Landtag

Geht es nach Duin, würde in Bayern Anfang März endlich der Skispaß beginnen. (Foto: dpa/Angelika Warmuth)

12.02.2021

„Viele sind von Kurfürst Söder enttäuscht“

Interview: Albert Duin, wirtschaftspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion, über enttäuschte Hoteliers, Skitourismus und warum die Regierung als Firma längst „vor dem Kadi stünde“

Albert Duin, FDP-Experte für Fremdenverkehr, wirft der Staatsregierung bei der Corona-Bekämpfung Aktionismus vor. Er verlangt eine sofortige Öffnungsperspektive für den Tourismus in Bayern. Viele alteingesessene Betriebe hätten auf die CSU gehört. Sie hätten im Vertrauen auf ausreichende Hilfen und einen befristeten Lockdown Haus und Hof verpfändet.

BSZ  Herr Duin, Sie fordern vom Freistaat eine umgehende Öffnungsstrategie für den Tourismus. Wie realistisch ist das, wenn manche beliebten bayerischen Reiseziele sogar noch über einer Corona-Sieben-Tage-Inzidenz von 100 liegen?
Albert Duin Selbstverständlich fordere ich das. Denn die Hotels können ja nicht von heute auf morgen aufmachen. Die brauchen zwei bis drei Wochen Vorlauf. Es müssen etwa noch Bestellungen gemacht und das Personal wieder hochgefahren werden. Daher muss es bereits jetzt Perspektiven geben. Die Hotellerie und die Gastronomie haben tolle Hygienekonzepte entwickelt. In diesem Bereich gab es vergleichsweise wenige Infektionen, von Massenveranstaltungen wie in Ischgl einmal abgesehen.

BSZ Vorausgesetzt, die Infektionszahlen sinken weiter, könnte Bayern dann Anfang März wieder die ersten Touristen begrüßen?
Duin Anfang März ist realistisch, wenn die Staatsregierung noch in dieser Woche handelt und endlich Planungssicherheit für die Unternehmen schafft. Dann könnte es zumindest noch ein wenig Skitourismus in Bayern geben. Die Betriebe sind ja in einer sehr schwierigen Situation.

BSZ  Ist der FDP die Wirtschaft wichtiger als die Gesundheit der Risikogruppen?
Duin Quatsch. Ich habe stets die massiven Fehler in der Gesundheitspolitik kritisiert. Es ist so viel schiefgelaufen, vor allem bei der Beschaffung der Impfstoffe. Wenn ein Mittelständler so agieren würde wie das für dieses Desaster verantwortlichen Politiker, wäre er schon längst pleite. Es hätte feste Ablaufpläne und verbindliche Abnahmen geben müssen. Und man hätte in dieser Frage nicht europäische Sozialpolitik betreiben dürfen, sondern an die Menschen hier vor Ort denken müssen, denen nun die Impfstoffe fehlen.

BSZ Viele Hotels und Reiseanbieter sind längst am Limit. Wie viele Jobs könnte der Lockdown in der Tourismusbranche kosten?
Duin Normalerweise arbeiten in diesem Bereich in Bayern gut 600 000 Menschen. Doch vielen alteingesessenen Betrieben droht nun die Pleite. Sie haben auf die frommen Sprüche von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier und Kurfürst Markus Söder gehört. Sie glaubten, dass man ihnen ausreichend helfen werde und dass der Lockdown befristet sei. Sie haben im Vertrauen darauf Haus und Hof verpfändet und sind nun enttäuscht. Wenn sie die Krise überstehen sollten, sind sie nachher deutlich schlechter gestellt. Ihre Kreditwürdigkeit ist dahin, das Personal weg. Sie sind die Gelackmeierten. Neue Anbieter werden frei von Corona-Belastungen auf den Markt drängen. Natürlich werden die Jobs irgendwann wieder da sein, weil sich der Tourismus erholen wird. Aber die Branche wird von anderen bestimmt. Ich kann nicht verstehen, warum man kleine inhabergeführten Firmen pleite gehen lässt und zugleich Staatsgeld in DAX-Konzerne donnert, deren Eigentümer großteils irgendwo im Ausland sitzen.

BSZ Auch in anderen Branchen leiden Firmen, drohen Entlassungen. Ist Bayerns Wohlstand in Gefahr, wenn die Staatsregierung bei ihrem extra strengen Kurs bleibt?
Duin Die Staatsregierung hat in der Wirtschaftspolitik geschlafen. Man hatte neun Monate Zeit, um sich zu überlegen, wie man nach einem Lockdown die betroffenen Branchen sicher hochfahren kann. Aber es kam nichts. Wenn der Chef eines Souvenirladens so arbeiten würde, wäre er schon längst pleite und stünde vor dem Kadi, weil er seine Sorgfaltspflicht nicht erfüllt hat. Wir Politiker bekommen dagegen immer unser Geld – mit einer vollen Windel lässt sich gut stinken.

BSZ  Die FDP kritisiert die Beschneidung von Bürgerrechten wie die Ausgangssperre scharf – wie weit hat sich Ihre Partei vom einstigen Koalitionspartner CSU entfernt?
Duin Sehr deutlich. Söders Tendenz geht hin zu den Grünen. Wir dagegen sind für die Wirtschaft da. Denn nur wenn sie läuft, können wir uns alles Weitere leisten. Bei der Corona-Bekämpfung betreibt die Staatsregierung Aktionismus. Die Ausgangssperre war von Anfang an Schrott. Man kann kurzfristig natürlich Bürgerrechte einschränken. Aber mittlerweile gehen den Menschen viele Maßnahmen auf den Keks.
(Interview: Tobias Lill)
 

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