Leben in Bayern

Andreas Bauer (links) mit seinem Geschäftspartner Helge Sudau. (Foto: Bäumel-Schachtner)

30.11.2018

Comeback des Vinyl

Bei Landshut steht Bayerns einziges Presswerk für Schallplatten – ein Besuch bei Andreas Bauer

Das ist mal Weitsicht: Vor mehr als zehn Jahren baute Andreas Bauer sein Unternehmen auf, das Schallplatten presst. Damals war die gute alte Vinylplatte noch ein vom Aussterben bedrohtes Nischenprodukt. Heute aber erlebt die schwarze Scheibe ihre Renaissance. Immer mehr Bands und Musiker bringen wieder Schallplatten heraus. Und immer mehr Menschen kaufen sie – wegen der besonderen Klangerlebnisse und auch, weil sie klassisch sammeln wollen. Musik als MP3 oder Online-Stream, das reicht ihnen nicht. Sie wollen ihre Tonträger wieder ins Regal stellen können.

Das ist auch eine Imagesache, erklärt Helge Sudau, Andreas Bauers Partner seit 2016. Und gut fürs Geschäft. Denn das Presswerk My45 von Bauer und Sudau ist das einzige im Freistaat. „Keiner außer uns presst in Bayern noch Platten“, sagt Bauer. Mit 15 Angestellten stellt er in Tiefenbach bei Landshut die begehrten Scheiben her. Das Presswerk liegt mitten in einer beschaulichen Wohngegend. Die Werkstatttüren schlucken den Lärm. Drinnen aber ist das Zischen und Rattern der Maschinen zu hören.

Bauer macht selber Musik, in Richtung Reggae und Soul. Seine Platten hat er stets in einem Presswerk in Frankfurt in Auftrag gegeben. Bis das dicht machte. „Ich bin hingefahren, um meine Unterlagen abzuholen“, erzählt Bauer. Aus Jux habe er da zu einem Freund gesagt: „Kaufen wir doch das Presswerk.“ Aus dem Jux aber wurde schnell ernst und Bauer war Inhaber eines Presswerks. Zunächst produzierte er am Bodensee, wollte sich dann in München ansiedeln. Da er in der Landeshauptstadt aber keine geeigneten Räumlichkeiten fand, landete er mit seinem Unternehmen schließlich in der Landshuter Region.

Der Traum von Bauer: eine Scheibe von James Brown

Bauer, der eine Lehre zum Radio- und Fernsehtechniker in Passau absolviert hatte, brachte sich alles selber bei. Und holte sich Tipps von Kollegen – auch im Netz. Die Methode Learning by Doing klappte bei ihm gut, auch wenn es gar nicht so einfach ist, eine Schallplatte zu pressen, wie Bauer betont.

Die Musiker schicken ihre Musikdaten digital nach Tiefenbach. Am Rechner werden diese aufbereitet und kommen in die sogenannte Schneidemaschine. Die hat zwar schon ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel, die Technik aber hat sich wenig verändert. Die Maschine schneidet die Daten mittels eines Stichels in eine mit Acetatlack beschichtete Aluminiumscheibe – die typischen Rillen entstehen. Der so entstandene Rohling geht dann in die Galvanik, das heißt: Er wird versilbert und vernickelt. Die Negative, Stamper genannt, die dadurch entstehen, kommen in eine der drei Plattenpressen – es gibt jeweils eine für Singles, LP mit 140 Gramm und LP mit 180 Gramm Gewicht. Dort kommt der Rohstoff Vinyl in Form eines erhabenen „Kuchens“, wie Bauer es nennt, auf die Ursprungsform. In nur wenigen Sekunden wird der „Kuchen“, im Fachjargon Stamper genannt, zur flachen Scheibe eingepresst. Weil dabei aber immer etwa schiefgehen kann, wird jeder Tonträger zumindest stichprobenartig abgespielt, bevor er das Presswerk verlassen darf.

Als Bauer sein Unternehmen startete, sah es nicht danach aus, als würde es die Schallplatte noch lange geben. „2005 war ein richtiger Tiefpunkt“, sagt er. Beirren ließ er sich dadurch aber nicht. Heute macht er nach eigenen Angaben einen Jahresumsatz zwischen 1,2 und 1,4 Millionen Euro. Noch ein Vorteil der klassischen Scheibe. „Die kann man bei Pressefotos so schön in die Kamera halten“, erklärt Geschäftspartner Sudau. „Und wenn jemand den Aufwand auf sich genommen hat, eine echte Platte zu produzieren, dann merkt der Käufer, da steckt mehr dahinter bei diesem Musikprojekt.“

Bauer und Sudau sehen sich als Dienstleister für kleinere Auflagen, größere möchten und könnten sie auch nicht bewältigen. Aber sie profitieren auch davon, wenn große Werke überlastet sind. Denn in Tiefenbach sind sie flexibel, in nur vier bis sechs Wochen können sie die Platten liefern. Oft werden um die 500 Stück produziert.

Unter den Auftraggebern befinden sich durchaus bekannte Name. Mando Diao zum Beispiel hat schon eine Single in Niederbayern produzieren lassen. Auch Hannes Ringlstetter. Aktuell wird in Tiefenbach ein holländischer Schlager produziert. „Gar nicht übel“, sagt Andreas Bauer und lacht. Sudau gibt ihm recht: „Es ist toll, so viel unterschiedliche Musikrichtungen auf dem Schreibtisch zu haben.“

Eine Single kostet in der Herstellung zwischen 60 Cent und zwei Euro, manche Punkbands geben sie auf ihren Konzerten zum Selbstkostenpreis ab, normalerweise werden aber einige Euro fällig. Aufwendige Alben können in der Herstellung auch mal um die zehn Euro kosten, so Bauer. Der Endkunde muss dann zwischen 20 und 50 Euro für eine Scheibe hinblättern.

Kommen Bauer und Sudau in einen Plattenladen, schauen sie auch immer, ob sie eine von ihnen produzierte Schallplatte entdecken. „Und die stellen wir immer ganz nach vorne“, sagt Sudau und lacht. Der Großteil der Scheiben allerdings wird im Internet oder direkt auf Konzerten verkauft.

Und was, wenn die Schallplatte doch mal stirbt? Das können sich Bauer und Sudau nicht vorstellen. „Eher stirbt die CD aus“, sind sie überzeugt. Außerdem hat Bauer noch einen Traum. Er will eine Platte von James Brown produzieren. Der Soulsänger ist zwar 2006 gestorben, seine Musik aber lebt weiter – und vielleicht tatsächlich auch einmal auf einem Tonträger aus Niederbayern.
(Melanie Bäumel-Schachtner)

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