Leben in Bayern

Vor einer Woche waren Josef Wille (Dritter von links) und andere Fans schon einmal in Amerika. In Chicago sahen sie das Spiel Deutschland gegen die USA. Wille freut sich sehr auf die WM. (Foto: privat)

12.06.2026

Bayerische Fußballfans im WM-Fieber

Wie ein Fan, ein Schiedsrichter und eine Trainerin auf das Großereignis in den USA, Mexiko und Kanada blicken

Die USA, Mexiko und Kanada sind Gastgeber der bislang größten Fußballweltmeisterschaft. Im Vorfeld gab es viel Kritik – wegen der Politik, der Preise und der Hitze. Wir haben mit drei Menschen gesprochen, die ihre ganz eigene Sicht auf das Turnier haben.

Der Fan: Es gibt Leute, die zahlen alles!

Wenn am Sonntag zur Mittagshitze das erste Spiel der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußballweltmeisterschaft in Houston/Texas angepfiffen wird, wird auch Josef Wille im Stadion sitzen. Wie bei jedem Spiel der Deutschen, seit 2017. Der Donauwörther ist Mitglied der Adler Nordschwaben, einem offiziellen Fanklub der Nationalmannschaft. Und er gehört zum elitären Kreis von 300 bis 500 Fans, die für jedes WM-Spiel mit deutscher Beteiligung Sondertickets erhalten haben – zum Preis von jeweils 60 US-Dollar. Möglich macht das ein Punktesystem des Deutschen Fußballbunds (DFB), mit dem bewertet wird, welche Fans sich solche Tickets verdient haben. Und Allesfahrer Wille hat sehr gut abgeschnitten. 

Sogar das Finale könnte er so relativ günstig miterleben, sollte die Nationalmannschaft tatsächlich so weit kommen. „Sonst zahlt man dafür 4000 Euro“, sagt Wille. „Ich kenne Leute, die sogar einen fünfstelligen Betrag gezahlt haben – ohne zu wissen, wer im Finale steht.“ Darüber kann Wille nur den Kopf schütteln. „Es gibt so viele Verrückte, die zahlen alles“, sagt er.

Der Fußballweltverband FIFA weiß das und macht sich das mittlerweile auch zunutze. Früher profitierten wegen der großen Nachfrage vor allem Schwarzmarkthändler. Sie verkauften die Tickets zu Mondpreisen weiter – und machten damit ein Riesengeschäft. Mittlerweile hat die FIFA eine eigene Plattform geschaffen – und kassiert dabei ordentlich mit. Bei jeder Transaktion verlangt sie 15 Prozent des Kaufpreises vom Käufer und noch mal 15 Prozent vom Verkäufer als Gebühren.

Wille glaubt nicht, dass die Methode bei jedem Spiel dieser Weltmeisterschaft funktionieren kann. „Wer zahlt denn 300 Dollar für Kongo gegen Usbekistan?“ Bei der WM in Katar seien irgendwann auch Fans ohne Ticket ins Stadion gelassen worden. „Die waren froh, dass die Stadien voll waren. So wird es in den USA auch sein.“

Soccer, wie der Fußball dort genannt wird, steht in dem Land eben auch nicht so im Rampenlicht wie American Football, Baseball, Basketball oder Eishockey. Wille hat das in der vergangenen Woche in Chicago, zum letzten Testspiel der deutschen Nationalmannschaft, selbst erlebt. Das bevorstehende Großereignis sei in der Stadt kaum wahrgenommen worden. „Als ich da war, fanden gerade auch ein Pokemon- und ein Jazzfestival statt. Die waren wichtiger als die WM.“

Keine idealen Voraussetzungen also für eine herausragende Weltmeisterschaft – zumal Kanada, neben Mexiko ebenfalls Gastgeberland, auch keine Fußballhochburg ist. Hinzu kommt die politische Situation, vor allem die Antipathie vieler gegen den US-Präsidenten: „Sehr viele meiner Bekannten wären gerne mit zur WM geflogen, haben aber wegen Trump darauf verzichtet“, sagt Wille.

Für ihn selbst wäre das nicht infrage gekommen. Er flog auch zu den nicht minder umstrittenen Weltmeisterschaften in Russland 2018 und Katar 2022 – und hat es nicht bereut. Deshalb freut er sich auch auf die jetzige Weltmeisterschaft. Willes Credo: „Die WM findet mit oder ohne mich statt.“ Ihm geht es darum, Kontakte zu knüpfen und zu genießen, wenn die ganze Welt zusammenkommt. „So schlimm die Welt auch ist. In dem Moment spielt das keine Rolle.“ Noch heute pflegt er Bekanntschaften nach Katar und Russland.

Der Erfolg eines Turniers ist für den Donauwörther auch nicht mit dem Abschneiden der deutschen Nationalmannschaft verbunden. Er könnte auch einem Ausscheiden in einem möglichen Achtelfinale gegen Frankreich nach einem guten Spiel etwas abgewinnen. „Das wäre günstiger – und meine Frau wäre auch glücklich.“ Schließlich wäre er dann früher wieder zu Hause.

Der Schiedsrichter: Weg mit dem Zeitschinden!

Ludwig Schmidt aus Kösching (Landkreis Eichstätt) wird die Spiele der Deutschen zusammen mit seinem Stammtisch verfolgen. Während die anderen vor allem auf Spieler wie Joshua Kimmich oder Jamal Musiala achten werden, wird Schmidt besonders auf einen schauen: den Schiedsrichter. „Wie leitet er das Spiel? Wie reagiert er bei Rudelbildung?“ Der Berufsschullehrer ist nämlich selbst Schiedsrichter, seit mittlerweile 47 Jahren. 3400 Spiele hat er schon geleitet. Man kann also mit Fug und Recht behaupten: Schmidt kennt sich auf seinem Gebiet aus.

Zur neuen Weltmeisterschaft wird es auch wieder einige Regeländerungen geben. Mehrere Regeln sollen dabei dem Zeitspiel den Garaus machen. Mit der Fünf-Sekunden-Regel sollen Einwürfe und Abstöße schneller vonstatten gehen. Wird die Zeit überschritten, wechselt der Ballbesitz. Die Zehn-Sekunden-Regel soll Auswechslungen beschleunigen. Bei einer Überschreitung des Zeitlimits muss der auf die Einwechslung wartende Spieler mindestens eine Minute draußen warten, sein Team spielt solange mit einem Mann weniger.

Dazu gilt eine 60-Sekunden-Regel für Spieler, die auf dem Feld behandelt werden. Sie müssen nach der Behandlung eine Minute draußen bleiben – es sei denn, es gab nach einem Foul an ihnen eine Gelbe oder Rote Karte. Schmidt findet das gut. „Damit wird so viel Zeit geschunden. Das gehört sich nicht im Fußball.“

Bei der WM werden auch dem Videoassistenten (VAR) weitere Kompetenzen eingeräumt: Der VAR darf nun auch prüfen, ob beim Verhängen einer Gelb-Roten Karte die zweite Verwarnung tatsächlich korrekt war. Er soll den Schiedsrichter außerdem auf falsch gegebene Eckbälle aufmerksam machen. Schmidt geht Letzteres zu weit – auch wenn er generell die Einführung des VAR im Profifußball als sinnvoll erachtet. „Wo will der VAR denn noch überall eingreifen?“

Die meiste Verantwortung kommt aber nach wie vor dem Schiedsrichter auf dem Platz zu. „Der gibt die Richtung vor.“ Sei der zu gutmütig, nutzten das die Spieler aus. Als Spiegelbild der Gesellschaft hat auch der gegenseitige Respekt auf dem Fußballplatz nachgelassen, sagt Schmidt. „Aber im Fußball kann man das immer noch mit Regeln im Zaum halten – wenn man sie durchsetzt.“

Schmidt freut sich grundsätzlich auf die WM. „Nervig ist nur das amerikanische Getue.“ Im letzten Testspiel der Nationalmannschaft gegen die USA in Chicago gab es schon einen Vorgeschmack auf das, was die Fans erwarten dürfte: Da wurde jeder Spieler einzeln mit großem Tamtam vorgestellt. In den USA ist man im Sport mehr Show als in Europa gewohnt. Schmidt findet das grenzwertig: „Fußball soll Fußball bleiben.“

Die Trainerin: Das wird kein Sommermärchen!

Eine bei der WM erfolgreiche Nationalmannschaft beschert auch den Fußballvereinen mehr Nachwuchs. „Aber ein Sommermärchen wie 2006 wird es jetzt wohl nicht werden“, sagt Sabine Obermaier. „Dafür ist die WM auch zu weit weg.“ Vor allem: zu sehr in einer anderen Zeitzone. Zwei der drei deutschen Vorrundenspiele beginnen erst um 22 Uhr – da sind die meisten Kinder schon im Bett. Bei den Kindern, die Sabine Obermaier trainiert, sind es alle.

Sie sind erst zwischen vier und sechs Jahre alt. Trotzdem ist die WM auch bei den Kleinsten ein Thema. „Schwarz-Rot-Gold zieht halt.“

Obermaier ist seit mehr als 35 Jahren Trainerin bei der SpVgg Joshofen-Bergheim im Landkreis Neuburg-Schrobenhausen. Sie hat viele Talente kommen und gehen sehen. Einer ihrer ehemaligen Schützlinge, Felix Keidel, hat es auch weit gebracht. Gerade erst ist der 22-Jährige mit der SV Elversberg in die erste Bundesliga aufgestiegen.

„Es ist ein sehr steiler Weg“, sagt Obermaier. Die Profikarriere ist für die meisten ohnehin unerreichbar, so sehr die Kinder oder ihre mitunter ehrgeizigen Eltern es sich auch wünschen. Es ist aber schon allein ein Kunststück, bis zum Erwachsenenbereich im eigenen Verein durchzuhalten. Schule, Pubertät, Weggehen, das Studium – es gibt viele Gründe, deretwegen Kinder und Jugendliche wieder aus dem Verein austreten. 20 Kinder trainiert Obermaier gerade. „Wenn von denen nach den Jugendmannschaften drei übrig bleiben, haben wir eigentlich alles richtig gemacht.“

Es hat sich auch einiges geändert im Laufe der Jahre. „Die Lockerheit fehlt heute ein bisschen“, sagt Obermaier. Die Ehrenamtlichen müssten heute so viele Vorgaben und Auflagen erfüllen. „Früher hast du das Auto mit Kindern vollgestopft und bist zu den Spielen gefahren.“ Inzwischen sei das undenkbar. Ein vernünftiges Maß an Lockerheit habe sie sich aber bewahrt, sagt Obermaier. „Ich bin halt oldschool – deswegen macht es mir auch noch Spaß“, sagt sie lachend. 

Mit der Pandemie hatte aber auch die positive und erfahrene Trainerin zu kämpfen: „Nach Corona waren die Kinder ganz anders drauf“, erzählt sie. „Sie durften keine Gummibärchen mehr annehmen. Es hat ein Jahr gedauert, bis sie sich einander wieder annähern konnten.“ 

Auf die WM freut sich Obermaier – auch wenn sie nicht mit einem allzu guten Abschneiden der deutschen Nationalmannschaft rechnet. Zum einen, weil das Team – wie die anderen europäischen Mannschaften – sich schwertun dürfte, mit der Hitze zurechtzukommen. Zum anderen, weil sie bei der Nationalmannschaft Leidenschaft und Miteinander vermisst. „Das zeichnet mittlerweile andere Mannschaften aus.“ (Thorsten Stark)
 

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