Leben in Bayern

Sabine Wiethaler-Dorn ist in ihrer Brauerei inzwischen Seniorchefin. (Foto: privat)

28.08.2026

Als Frau in einer absoluten Männerdomäne: Die Braumeisterin

Sabine Wiethaler-Dorn hat jahrzehntelang die Geschicke einer kleinen mittelfränkischen Brauerei gelenkt – ganz loslassen kann sie immer noch nicht

Wenn man von Nürnberg in Richtung Fränkische Schweiz fährt, Lauf rechts liegen lässt, den kieferigen Behringersdorfer Forst durchquert, erreicht man ein Dorf, das wie am Hang hinabzurutschen scheint. Alte Häuser aus schweren Sandsteinquadern, die handgeschriebene Tafel der örtlichen Bäckerei lockt mit Krapfen und unterhalb der Kirche dominieren, einander gegenüberstehend, zwei wuchtige Gebäude: links die Brauerei, rechts der Fachwerk-Gasthof. Königsblau leuchten die Bierkästen, auf denen weiß und stolz ihr Name steht: Wiethaler.

In dem Häuschen dahinter, sagt Sabine Wiethaler-Dorn, ist sie aufgewachsen. Wobei, eigentlich vielmehr hier, in der Gastwirtschaft. Hier ist ihre Tochter die Chefin, drüben der Sohn, an den sie die Brauerei 2023 übergab. Seit 1994 hatte sie die Brauerei Wiethaler geleitet, als eine von ganz wenigen Frauen in dieser Position. Heute ist sie eher Seniorchefin als Rentnerin.

„Der Sohn war dann ich“

Die Geschichte von Sabine Wiethaler-Dorn und „ihrer“ Brauerei in Neunhof bei Lauf im Nürnberger Land erzählt von einem kleinen Traditionsunternehmen, von einer leidenschaftlichen Liebe zum Handwerk. Und von Familie: Ihr Vater stammte von einem Bauernhof in Niederbayern. Zu Kriegszeiten habe die Familie Hunger gelitten. Die Kinder mussten vom Hof und aus dem Bauernsohn wurde ein Wanderbursche, der deutschlandweit von Brauerei zu Brauerei zog. In Arnsberg im Sauerland arbeitete er nach vollendeter Prüfung erstmals als Braumeister, als seine Frau schwanger wurde: „Er hat gesagt: Der Sohn muss in Bayern geboren werden.“ Sabine Wiethaler-Dorn, blonde Lockenkrone, praktische Fleecejacke, lächelt bescheiden: „Der Sohn war dann ich.“

1962 erblickte die Erstgeborene das Licht der Welt, in der Brauerei Zum Schiff im mittelfränkischen Schwabach, die ihr Vater pachtete. Ihr erstes Bier – oh, ob sie das verraten sollte? – habe sie dort probiert, da konnte sie noch gar nicht laufen. Drei Jahre später siedelte die Familie nach Neunhof über, wo sich die seltene Gelegenheit bot, eine Brauerei zu kaufen. Die Tradition der Brauerei in Neunhof reicht zurück bis ins Jahr 1498, Mitte der 1960er-Jahre lag der Betrieb aber still.

Sabines Mutter bekommt hier noch zwei Mädchen. „Meine Schwestern waren bei der Mama oben, zu mir hat sie gesagt: Geh in die Brauerei runter, Fliesen waschen oder die Sudpfanne putzen.“ So ging das los. „Von Anfang an“, sagt Sabine Wiethaler-Dorn, „war das auch meine Brauerei.“ Sie habe immer gern mitgeholfen, hier beim Ausschank, drüben beim Brauen. Und sie habe gesehen, mit wie viel Schweißarbeit die Eltern das Geschäft aufbauten, die Gebäude sanierten, den Namen im Ort bekannt machten. Ihre liebste Kindheitserinnerung: „Der malzige Duft im Sudhaus.“

Von außen betrachtet, hatte der Brauer Wiethaler in Neunhof trotzdem ein Problem, damals, Anfang der 1970er-Jahre: Er hatte eine Brauerei, die langsam Geld abwarf, verpachtete eine Gastwirtschaft, aber: drei Töchter, keinen männlichen Nachfolger. „Ich“, sagt Sabine Wiethaler-Dorn, „war mit zehn schon überzeugt: Ich bin die Brauerin.“ Und ihr Vater? „Der hat sich gefreut.“ Als eine Seele von Papa und Lehrmeister, als ihren Seelenverwandten beschreibt sie diesen Mann. Und niemals hätte er infrage gestellt, dass seine Tochter auch seine Nachfolgerin werden könnte.

Erst auf der Suche nach einem Ausbildungsbetrieb merkt sie, dass nicht alle da draußen so ticken wie ihr Vater. Der Meister der ersten Brauerei, bei der sie sich bewirbt, will kein Mädchen als Lehrling. „Das war ein Kulturschock für mich. So etwas gab es für mich nicht.“ Im ersten Ausbildungsbetrieb sei sie nicht gut behandelt worden: Am ersten Tag schickt der Braumeister das Mädchen mit dem großen Hochdruckreiniger zum Fliesenabwaschen. Außerdem ständig in den kalten Keller. Erst als Wiethaler-Dorns Mutter droht, das Mädchen nach Hause zu holen, ändert sich der Umgang. Heute glaubt sie, das habe mehr damit zu tun gehabt, dass sie von der Konkurrenz kam.

In ihrer Meisterschule war Sabine Wiethaler-Dorn immer das einzige Mädchen unter 50 angehenden Brauern. Die Lehrer und Mitschüler, sagt sie, hätten sie das nie spüren lassen. Diese Gleichstellung zu erfahren, habe sie geprägt. Eine schöne Zeit sei das gewesen und auch eine wilde. An den Wochenenden fuhr sie nach Neunhof, zum Bedienen. 1985 kam sie endgültig heim.

Die Arbeit ist fordernd. Früh um Vier beginnt das Filtrieren, am Abend sitzen die Gäste lang in der Stube. Bald wird sie selbst zweimal Mutter. „Zu den Kollegen habe ich immer gesagt: Ihr habt eine Frau zu Hause. Ich hab einen Mann, aber der arbeitet selber.“ Eine Woche Urlaub pro Jahr erlaubt sie sich und fährt im Sommer weg. Damit habe sie schon zu Ausbildungszeiten begonnen, sagt sie.

1994 übernahm Sabine Wiethaler-Dorn die Brauerei von ihrem Vater. Vier Jahre später starb er. Ihren Mann, Robert, nennt sie ihre Geheimwaffe, der Obstbäume schneiden und quasi alles reparieren kann. Ohne ihn, der heute die zur Brauerei gehörende Brennerei führt, würde es das Unternehmen nicht mehr geben. Traditionsunternehmen geht nur auf den Schultern der Familie.

Alkoholfrei ist die Zukunft

Jetzt ist die nächste Generation dran. Sie habe ihre Kinder nicht gedrängt, das Unternehmen weiterzuführen. Aber natürlich habe der Andreas schon als Kind Flaschen in die Waschmaschine eingelegt und saß mit zwei Jahren mit dem Opa im Lkw. Es ist ihr gelungen, diese Leidenschaft für das Handwerk weiterzugeben. Dass man mit so wenigen Zutaten, die die Natur hier zur Verfügung stellt, so eine Fülle an Produkten herstellen könne: Helles, Dunkles, Pils, filtriert, unfiltriert, Kellerbier, Bock, Weizen und die Craftbiere.

Doch wenn man sie dann fragt, wie man das konkret schafft, heute als kleine Brauerei zu überleben, kommt es wie aus der Pistole geschossen: „Das alkoholfreie Bier. Früher haben die Leute, wenn sie zum Essen hier waren, fünf, sechs Halbe getrunken. Das ist vorbei. Und dass wir außerdem zehn Sorten Limonade machen – das hat uns gerettet.“

Sie ist stolz auf Investitionen, mit denen sie ihr Unternehmen zukunftsfähig machen konnte, eine Photovoltaikanlage gehört dazu. Das so wertvolle alkoholfreie Bier geht allerdings aufs Konto ihres Sohnes, genauso wie die Anschaffung eines teuren automatischen Hopfengebers. Da habe sie schlucken müssen, aber jetzt ist ihr Sohn der Braumeister, der die Entscheidungen trifft. (Andreas Thamm)
 

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