Leben in Bayern

Der Eierautomat der Familie Wendler kommt gut an. (Foto: Nikolas Pelke)

08.05.2020

Bio – bequem aus dem Automaten

Durch die Virus-Krise entdecken immer mehr Menschen in Bayerns Städten die Landwirte vor der Haustür – Hofläden erleben einen regelrechten Ansturm

Fröhlich radelt Stefan mit seinen beiden Kindern zum Bauern. „Wir kaufen hier schon seit Jahren frische Eier ein“, sagt der Familienvater und wirft ein paar Münzen in den Eierautomaten, der mitten auf dem Hof der Familie Wendler im Erlanger Ortsteil Tennenlohe steht. „Der Automat ist total praktisch. Hier kann ich auch nach der Arbeit immer frische Eier bekommen. Bequemer und besser geht es überhaupt nicht“, findet Stefan und kontrolliert mit kurzem Kennerblick den zerbrechlichen Inhalt der grauen Pappschachtel.

Drinnen im Hofladen hat Silke Wendler trotz des helfenden Automaten vor der Tür noch immer alle Hände voll zu tun, die Kundschaft mit den Produkten aus der eigenen Landwirtschaft zu versorgen. Fein säuberlich mit dem vorgeschriebenen Mindestabstand von etwa drei Armlängen stehen die Menschen mit ihren mitgebrachten Jutebeuteln und Weidenkörben brav vor der Theke in der Schlange. Manche lassen sich beim Warten vom Frühlingsgezwitscher der Vögel unterhalten. Andere genießen die Aussicht auf die saisonalen Köstlichkeiten wie Kartoffeln und hausgemachte Nudeln.

„Die Leute kaufen mehr ein als vorher“, erzählt Silke Wendler und meint mit „vorher“ die Zeit vor der Corona-Pandemie. „Unsere Eier sind immer schon am Nachmittag weg“, sagt die blonde Bäuerin und berichtet, dass der Eierautomat regelmäßig über Nacht von der hungrigen Kundschaft geleert werde. Sie lacht und sagt: „Mehr als 800 Eier geben unsere Hühner aber leider nicht pro Tag.“

„Ich kaufe hier auch immer meine Eier“, sagt Jochen Loy, Geschäftsführer des bayerischen Bauernverbands in Nürnberg. Die starke Nachfrage nach regionalen Lebensmitteln ist für Loy eine logische Folge der Krise. „Die Leute sind zu Hause und haben wieder mehr Zeit, zusammen mit der Familie zu kochen.“ Statt simpler Tiefkühlkost würden wieder Traditionsgerichte auf den Tisch wandern. „Die Menschen legen in der Krise wieder mehr Wert auf gesunde Ernährung mit frischen Lebensmitteln aus der Region.“ Loy zählt zahlreiche Hofläden auf, die man rund um die Frankenmetropole „praktisch direkt vor der Haustür“ erreichen könne.

Ändert Corona die Esskultur nachhaltig?

Die Wendlers gehören zu den Pionieren der Direktvermarktung. 2014 haben Silke und Florian Wendler ihren Hofladen eröffnet. Zehn Eier kosten derzeit etwas mehr als drei Euro. Der Preis sei vielleicht etwas höher als im Supermarkt, gibt Loy vom Bauernverband zu. Aber dort bekomme der Kunde erstens nur Massenware und unterstütze mit seinem Geld zweitens ausschließlich den Handel und nicht die Bauern vor Ort. Loy hofft darauf, dass die Krise das Bewusstsein der Menschen für Esskultur nachhaltig verändert.

Dass nur billig nicht alles ist, davon ist auch Familie Schwarzkopf überzeugt, die in Neunhof im Nürnberger Knoblauchsland einen Spargelhof im Nebenerwerb betreibt. „Wir sind noch ein kompletter Familienbetrieb“, sagt Johann Schwarzkopf und bringt den Frauen mit den scharfen Schälmessern einen Korb mit dem knackigen Stangengemüse. „Wir schälen den Spargel und packen ihn danach in den Automaten“, sagen Jasmin, Brigitte und Heidi. „Der Automat läuft sehr gut und nimmt uns viel Arbeit ab“, sagt Johann und erzählt, dass die Familie früher immer vom Feld zum Hof eilen musste, wenn die Kund*innen vor der Tür standen. Aus der Ruhe bringen lässt sich die Familie trotz der Spargelsaison nicht. „Wir machen alles alleine – ohne Fremdarbeiter.“

Und nicht nur rund um die Frankenmetropole, auch im Speckgürtel Münchens erleben Lieferanten von Biogemüse und Hofläden derzeit einen regelrechten Ansturm. „Fast alle unsere Betriebe haben zurzeit Wartelisten und können keine Neukunden aufnehmen“, bestätigt Martina Schmid von der Geschäftsstelle des Verbands Ökokiste in Penzberg, an den in Bayern 15 Erzeugerbetriebe und Direktvermarkter angeschlossen sind. „Jeder kauft Autos dazu und stellt neue Leute ein, denn wir möchten ja die Kunden gerne bedienen.“ Der Vorteil gerade in Zeiten von Corona: Wöchentlich wird die bestellte Bioware bis vor die Haustür geliefert. „Auch wenn die Umstände furchtbar für uns alle sind, ist es für den ökologischen Landbau doch eine große Chance“, sagt Schmid, die hofft, dass „die Nachfrage und Wertschätzung des regionalen Angebots auch nach der Krise bleibt“.

Das wünscht sich auch das Team vom Amperhof in Olching, das sich zu den Bio-Pionieren zählt. Am Hofgelände des Gründungsmitglieds der Ökokiste stapeln sich die Pfandboxen fast bis zur Decke. Jeder packt mit an, auch samstags wird jetzt gearbeitet. „Die Nachfrage ist regelrecht durch die Decke geschossen, wir haben zwischenzeitlich mehr als 4000 Aufträge pro Woche, viel mehr als sonst“, erzählt Daniela Kretschek vom Amperhof. „Zwischendurch waren auch bei uns Eier oder das Mehl knapp, und der Server unseres Onlineshops ist oft überlastet.“

Bereits am Anfang der Corona-Krise wollten sich laut Kretschek mehr als 1000 Neukunden anmelden. Um überhaupt lieferfähig zu bleiben, habe man sich mit Wartelisten und schließlich Aufnahmestopps beholfen – und dann aufgestockt. Jetzt gibt es erweiterte Liefertouren. Kretschek hofft, dass auch langfristig ein paar Hundert Neuabnehmer dabeibleiben.
(Nikolas Pelke, Lucia Glahn)

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