Leben in Bayern

Florian Ruegener, Leiter der Buchhandlung Kohler in Gräfelfing, hat während des Lockdowns Kunden am Telefon beraten. (Foto: Lucia Glahn)

25.09.2020

Die Kreativität der Kleinen

Seit Jahren wehrt sich die Buchbranche gegen die Konkurrenz aus dem Internet – ausgerechnet die Corona-Krise aber scheint sie zu beflügeln

Trotz Lockdown und verkürzter Öffnungszeiten: Während die großen Filialisten mit der Corona-Pandemie große Umsatzeinbußen hinnehmen müssen, kommen kleine Buchläden erstaunlich gut durch die Krise. Weil Stammkunden sie explizit unterstützen. Aber vor allem auch, weil sie sich einiges einfallen ließen, wie dieser kleine Streifzug durch Bayern zeigt.

Erst mal war er ein großer Schock: der Lockdown. Doch nach der ersten „Schockstarre“ wurden sie aktiv: Ulla Rottmann und die beiden weiteren Inhaberinnen der Würzburger Buchhandlung Dreizehneinhalb. Sie deponierten die Bücher zum Beispiel beim Optiker um die Ecke, der sein Geschäft öffnen durfte. Dort konnten Kund*innen die Bestellungen dann abholen. „Viele sagten, das war so schön, dass Sie das gebracht haben, können Sie das weitermachen?“, erzählt Rottmann. „Vereinzelt bringen wir mit dem Rad Leuten immer noch Bücher vorbei.“

Dieses Engagement hat sich gelohnt. Denn die Buchhändlerinnen sind mit ihrem Laden bislang erstaunlich gut durch die Corona-Krise gekommen. „Und der Verkauf läuft immer noch überraschend stabil“, freut sich Rottmann. „Merkwürdigerweise sind sogar noch neue Kundinnen und Kunden dazugekommen. Wir können uns das auch nicht erklären.“ Vermutlich habe es im Lockdown auch Unterstützungskäufe gegeben, aber bis heute werde mehr bestellt als im Vorjahr, so Rottmann.

Ein Würzburger Laden produziert eigenen Podcast

Tatsächlich ist die Würzburger Buchhandlung kein Einzelfall. Ausgerechnet den kleinen Buchhandlungen geht es in der Corona-Krise erstaunlich gut. Laut dem Fachmagazin Buchreport kamen die Standorthändler*innen im ersten Halbjahr 2020 sogar deutlich besser durch die Pandemie als die Filialisten, die hohe Einbußen erlitten. Viele der kleinen Buchläden konnten ein Umsatzplus von durchschnittlich rund sieben Prozent im Vergleich zum Vorjahr verzeichnen – vor allem durch die Treue von Stammkundschaft, die ihre Läden vor Ort stützen wollte. Diese ließen sich laut der Umfrage von Buchreport aber auch einiges einfallen. Von den befragten 390 Läden gaben mehr als drei Viertel an, die Krise habe die Buchhandlungen besser gemacht – im Bereich der Kundenpflege, aber auch bei der Entwicklung neuer Ideen und der Wartung der Online-Shops.

„Die ersten Wochen nach der Wiederöffnung hatten die Menschen echten Nachholbedarf“, erklärt die Würzburgerin Rottmann. Da seien auch viele Familien gekommen. „Anfangs durften ja nur sechs Menschen in das Geschäft, jetzt sind es zwölf.“ Trotzdem gebe es noch verkürzte Öffnungszeiten, mit den Masken sei das sonst zu anstrengend. Gut verkaufen sich in Dreizehneinhalb, benannt nach der Hausnummer des Ladens, derzeit Bildbände und Serien. „Die Leute haben vielleicht auch etwas mehr Geld, weil sie nicht so viel verreisen. Und sie wollen den lokalen Einzelhandel stützen“, vermutet die Buchhändlerin. „Viele fragen auch, ob es uns gut geht und wie wir das so schaffen.“ Überhaupt habe sich das Verhalten der Kundschaft geändert: Niemand beschwert sich mehr, auch nicht über die verkürzten Öffnungszeiten.

Und sogar Schulen unterstützen den Würzburger Buchladen. „Sie haben uns auf ihrer Schulhomepage verlinkt“, freut sich Rottmann. Und in einem selbst produzierten Podcast empfiehlt Rottmanns Mitarbeiterin Britta Schneider aktuelle Kinder- und Jugendbücher. Er ist auf der Homepage des Würzburger Matthias-Grünewald-Gymnasiums zu hören.

In diesem Jahr wird das Geschäft, mit dem sich die drei Inhaberinnen einen Traum erfüllten, 15 Jahre alt. „Zum Glück haben wir das dreizehneinhalbjährige Bestehen gefeiert, so ist uns wenigstens keine Feier durch die Lappen gegangen“, sagt Rottmann und lacht. Manches, was sie vor Corona angeboten haben, geht allerdings noch immer nicht: Buchlesungen und einzigartige Angebote wie „Einschließen und Genießen“ zum Beispiel. Kleine Gruppen können damit nach Geschäftsschluss im Laden mit Prosecco und Knabberzeug ungestört weiterschmökern.

Buchhandlungen mit Lieferdienst und Online-Shop

Auch die Gräfelfinger Buchhandlung Kohler ist zur Freude und Überraschung von Leiter Florian Ruegener bisher sehr gut durch die Corona-Zeit gekommen. „Wir konnten die Umsätze sogar steigern, was wir so nicht erwartet haben“, sagt er. In dem Münchner Vorort brachten zwei Fahrer der Buchhandlung während des Lockdowns die Bestellungen direkt zu den Kunden. „Das kam sehr gut an, viele haben dann bei uns telefonisch oder per Mail bestellt und sich auch am Telefon beraten lassen“, so Ruegener. Zahlreiche Kunden hätten sich im Nachhinein noch für den Service bedankt. Und nach der Öffnung sei das Geschäft regelrecht gestürmt worden, der große Bedarf nach Lesefutter hält zur Freude des Buchhandel-Teams auch in Gräfelfing immer noch an.

„Die Leute haben einen großen Hunger auf Bücher, vor allem auch nach neuer Literatur“, erzählt Ruegener. „Wir haben ja vor allem Stammkundschaft.“ Aber auch einige junge Kunden seien dazugekommen, die das Lesen für sich im Lockdown entdeckt haben. Neben Schulbüchern und Neuerscheinungen im Belletristik- und Sachbuchbereich seien vor allem Kinderbücher sehr gefragt, so Ruegener. Während des Lockdowns wurden auch Kochbücher gerne gekauft. Ruegener vermutet angesichts der Ansteckungsgefahr, „dass immer noch viele lieber zu dem kleinen Laden um die Ecke gehen, als in die großen Geschäfte in die Stadt zu fahren“. Das sei manchen vielleicht noch zu riskant.

Auch die bekannte Münchner Buchhandlung Lehmkuhl kam heuer nach den Worten von Geschäftsführer Michael Lemling „bisher ganz gut durch“. Und das, obwohl der Schwabinger Laden normalerweise auch viel Laufkundschaft hat, die erst mal wegbrach. „Im Lockdown haben vor allem unsere Stammkundinnen und Stammkunden fleißig bestellt, etwa über unseren Online-Shop. Das war toll“, sagt Lemling. Und auch die Mitarbeiter von Lehmkuhl brachten den Lesestoff mit dem Fahrrad im Stadtviertel vorbei, was sehr gut ankam. „Seit wir nach dem Lockdown geöffnet haben, ist unser Umsatz wieder auf Vorjahresniveau“, sagt der Geschäftsführer.

Bitter sei allerdings, dass Lehmkuhl auf seine legendären Lesungen mit bekannten Autor*innen verzichten muss. Denn dafür fehlt schlicht der wegen der Hygieneverordnung nötige Platz. Gut angenommen wird dafür der individualisierte Online-Shop, auf dem auch zahlreiche Lesetipps der Mitarbeiter zu finden sind. Dort sei die Nachfrage während des Lockdowns im Vergleich zum Vorjahr zwölfmal so hoch gewesen, jetzt sei sie etwa auf dem dreifachen Niveau. „Die Leute wollen nun auch wieder im Laden stöbern“, so Lemling. Anfangs durften nur 14 Kunden gleichzeitig in das Geschäft, da gab es draußen Warteschlangen. „Jetzt sind es 28, damit können wir ganz gut leben“, sagt Lemling. „Unter der Woche haben wir derzeit das Dreifache an Kunden, das brauche ich aber auch.“ Lemling findet die „Riesensympathiewelle mit den Buchhandlungen“ super. Je kleiner die Buchhandlung und je weiter draußen auf dem Land sie sei, desto besser gehe es ihr. Lemling: „Ich weiß von einigen Buchläden, dass sie das beste Halbjahr aller Zeiten hatten.“
(Lucia Glahn)

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