Leben in Bayern

Ein Allgäuer Hüttenwirt hatte sich via Instagram über die Preise aufgeregt, die einige seiner Kollegen verlangen. (Foto: Stumberger)

05.10.2026

Abzockpreise in den Berghütten? Kein Kaspressknödeldrama am Spitzingsee

Kann man sich Bergwandern mit Hütteneinkehr noch leisten? Ein Hüttenwirt hatte auf Instagram die hohen Preise seiner Kollegen kritisiert. Unser Autor hat den Selbstversuch gewagt

Unten liegt der Spitzingsee dunkelblau glitzernd, dahinter heben sich Gipfel über Gipfel aus dem Dunst der Ferne. Ich selbst bin jetzt auf mehr als 1600 Meter Höhe und wische mir im Schatten eines Nadelbaums den Schweiß von der Stirn. Denn sie ist schweißtreibend, diese Recherche. Um die Frage zu beantworten, ob die allgemeine Teuerungswelle auch schon die Berge um den Schliersee und Spitzingsee erreicht hat, habe ich mir die Bergstiefel angezogen und bin losgestiefelt. Ich bin auf der Suche nach einem Schmalzbrot für 14,90 Euro, zumindest will ich mir die Preise auf den Berghütten ansehen. Protokoll einer Recherche.

Hüttenwirt liest Kollegen im Netz die Leviten

Es war am Anfang des Jahres, als der Allgäuer Hüttenwirt Tom Waibel ein Video ins Internet stellte, in dem er seinen Wirtskollegen die Leviten las: Einige Gastronomen in den Allgäuer und Tiroler Alpen würden ihre Gäste mit viel zu hohen Preisen abzocken. „Wir, als seriös kalkulierende Gastronomen, sind die Opfer“, führt er auf Instagram aus. Die Gäste würden unter den Preisen auf den Berghütten dieser schwarzen Schafe leiden – da gehe es zum Beispiel um einen Kaiserschmarrn aus der Tiefkühltruhe für über 15 Euro oder gar um ein Schmalzbrot für 14,90 Euro. „Schämen sollt ihr euch“, richtet er sich an diese Gastronomen, sei doch die Alpenkultur „für alle da“. Also auch für junge Familien mit mehreren Kindern, für junge Leute und für Menschen mit weniger Geld.

Das Video wurde über 600.000-mal angeklickt, schließlich berichtete auch der Bayerische Rundfunk in der Sendung Quer über den Preisrebell: Auf der Alm gebe es zwar keine Sünd’, aber dafür sündhaft teure Preise. Was humorig daherkommt, hat einen ernsten Hintergrund: Eine Woche Erholung am Meer oder eben in den Bergen sei für viele Menschen finanziell nicht mehr drin, so eine Pressemeldung aus diesem Sommer. Lebt doch gut jede fünfte Person (21 Prozent) in einem Haushalt, der sich nach eigener Einschätzung keine einwöchige Urlaubsreise leisten kann. Insgesamt seien das 17,3 Millionen Menschen, so das Statistische Bundesamt. Besonders mangelt es an Geld bei den Alleinerziehenden (39 Prozent).

Ich mache mich also auf den Weg, um das Preisgefüge rund um den Spitzingsee zu erforschen. Und ich habe bereits eine Vorrecherche auf den Hütten am Schliersee angestellt. Um dahin zu kommen, bietet sich der Zug an, der RB 55 vom Münchner Hauptbahnhof etwa. In einer knappen Stunde ist man am Bahnhof Schliersee angelangt und sollte man unter Einsamkeit leiden, ist diese Bahnfahrt besonders an den Wochenenden zu empfehlen: Die Abteile sind dermaßen überbelegt, dass sich der Kontakt mit anderen Wanderern überhaupt nicht vermeiden lässt.

Doch zur Sache: Als Erstes steuere ich die Kreuzbergalm an, sie liegt auf rund 1200 Meter Höhe zwischen dem Schliersee und dem Tegernsee. Die Sonne brennt und bei herrlichem Ausblick lasse ich mir zwei leichte Weißbiere, ein Haferl Kaffee und einen Kuchen schmecken und bin dafür mit gut 16 Euro dabei. Klar ist, die Verpflegung auf den Hütten war schon immer wegen des notwendigen Aufwands wie dem Transport etwas teurer als im Tal.

Nächstes Ziel an einem anderen Tag: das Bodenschneidhaus auf 1350 Meter Höhe. Mir steht der Sinn nach etwas Warmem und ich bestelle eine Suppe mit Kaspressknödel. Kostenpunkt: immerhin 8,90 Euro! Dafür kommt der Knödel alleine daher und – na ja – groß ist er nicht. Das leichte Weißbier kostet hier über 5 Euro. Das Bodenschneidhaus ist eine Hütte des Deutschen Alpenvereins (DAV), und dort frage ich am nächsten Tag mal nach, wie es mit der Preisbildung auf den Hütten so aussieht.

Weiß der DAV, wie sich die Preise zusammensetzen beziehungsweise die Erhöhungen entstehen? „Als Verpächter stehen unsere Sektionen im Austausch mit unseren Wirtsleuten“, heißt es in der Antwort. Und: „Im Vergleich zur Talgastronomie ist es, neben den allgemeinen bekannten Preissteigerungen, besonders die kostenintensive Hüttenversorgung sowie der allgemeine Hüttenbetrieb mit seinen Besonderheiten, die deutlich zu Buche schlagen.“ Im Weiteren liege es in der Hand der Wirtsleute, welches Angebot sie auf der Hütte anbieten möchten, dies könne von einer einfachen Suppe bis zum deftigen Braten reichen.

Auf zur finalen Recherche

Die Wirtsleute seien dabei Gastronomen, die auch von ihrer Arbeit auf einer Alpenvereinshütte leben müssten und das unternehmerische Risiko dafür tragen. „Bedacht werden sollte dabei auch, dass ein Arbeitstag auf der Hütte für die verantwortlichen Wirtsleute auch von 6 Uhr morgens bis 22 Uhr reichen kann“, so der DAV. Einfluss auf die Preisgestaltung hat der Alpenverein nur für den Übernachtungsbereich, der im Auftrag der Sektionen von den Pächtern verwaltet wird.

Bevor ich mich zur finalen Recherche am Spitzingsee aufmache, will ich von den Hüttenwirten selbst noch wissen, wie sie ihre Preise kalkulieren – ich schreibe dazu per E-Mail ein paar Hütten an. Da keine Antwort kommt, probiere ich es noch einmal per Telefon. Doch man ist sehr beschäftigt. „Ich bin da raus“, sagt mir eine Hüttenwirtin. Wo raus? „Aus der Sache mit den Interviews“, heißt es.

Ein anderer Hüttenwirt meint, er rufe zurück. So komme ich nicht weiter, also noch einmal die Bergschuhe an, rein in die Bahn mit Hautkontakt nach Schliersee und mit dem Bus hinter zum Spitzingsattel. Von dort geht der schweißtreibende Anstieg durch den Wald hinauf zur Schönfeldhütte.

Hier ist die Kaspressknödelsuppe um 40 Cent günstiger als drüben beim Bodenschneidhaus. Den Knödel gibt es mit Sauerkraut und Bio-Bergkäse auch für 13,90 Euro und gar als Hawaii-Version mit Ananas und Preiselbeeren für 14,90 Euro. Richtig bodenständig kommt da ein Paar Wiener mit Holzofenbrot für 5,90 Euro daher.

Ich will aber noch mehr wissen, will weiter hinauf, hinauf zum Taubensteinhaus. Verlasse die Schönfeldhütte, starre in die Karte, biege auf einen Weg nach links ab. Und wieder geht es hinauf in die Höhe – bis ich nach einer Stunde merke, das ist der falsche Weg, hier geht es zum Jägerkampgipfel. Damit ist die Recherche zu Ende, jetzt heißt es umkehren.

Zurück in der Bahn mit Hautkontakt ziehe ich ein Fazit: Das Schmalzbrot für 14,90 Euro habe ich nicht gefunden, die Preise auf den besuchten Hütten sind – na ja – noch „moderat“. Der DAV meint, mit Bergsteigeressen, Bergsteigergetränk, Teewasser und dem Recht der Mitglieder auf Selbstversorgung sei ein Hüttenbesuch „auch weiterhin für große Teile der Bevölkerung möglich“.

Und wie lautete ein Kommentar zur besagten Quer-Sendung? „Die Preise sind hoch. Aber wird irgendjemand gezwungen, dort zu essen? Wenn wir wandern gehen, haben wir unser Essen immer dabei.“ Als der Zug zurück nach München in Miesbach hält, packe ich meine übrig gebliebene Salamisemmel aus und beiße rein. (Rudolf Stumberger)
 

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!
Die Frage der Woche

Ist der Tankrabatt sinnvoll?

Unser Pro und Contra jede Woche neu
Diskutieren Sie mit!

Die Frage der Woche – Archiv
X
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

Beilagen

> Das neue vbw Unternehmermagazin ist online

„Die Bundesregierungskoalition hat noch schnell Reformen angekündigt, ehe sie sich in die Berliner Sommerpause verabschiedete. Eine Sommerpause übrigens, die sich die Wirtschaft nicht leistet. Unternehmer und Manager sind stets am Sprung“, sagt Bertram Br

> Das einblicke-Magazin der Bundesgesellschaft für Endlagerung ist online

Die Suche nach dem sichersten Ort für unseren Atommüll ist eine staatliche Jahrhundertaufgabe. Das einblicke-Magazin der Bundesgesellschaft für Endlagerung stellt vier Menschen vor, die diese Mission bei der Bundesgesellschaft für Endlagerung mit ihre

> Änderung der Gemeindeordnung

Liebe Leserinnen und Leser des Kommunalen Taschenbuchs, die Gemeindeordnung des Freistaats Bayern hat sich am 23. Dezember 2025 nach Redaktionsschluss (14. November 2025) nochmals geändert. Die entsprechenden Seiten können Sie hier herunterladen.

Jahresbeilage 2025

Nächster Erscheinungstermin:
28. November 2026

Weitere Infos unter Tel. 089 / 29 01 42 54 /56
oder
per Mail an anzeigen@bsz.de

Download der aktuellen Ausgabe vom 28.11.2025 (PDF, 16,5 MB)

E-Paper
Unser Bayern

Das kunst- und kulturhistorische Online-Magazin der Bayerischen Staatszeitung

Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.

Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.

Unser Bayern - Nachbestellen

Aktuelle Einzelausgaben des Online-Magazins „Unser Bayern” können im ePaper der BSZ über den App-Store bzw. Google Play gekauft werden.