Finanzierung brauche und nicht gut zu einem befristeten Projektmodell passe.

Wie viele Menschen durch Housing First in Bayern bislang dauerhaft eine Wohnung erhalten haben, ist der Staatsregierung nicht bekannt. Für langzeitwohnungslose Menschen mit komplexen Problemlagen habe sich der Ansatz nach ihrer Einschätzung jedoch „als sehr wirkungsvoll erwiesen“. Daneben brauche es weiterhin Beratungsstellen, aufsuchende Hilfen, zielgruppenspezifische Angebote – und vor allem bezahlbaren Wohnraum. (loh)

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