Landtag

Einzelne Kliniken testen bereits Bodycams. (Foto: dpa/Bernd Thissen)

20.03.2026

Rabiate Patienten nehmen massiv zu

Immer mehr Gewalt gegen Ärzte, Pflegekräfte und Rettungsdienste: Beschimpfungen gehören vielerorts schon zum Alltag. Experten warnen vor sinkenden Hemmschwellen – und nennen überraschende Ursachen

Körperliche und verbale Gewalt gegen medizinisches Personal und Einsatzkräfte wird in Arztpraxen, Kliniken und bei Rettungseinsätzen zu einem zunehmenden Problem. Das wurde bei einer Expertenanhörung im Gesundheitsausschuss des Landtags deutlich. Zwar bewegen sich die Fallzahlen seit einigen Jahren auf einem konstanten Niveau, doch steigt die Aggressivität. Mehrere Redner beklagten ein spürbares Absinken von Hemmschwellen. „Verbale und körperliche Gewalt wird von vielen Beschäftigten leider schon als Bestandteil des Praxis- und Klinikalltags empfunden“, sagte der Präsident der Bayerischen Landesärztekammer (BLÄK), Gerald Quitterer.

Gewalt wird zum Alltag im Gesundheitswesen

Als einen Grund für die wachsende öffentliche Wahrnehmung des Phänomens nannte der frühere Leiter des Evangelischen Bildungszentrums für Gesundheitsberufe in Stuttgart, Johannes Nau, dass das Thema in den vergangenen Jahren „aus der Tabuzone geholt“ worden sei.

Der Vizepräsident der Vereinigung der Pflegenden in Bayern, Michael Wetterich, berichtete, dass es in bayerischen Kliniken „tagtäglich zu Übergriffen auf das Personal“ komme. Am häufigsten seien Beleidigungen und Bedrohungen, immer wieder gebe es aber auch tätliche Angriffe. Vergleichsweise selten sind dagegen Fälle von körperlicher Gewalt gegen Rettungskräfte. Der Leiter des Bereichs Rettungsdienst beim Bayerischen Roten Kreuz (BRK), Sebastian Lange, nannte für das vergangene Jahr 51 Fälle bei rund 2,1 Millionen Einsätzen. Acht Attacken hätten dabei aber zu einer mehrtägigen Arbeitsunfähigkeit der betroffenen Einsatzkräfte geführt. Der leitende Branddirektor René Mühlberger nannte aus dem Jahr 2022 die Zahl von 75 erfassten Straftaten gegen Feuerwehrleute im Einsatz. Das Problem sei „nicht flächendeckend, aber in der Feuerwehrwelt vorhanden“, sagte er.

Laut einer BLÄK-Umfrage empfinden 75 Prozent der in Arztpraxen und Kliniken Beschäftigten verbale Gewalt als „großes oder sehr großes Problem“. BLÄK-Präsident Quitterer hob dabei hervor, dass Beleidigungen und Bedrohungen in sozialen Medien oder auf Bewertungsportalen im Internet besonders belastend seien, weil sie „im Netz weiterleben“. Zudem meldete knapp die Hälfte der Befragten eine Zunahme an körperlicher Gewalt. Rund jeder siebte Befragte habe aufgrund der Bedrohungslage schon die Polizei rufen müssen, teilte Quitterer mit. Sabine Beßler, Vorstandsmitglied im Klinikum Nürnberg, schilderte ein Plus vor allem bei sexuellen Übergriffen und rassistischen Attacken.

Alle Fachleute gingen von einer hohen Dunkelziffer vor allem bei Fällen verbaler Gewalt aus.

Ursachen: Frust, Wartezeiten und „Google-Diagnosen“

Die Ursachen für Gewaltausbrüche sind vielschichtig. Am ehesten könne das Personal noch mit Attacken umgehen, die bei Patienten zum Krankheitsbild gehörten. Als immerhin noch nachvollziehbar würden Wutausbrüche und Beschimpfungen in Extremsituationen bei starken Schmerzen oder der Sorge um das Leib und Leben von Angehörigen empfunden. Zugenommen haben laut Quitterer aber die Angriffe aus Unzufriedenheit, weil eine gewünschte Bescheinigung nicht oder nicht sofort ausgestellt werde oder – so ergänzte Wetterich – in einer Notaufnahme lange Wartezeiten zu erdulden seien. Eine weitere Ursache für aggressives Auftreten liegt laut Wetterich in der Google-Nutzung von Patienten und Angehörigen. Wenn das medizinische Fachpersonal den vermeintlichen Diagnosen der Internet-Suchmaschinen widerspreche und andere Therapien anordne, führe das nicht selten zu Konflikten.

Beßler und Wetterich erläuterten, dass gezielte Gewaltschutzkonzepte die Zahl der Vorfälle reduzieren würden. Wetterich empfahl für alle Beschäftigten verpflichtende Schulungen zur Deeskalation. „Der Schlüssel zum Erfolg ist die Präventionsarbeit in der Aus- und Weiterbildung“, meinte BRK-Experte Lange.

Andreas Botzlar, Landesvorsitzender der Ärztevertretung Marburger Bund, riet, „beseitigbare Ursachen für Aggression zu beseitigen“. Er meinte damit lange Wartezeiten, eine unklare Kommunikation gegenüber Patienten und Angehörigen sowie bauliche Hürden. Um Ursachen und Hintergründe von Gewaltfällen besser zu verstehen, forderten mehrere Fachleute ein zentrales Meldesystem. Außerdem bräuchten Praxen und Kliniken finanzielle Unterstützung bei der Erarbeitung und Umsetzung von Gewaltschutzkonzepten(Jürgen Umlauft)

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