Leben in Bayern

Da wird jedem geholfen: Johanna Anken, Leiterin der Bahnhofsmission Würzburg, reicht Miguel einen Tee. (Foto: Pat Christ)

17.04.2026

Der letzte Halt: Bahnhofsmissionen werden immer wichtiger

Die Armut nimmt in Bayern explosionsartig zu – was sich auch an den Bahnhofsmissionen zeigt, die immer mehr zu tun haben

Diesmal ging die Nacht. War es nicht so kalt. Anders als im Winter. „Da schlief ich bei minus 7 Grad draußen“, erzählt Krzysztof in gebrochenem Deutsch. Mit einer Tasse Tee in der Hand hockt der Pole vor der Bahnhofsmission in Würzburg. Vor wenigen Tagen ist er in die Stadt gekommen. Wo auch immer Krzysztof auftaucht: Die Bahnhofsmission gehört zu seinen ersten Anlaufstellen. Hier bekommt er Tee. Und ein Brot mit Margarine: „Ich selbst hab kein Geld.“

Zum Tag der Bahnhofsmission am 18. April machen Einrichtungen bundesweit darauf aufmerksam, dass diese Anlaufstellen zunehmend wichtiger werden.

Krzysztof ist kein Einzelfall: Immer mehr Bürger verlieren ihr Zuhause. Der 51-Jährige lebt seit fünf Jahren auf der Straße. Damals verlor er seinen letzten Job als Koch. Seitdem geht es immer weiter abwärts. Das Argument, dass Köche doch gesucht würden, kennt Krzysztof. Doch wer will ihn nehmen? „Ich habe keine Adresse, kein Handy, es ist schlimm“, sagt er.

Während Krzysztof draußen in der Sonne sitzt, holt sich Miguel, 19 Jahre alt, drinnen bei Johanna Anken, pädagogische Leiterin der Würzburger Bahnhofsmission, einen Tee. „Ich bin seit einem Monat obdachlos“, erzählt er. Bis vor Kurzem war Miguel im Betreuten Wohnen einer Jugendhilfeeinrichtung: „Doch ich erhielt zwei Mietabmahnungen.“ Da ging er.

Von der Mutter rausgeworfen

Zuerst kam er bei seiner Mutter unter. Das Verhältnis ist seit jeher schwierig. Außerdem lebt sie in einem einzigen Zimmer in einer 30 Quadratmeter großen Wohnung. Das ging eineinhalb Wochen gut. „Dann schmiss sie mich raus“, erzählt der Würzburger, der mit ADHS und Epilepsie fertig werden muss.

Ausgestattet sei er „de luxe“, meint Miguel mit Stolz in der Stimme: „Ich hab einen Winterschlafsack und ein Zelt.“ Draußen zu sein, macht ihm in wärmeren Nächten nichts aus. Trotzdem möchte er wieder wo wohnen. In Würzburg allerdings wird das nichts: „Die Mieten sind abnormal.“ Miguel hat sich umgesehen, wo er Fuß fassen könnte. „Ich gehe nach Chemnitz“, verkündet er, der sich inzwischen mit einer Tasse Tee an eine der Sitzgruppen verkrümelt hat.

Johanna Anken ertrinkt in solchen Geschichten. Tag für Tag hat sie es mit Menschen in existenziellen Krisen zu tun. Manchen ging es noch nie im Leben gut. Andere hatten bessere Zeiten gesehen. Da ist zum Beispiel Elke (Name geändert): „Sie stammt aus einem gutbürgerlichen Elternhaus.“ Allerdings scheinen beide Elternteile schwer psychisch krank zu sein.

Als Elke 18 war, kam es zum Bruch. Vor Kurzem wurde die Mittvierzigerin schwer krank, sie wäre fast gestorben. Danach stürzte sie völlig ab. Im Moment versucht Johanna Anken mit ihr zusammen, die Wohnung zu retten. Eine Räumungsklage ist anhängig. „Wir wollen mit den Menschen immer den nächsten Schritt gehen“, erklärt die Sozialarbeiterin.

Angesichts der äußeren Umstände ist der oft nicht der ideale. So sei es fast unmöglich, Gäste der Bahnhofsmission in den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln. Die allermeisten haben derart viele Probleme und sind so schwer psychisch krank, dass sie selbst das Tempo von Hilfsarbeitern nicht schaffen würden: „Ein Zimmer in einem Hotel muss in 5 Minuten gemacht sein.“

Auch beim Broteschmieren in Bahnhofsbäckereien wird auf die Tube gedrückt. Johanna Anken macht zu schaffen, in welchem Maße und mit welcher Geschwindigkeit immer mehr Menschen dieser Tage abgehängt werden. Es gibt keinen Platz mehr für sie. „Inzwischen bekommen wir Entlassbriefe aus dem Krankenhaus, wo draufsteht: Ultima Ratio Entlassung in die Bahnhofsmission.“ Auch für solche Menschen möchte die Einrichtung da sein.

Auf freiwillige Zuschüsse angewiesen

Allerdings stellt sich die Frage, wie die eklatante Steigerung der Nachfrage aufgefangen werden kann angesichts der Tatsache, dass Bahnhofsmissionen rein freiwillig bezuschusst werden. Michael Lindner-Jung, Geschäftsführer der Würzburger Bahnhofsmission gGmbH, bemüht sich im Moment darum, Sponsoren zu gewinnen.

Was das für ein Gefühl ist, derart arm und abgehängt zu sein, und wie man dann leben muss, das erfragte die Münchner Einrichtung unter ihren Klienten. „Ich bin so desillusioniert, ich habe keine Träume mehr“, erklärte ein Besucher. Ein ehemals Wohnungsloser erzählte: „Ich habe zwei Jahre in einer Sparkasse geschlafen. Da war es einfach sicher, da gab es eine Kamera.“

Das Zusammentreffen von unterschiedlichen, schwierigen Problemen belastet die Mitarbeiter der Katholischen Bahnhofsmission in München genauso wie das Team in Würzburg. Zur schwierigen Wohnsituation und existenziellen Nöten gesellen sich schwerwiegende psychische und soziale Probleme. Eben darum bräuchte es mehr Geld und Personal. Ansonsten besteht die Gefahr, die Mitarbeiter zu überlasten. Was wiederum dazu führen würde, dass sich die Unterstützung für die Klienten verschlechtert.

Die Sicherheit in den Bahnhofsmissionen zu gewährleisten, ist angesichts der Tatsache, dass die Klienten unter immer größerem Druck stehen, ein wachsendes Problem. Das berichtet Sandra Bauer-Böhm, Leiterin der vom katholischen Verband In Via getragenen Bahnhofsmission in Aschaffenburg. Je stärker die Armut wächst, umso heftiger würden die Verteilungskämpfe. Sowohl in Aschaffenburg als auch in Würzburg werden extreme Anstiege verzeichnet. In beiden Einrichtungen stieg die Kontaktzahl binnen fünf Jahren, zwischen 2021 und 2025, um rund 85 Prozent. Letztes Jahr wurden in Aschaffenburg 34 000 Kontakte registriert. In Würzburg waren es fast 76 000. „Auch in Zukunft rechnen wir mit einer weiteren gravierenden Steigerung“, prognostiziert Bauer-Böhm.

Aus beiden Statistiken geht vor allem ein sprunghafter Anstieg von Klienten mit psychischen Erkrankungen hervor. Bauer-Böhm registrierte eine Steigerung binnen fünf Jahren um 90 Prozent. Besonders besorgniserregend ist für sie die Zunahme schwerer Leiden wie Schizophrenie. Nicht selten gefährdeten die Klienten sich selbst oder andere. Immer mehr Besucher sind völlig verwahrlost. Wahnhaftigkeit nimmt zu. Eben deshalb ist die Bahnhofsmission meist die allerletzte Anlaufstelle. In anderen Einrichtungen gibt es längst Hausverbot.

Problem mit verwahrlosten Besuchern

Wie die meisten sozialen Einrichtungen haben auch Bahnhofsmissionen keine Einnahme aus dem, was die Klienten in Anspruch nehmen. Etwa in Form von Lebensmitteln oder Beratung. Ohne die Sondermittel der bayerischen Staatsregierung 2025, so Sandra Bauer-Böhm, hätte sie die Türen ihrer Einrichtung schließen müssen. Die Stadt Aschaffenburg sowie die Landkreise Aschaffenburg und Miltenberg schossen ebenso wie das Bistum Würzburg und der diözesane Caritasverband freiwillig etwas zu. (Pat Christ)
 

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!
Die Frage der Woche

Sollen Biolebensmittel umsatzsteuerfrei sein?

Unser Pro und Contra jede Woche neu
Diskutieren Sie mit!

Die Frage der Woche – Archiv
X
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

Beilagen

> Das neue vbw Unternehmermagazin ist online

Ralf Wintergerst, CEO von Giesecke+Devrient, weist auf einen sehr wesentlichen Umstand der deutschen Politik hin: „Es gibt hierzulande sehr viele Veto-Punkte, wo der eine aus Eigeninteresse den Vorschlag des anderen blockieren kann."

> Das einblicke-Magazin der Bundesgesellschaft für Endlagerung ist online

Die Suche nach dem sichersten Ort für unseren Atommüll ist eine staatliche Jahrhundertaufgabe. Das einblicke-Magazin der Bundesgesellschaft für Endlagerung stellt vier Menschen vor, die diese Mission bei der Bundesgesellschaft für Endlagerung mit ihre

> Änderung der Gemeindeordnung

Liebe Leserinnen und Leser des Kommunalen Taschenbuchs, die Gemeindeordnung des Freistaats Bayern hat sich am 23. Dezember 2025 nach Redaktionsschluss (14. November 2025) nochmals geändert. Die entsprechenden Seiten können Sie hier herunterladen.

Jahresbeilage 2025

Nächster Erscheinungstermin:
28. November 2026

Weitere Infos unter Tel. 089 / 29 01 42 54 /56
oder
per Mail an anzeigen@bsz.de

Download der aktuellen Ausgabe vom 28.11.2025 (PDF, 16,5 MB)

E-Paper
Unser Bayern

Das kunst- und kulturhistorische Online-Magazin der Bayerischen Staatszeitung

Abo Anmeldung

Passwort vergessen?

Geben Sie Ihren Benutzernamen oder Ihre E-Mail ein um Ihr Passwort zurückzusetzen. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an: vertrieb(at)bsz.de

Zurück zum Anmeldeformular 

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.

Abo Anmeldung

Passwort vergessen?

Geben Sie Ihren Benutzernamen oder Ihre E-Mail ein um Ihr Passwort zurückzusetzen. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an: vertrieb(at)bsz.de

Zurück zum Anmeldeformular 

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.

Unser Bayern - Nachbestellen

Aktuelle Einzelausgaben des Online-Magazins „Unser Bayern” können im ePaper der BSZ über den App-Store bzw. Google Play gekauft werden.