Es gab unzählige Todesopfer und Verletzte. Brücken waren zerstört. Straßen. Schulen. Lesen und schreiben zu lernen, das war vielen jungen Syrern, die wegen des Krieges in ihrem Land nach 2020 nach Deutschland flohen, nicht möglich. Etliche sind bis heute gering literalisiert. Weder in ihrer Muttersprache noch auf Deutsch können sie richtig lesen und schreiben. Wobei es nicht nur Flüchtlingen an diesbezüglichen Kompetenzen mangelt. Darauf macht der Weltalphabetisierungstag am 8. September aufmerksam.
„Man klammert sich an jeden, der helfen kann“
Wer nicht lesen und schreiben kann, wird zwangsläufig zum Verlierer. Das erlebt Andrea Rücker-Weier nahezu jeden Tag. „Nichts geht alleine, man klammert sich an jeden, der helfen kann“, sagt die Leiterin der Flüchtlings- und Integrationsberatung der Caritas in Landau an der Isar. Über Jahre hinweg muss sie analphabetischen Flüchtlingen helfen. Bei jedem neuen Antrag. Jedem amtlichen Schreiben. Rund 70 Prozent aller jungen Syrer, mit denen sie es zu tun hat, schätzt sie, haben keine oder kaum die Schule besucht. Vor allem jene aus sehr ländlichen Gebieten nicht. Manche vermögen vielleicht ein paar Worte zu entziffern, doch eine vertragliche Vereinbarung oder ein behördliches Formular zu durchblicken, übersteigt ihre Kompetenzen.
Direkt in Landau gibt es auch keine Möglichkeit, einen qualifizierten Alphabetisierungskurs zu durchlaufen: „Man muss nach Deggendorf fahren.“ Das ist ganz schön weit. Über 30 Kilometer. Viele nehmen diesen Weg nicht auf sich. Viele, die mit der Grundbildung beginnen, brechen der Sozialpädagogin zufolge wieder ab: „Sie sind überfordert.“
Manchmal scheitert der Kursbesuch auch daran, dass es in der Flüchtlingsunterkunft kein ruhiges Zimmer gibt. Dutzende Landauer Flüchtlinge leben laut Andrea Rücker-Weier in Containern: „Der Lärmpegel ist hoch.“ Manchmal machen mentale Probleme aufgrund von Traumatisierungen den Erwerb von Lese- und Schreibkompetenzen unmöglich. Aber auch eine zu geringe Einsicht in die Bedeutung des Lese- und Schrifterwerbs. Viele junge Syrer haben nur den einen Wunsch: arbeiten zu gehen und Geld zu verdienen, damit sie etwas in ihre Heimat schicken können. Die Schulbank zu drücken, danach steht ihnen nicht der Sinn.
„In der Türkei konnte ich auch arbeiten, warum hier nicht?“ Das hört Andrea Rücker-Weier von ihren Klienten immer wieder. In Deutschland gibt es nicht viele Jobs für Analphabeten. Das müssen die Flüchtlinge erst einmal begreifen. Besonders schwierig ist das für Frauen. Die Flüchtlingsberaterin kennt eine dreifache Mutter, deren Sohn studiert. Sie selbst hat es über die Jahre nicht geschafft, lesen und schreiben zu lernen.
Nun kann man sich das, was man gerne wissen möchte, aber sich nicht durch ein Buch erschließen kann, zum Beispiel über eine Videosequenz aneignen. Stricken oder Häkeln zum Beispiel. Oder Kochen. Im Alltag jedoch stößt man oft auf Hürden, die nicht mit einem Erklärvideo zu bezwingen sind. E-Mails der Schule, Gebrauchsanweisungen oder Beipackzettel, all das wird nicht verstanden, sagt Sotiria Germanli, die den Fachbereich „Deutsch und Integration“ in der Volkshochschule Haar leitet. Auch eine Ausbildung wird zur Unmöglichkeit. Oder der Führerscheinerwerb.
Letztlich geht es nicht nur darum, dass man auch eine schwierige Textstelle zumindest nach zwei- oder dreimaligem Lesen versteht. Beim Thema „Literalisierung“ geht es auch um Selbstwirksamkeit und gesellschaftliche Handlungsfähigkeit, sagt Jana Arbeiter. Die Kölner Erziehungswissenschaftlerin koordiniert das „Kompetenzzentrum Grundbildungspfade“ für gering literalisierte Erwachsene. Hier werden zehn regionale Projekte wissenschaftlich begleitet. Ziel ist es, Grundbildungsangebote noch zugänglicher, wirksamer und nachhaltiger zu gestalten.
Qualifizierte Alphabetisierungskurse an jedem Volkshochschulstandort in Bayern, das wäre Korbinian Gramenz’ großer Wunsch. Gramenz leitet die Fach- und Koordinierungsstelle „Alphabetisierung und Grundbildung“ beim Bayerischen Volkshochschulverband. In rund 80 der fast 160 bayerischen Volkshochschulen werden nach seinen Informationen Grundbildungskurse angeboten. Bis zu 300 finden jedes Jahr statt. Über 2500 Menschen nehmen alljährlich daran teil. Großen Wert wird darauf gelegt, einen engen Bezug zur Lebensrealität herzustellen, um die Motivation zur Teilnahme zu erhöhen.
Zwölf Prozent aller Deutschen sind betroffen
Gerade in den vergangenen zehn Jahren gab es bundesweit ein großes Engagement für Grundbildung. Was an der „AlphaDekade“ lag. 2016 startete diese nationale Initiative für Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland. Im Dezember läuft sie aus. Sie brachte eindeutige Fortschritte, sagt Gramenz: „Dennoch stagniert die Zahl der Menschen, die keine komplexen Texte verstehen können.“ Nach wie vor gelten 12 Prozent aller Bürger in Deutschland als gering literalisiert.
Ob jemand gut lesen oder schreiben kann, hängt nach seinen Worten nicht zuletzt damit zusammen, ob und wie jemand zu lernen gelernt hat. Menschen mit geringer Literalität könnten ihre Bildungsprozesse oft nicht selbst organisieren. Hier hilft seit kurzem die „Kompetenzwerkstatt Basisbildung und Alphabetisierung“ in Nürnberg. Dort werden ganze Bildungspfade gelegt. Wer den Grundkurs durchlaufen hat, soll zum Beispiel in einen Pflegevorkurs mit Alphabetisierung münden können. Oder sich, unter Berücksichtigung seiner Schwierigkeiten, zum Pflegeassistenten qualifizieren.
An der Volkshochschule im oberpfälzischen Tirschenreuth bot Cornelia Greiner im vergangenen Jahr erstmals einen Alpha+-Kurs für Pflegekräfte an. Fünf junge Frauen und Männer aus Osteuropa, dem arabischen Raum und Afrika nahmen teil. Alle hatten Mühe, Deutsch zu lesen und zu schreiben. Dennoch schafften sie es, in eine Ausbildung zum Pflegehelfer einzusteigen. Sie gingen in die Pflegeschule. Sammelten in einer Pflegeeinrichtung praktische Erfahrungen. Daneben begaben sie sich einmal in der Woche in die Volkshochschule, wo sie bei Cornelia Greiner lernten, Fachbegriffe zu verstehen, und wo sie sich auf die Prüfung vorbereiteten. Die Erfolgsquote war gigantisch: Am Ende schaffte es jeder Teilnehmer, die Prüfung zu bestehen.
Waren die jungen Leute zu Beginn des Kurses allesamt als „gering literalisiert“ eingestuft, schätzt Cornelia Greiner sie nun als „relativ gut literalisiert“ ein. Die Dozentin hofft, dass weitere Kurse angeboten werden. Im Moment steht ein neuer Kurs Anfang 2027 in Aussicht.
Gut lesen und schreiben zu können, ist das eine. Für Rainer Wenrich von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt wäre es wichtig, auch auf andere Formen von Literalität aufmerksam zu machen – etwa „ästhetische Literalität“. Dies meint die Fähigkeit, die gestaltete Umwelt „lesen“ zu lernen. Wobei es nicht alleine um Kunstwerke geht: „Es geht generell um eine kritische Wahrnehmung unserer Welt und die Förderung des kritischen Denkens.“ Beides seien wesentliche Schlüsselkompetenzen unserer Zeit. (Pat Christ)
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