Leben in Bayern

Christian Unger hat Multiple Sklerose – nur ganz selten traut er sich noch aus dem Haus. (Foto: Andres Chuquisengo)

03.04.2020

Ein Virus, das die Lebensfreude raubt

Der Münchner Christian Unger (57) zählt zur Corona-Risikogruppe – wie viele Vorerkrankte und alte Menschen leidet er sehr unter der Covid-19-bedingten Isolation

Christian Unger hat Multiple Sklerose. Und plötzlich geht alles, was dem Münchner noch vor ein paar Wochen den Alltag „leicht und lebenswert“ gemacht hat, nicht mehr: ins Kino gehen mit der Tochter oder Skat spielen mit Freunden. Denn Unger gehört zur Risikogruppe, für die das Coronavirus besonders gefährlich werden kann. Was das für ihn und andere Vorerkrankte sowie für alte Menschen bedeutet.

Die letzte Nacht war nicht gut. Die Spastik hat sich verstärkt. Schmerzen hat Christian Unger öfter, es werden eher mehr als weniger, der 57-Jährige leidet unter Multipler Sklerose. Seit ein paar Jahren zwingt ihn die Krankheit in den Rollstuhl. Nur der sogenannte Transfer gelingt noch, Bett – Rollstuhl, Rollstuhl –  Bett. Unger hat sich in diesen Beschränkungen eingerichtet. Es muss ja sein. Nicht mehr arbeiten zu können: Er hat es verwunden. Die Scheidung: überstanden. All die Verluste von Fähigkeiten, die düstere Prognose: hingenommen. Und das Beste daraus gemacht.

Noch vor wenigen Wochen kandidierte Unger für die Münchner SPD bei den Kommunalwahlen. Er war in der evangelischen Kirche aktiv. Traf Freunde zum Skat und Genossen in Kneipen, ging Fußballgucken, moderierte eine MS-Selbsthilfegruppe, begleitete seine Tochter ins Kino, rollte mit bei Demos gegen Fremdenfeindlichkeit. Feste feierte er mit der Familie. Die Sommer verbrachte er auf Borkum, weil die Großstadthitze die Symptome verstärkt. All das, sagt er heute, habe den Alltag nicht nur erträglich gemacht, sondern „leicht und lebenswert“.

Jetzt fällt auch das Wenige, das noch geht, weg

Jetzt ist das anders. Seit das Virus die Welt vor sich hertreibt, ist Unger nicht bloß behindert. Er trägt auch den Stempel „Risikogruppe“. Als sei „behindert“ nicht schon Last genug. Sicher: Alle haben es gerade schwer. Aber es geht bekanntlich immer noch ein bisschen schwerer. Alte Menschen, Vorerkrankte: Das sind die, denen das Virus und seine Bekämpfung gerade das Wenige nimmt, worüber sie noch verfügten.

Schon eine Woche, bevor Markus Söder durchgriff und das Land ein anderes wurde, hat sich Unger selbst eine strenge Quarantäne verordnet. Geblieben sind ihm die täglichen Besuche des Pflegedienstes. Darüber hinaus: drei Physiotherapietermine pro Woche. Ab und zu: ein Besuch seines Assistenten und der Hauswirtschafterin. Auf keinen dieser Helferinnen und Helfer kann er verzichten. Auch wahr ist aber: Alle könnten ihn anstecken, denn Masken und Schutzausstattung fehlen. „Eine deprimierende Situation.“

Studien gehen davon aus, dass lang andauernde Quarantäne mit Angst, Depression, Wut und posttraumatischen Belastungsstörungen einhergehen kann. Wahrscheinlicher wird das, wenn andere seelischen Belastungen hinzukommen. Insofern ist die bitter nötige Isolation der Schwächsten zugleich so ziemlich das Schlimmste, was ihnen passieren kann. Krebskranke zum Beispiel. Ganz klar Hochrisikogruppe. „Jeder Kontakt ist für diese Patienten gefährlich“, erklärt Markus Besseler von der Bayerischen Krebsgesellschaft. „Die doppelte Belastung macht das Ganze nicht einfacher. Die Furcht, sich mit Corona anzustecken, führt in die soziale Isolation.“

Entsprechend groß ist die Verunsicherung unter den Anrufern bei der Beratungsstelle. Manche Patienten, erzählt Besseler, beobachten sich ganz genau, deuten Symptome um und fürchten, es hätte sie erwischt. Gerade habe sich eine Frau gemeldet, alleinerziehend, noch jung. Brustkrebs. Eine Chemotherapie steht an. Oder alte Menschen: Wer sich bei der Telefonseelsorge Würzburg meldet, klagt vor allem über Einsamkeit und Isolation, sagt die Leiterin Ruth Belzner. Es melden sich viele, die allein leben. Die Zahl der Anrufe ist in der letzten Woche deutlich gestiegen. Nur eine Gruppe greift praktisch nie zum Telefon: die Hochaltrigen. Belzners Erklärung: „Ab einem bestimmten Alter kommt man nicht mehr so leicht auf die Idee, sich mit seinen Sorgen und Ängsten an eine Institution zu wenden.“ Nur spekulieren könne man darüber, was in den einsamen, alten Menschen vorgehe, die nicht mehr in den Gottesdienst gehen, nicht ins Café, nicht zur Bank im Park. „Die Gefahr ist groß, dass sich in dieser isolierten Situation diffuse Ängste vergrößern.“

Die Ehrenamtlichen der Telefonseelsorge würden auch diese Menschen gern an die Spielräume erinnern, die ihnen bleiben. Daran, dass es wichtig ist, „so einfach und nah wie möglich zu denken“. Sich die Zähne zu putzen. Das Geschirr zu waschen. Sich eine kleine Sache zu überlegen, die Freude machen könnte. Belzner bittet deshalb darum, dass die Kommunen und Helfernetze die alten Leute auf die Telefonseelsorge aufmerksam machen – auf die kostenlosen Telefonnummern 08001110111 und 08001110222.

Was besonders fehlt: die körperliche Nähe

Lungenkranke, Diabetiker, Herzgeschädigte. Die Liste der Risikofaktoren ist lang. Wollte man sie hierarchisch ordnen, stünden pflegebedürftige Heimbewohner ganz oben. Zwar sind unter den Hochbetagten viele, die das Leben Verzicht, Bescheidenheit und Duldsamkeit gelehrt hat. Andere scheinen vom Weltgeschehen nicht mehr allzu viel mitzubekommen. Aber gerade demente Patienten brauchen die beruhigende Nähe von Familienangehörigen. „Es wird schwieriger werden, je länger es dauert“, sagt Jan Steinbach, Leiter des Evangelischen Pflegezentrums Lore Malsch in Hohenbrunn. Das Haus riegelt sich konsequent nach außen ab, Gruppenangebote finden nur noch auf Abstand statt. Man kann in den Gemeinschaftsräumen zusammensitzen, in gebotener Entfernung. Besondere Anstrengungen unternimmt das Pflegezentrum, Angehörige und Bewohner wenigstens virtuell zusammenzubringen. Auf hauseigene Tablets werden Nachrichten und Videos von Kindern und Enkeln geladen und den Bewohnern des Heims gezeigt. Und wer fit genug ist, kann das gerade eingerichtete offene WLAN im Empfangsbereich nutzen, um ein Dankeschön nach draußen zu schicken.

Telefonieren, skypen, chatten: Das überbrückt natürlich Distanz. Reichen tut es nicht. „Der direkte Kontakt“, sagt Christian Unger, „die Möglichkeit, einander mal in den Arm nehmen zu können: Das hat eine ganz andere Qualität. Und ist eine unverzichtbare Voraussetzung, sich selbst zu spüren.“ Wer einigermaßen gesund ist, einen Partner hat und Kinder, merkt vielleicht gar nicht, was trotz lästiger Ausgangsbeschränkungen alles noch möglich ist. Man geht mal um den Block, macht Sport, räumt die Wohnung auf, kocht, sitzt am Computer. Alles Dinge, die Unger nicht mehr kann. Die Kraft fehlt, die Körperkontrolle, die Ausdauer. Was ihm bislang über den Mangel an Reizen hinweghalf, waren Begegnungen, „eine Vielfalt im Erleben. Das Leben ist jetzt sehr viel eintöniger geworden.“ Das bedeutet zwar auch für Unger: mehr Zeit und mehr Ruhe, dem eigenen Rhythmus zu folgen. Aber eben auch „viel drückender Leerlauf. Jetzt ist alles auf Null gestellt. Und ich merke, dass der Blues kommt.“

Allein ist Unger damit nicht. Josef Fischer aus Cham, Berater der Deutschen Depressionshilfe, weiß von alten Menschen, die verzweifeln, weil ihr Alltag zusammengebrochen ist. Ängste und Depressionen kehren zurück. „Man kann sich da reinsteigern bis in eine Panikattacke“, sagt Fischer. Er selbst steht „Gewehr bei Fuß, wenn jemand einen Ratsch braucht und Hilfe“. Gemeldet hat sich bisher allerdings noch niemand. Er vermutet: Auf dem Land sei das Stigma der Depression noch immer groß.

Auch nach Lockerungen: Unger bleibt in Quarantäne

Was die Situation für Risikogruppen zusätzlich erschwert, ist die ungewisse Dauer der Quarantäne. Während sich die Mehrheit der Menschen freuen kann auf die Lockerungen, die irgendwann, ja doch, einsetzen müssen, geht die Isolation der Risikogruppe dann nur in die nächste, härtere Runde. Denn das Virus ist dann ja nicht aus der Welt. „Wir befinden uns in einer Ausnahmesituation“, sagt Unger.

„Gefährdete Menschen müssen geschützt werden. Aber es kommt auch darauf an, die Gesellschaft nicht stärker als nötig zu belasten“, betont Unger aber auch. „In all den kleinen Läden in meiner Straße, in den Kneipen und in der Eisdiele, die jetzt geschlossen sind, steckt so viel Lebensenergie. Wer wird wieder öffnen? Daran hängen Existenzen.“ Strengere Restriktionen nimmt Unger deshalb in Kauf. Wohl wissend, dass die Freiheit der anderen die Gefahr erhöht, sich anzustecken. Beim Pfleger zum Beispiel. Oder bei der Ärztin. Egal, wie gut er seine Quarantäne einhält. Unger hat sich entschieden: „Solange kein Impfstoff da ist und Ansteckungsgefahr besteht, halte ich meine persönliche Quarantäne ein und bleibe zu Hause.“ Schon die Fahrt im Fahrstuhl, der ihn aus dem dritten Stock ins Erdgeschoss bringt, kann Unger zur Gefahr werden.

Und dann ist da noch das, was sich keiner vorstellen mag. Obwohl es in anderen Ländern längst Realität ist. Die Triage. Wenn tatsächlich auch in Deutschland Ärzte entscheiden müssten, welchem Patienten sie helfen und welchem nicht: Was dann?
(Monika Goetsch)

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