Grundgesetz und Demokratie sind Erfolgsmodelle. Der Zusammenhalt in der Gesellschaft aber wird seit Jahren immer fragiler. Ein Grund zur Sorge. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat aus diesem Anlass den 23. Mai zum ersten bundesweiten Ehrentag ausgerufen.
Geehrt werden soll nicht nur die Grundlage unserer Demokratie – die Verfassung. Geehrt werden soll auch das tatkräftige Miteinander. Denn so ist es auf der Webseite zur Kampagne zu lesen: „Die Demokratie lebt nicht nur von Debatten. Sie lebt von Menschen, die mitmachen.“ Zusammen mit der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt (DSEE) und unter dem Motto „Für Dich. Für uns. Für alle“ feiern auch in ganz Bayern engagierte Menschen das Grundgesetz und das Ehrenamt.
Ein „Mitmachtag“ soll es also werden. In Bayern wie auch im Rest von Deutschland finden zahlreiche Aktionen statt, die Einblicke geben, wo und wie man sich für die Gesellschaft einsetzen kann. Die Plattform www.ehrentag.de/aktion-finden bietet einen Überblick über die Aktivitäten, die bis zum 31. Mai laufen.
Mehr als die Hälfte der Bevölkerung aktiv
Rund 36,7 Prozent der Gesamtbevölkerung sind aktiv. Das familiäre Miteinander und die Gewissheit, etwas Sinnvolles für andere zu tun, sind für die rund 27 Millionen Ehrenamtlichen in ganz Deutschland Grund genug für den freiwilligen Dienst. Rund 40 Prozent davon sind im Freistaat im Einsatz. Und noch immer sind 54 Prozent der Freiwilligen in klassischen Vereinen und Verbänden aktiv. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Schirmherr und Initiator des Ehrentags formuliert es in seiner Videoansprache zur Kampagne so: „Ganz Deutschland krempelt die Ärmel hoch.“
Auf diese Aufforderung hat Sonja Berghahn nicht gewartet. Seit Jahren steht sie noch immer einen vollen Tag in der Tafel Regensburg, trotz ihrer fast 80 Jahre. Sortiert Gemüse und Obst. Räumt hier und da auf. Vor allem aber ist sie die gute Seele im Team. „Das macht mir einfach einen Riesenspaß“, sagt sie. „Ich liebe das Team, die Leute und das Gemüse.“ Der Lacher ist ihr sicher und ihre Augen strahlen beim Anblick der leicht runzligen, aber durchaus genießbaren Mango. „Stell dir vor, ich muss einen 32-Stunden-Job machen, ganz ohne dich“, ruft ihr eine junge Kollegin zu. „Schrecklich!“
Berghahn gehört zu jenen 21,1 Prozent der Bevölkerung, die auch jenseits der Altersgrenze von 75 Jahren noch freiwillig für andere Menschen einstehen. Insgesamt ist das Engagement auch bei den jüngeren Senioren zwischen 65 und 74 mit 36,9 Prozent noch hoch.
Auch Jörg Steinbach wollte nach einem intensiven Berufsleben als Fallschirmjäger-Offizier nicht einfach auf dem Sofa landen. Um körperlich und geistig fit zu bleiben, hat er bei der Freiwilligen-Agentur in der Hausaufgabenbetreuung von Schülerinnen und Schülern angefangen. „Das bisschen Lesen, Schreiben und Rechnen habe ich gerade noch hinbekommen“, sagt er flapsig. Inzwischen engagiert er sich als Alltagslotse in der Regensburger Nachbarschaftshilfe für Senioren, spielt im Seniorenorchester Saxofon und verabschiedet sich gerne mit den Worten: „Melden Sie sich, wenn Sie was brauchen.“
Die sozialen Organisationen stehen auf Platz zwei der ehrenamtlichen Tätigkeiten, gleich hinter dem Engagement für Sport und Bewegung und vor Kultur und Freizeit. Hier findet Olaf Schillig (61) seine Erfüllung. Er gehört zu den 21 Prozent der freiwilligen Helfer, die mehrere Ämter ausüben. Neben seinem Engagement beim Deutschen Alpenverein (DAV) als Büchereiwart und Wanderführer in der Sektion Regensburg verteilt er noch eine Kirchenzeitung und ist regelmäßig Wahlhelfer. Beide Eltern waren im Tischtennisverein engagiert. Das hat ihn geprägt. Spaß und Geselligkeit gehören für ihn genauso zum Leben wie Pflichtgefühl und Zuverlässigkeit.
Am häufigsten engagieren sich Menschen zwischen 30 und 49 Jahren (40,4 Prozent) und junge Menschen zwischen 14 und 29 Jahren (40 Prozent). Mit einem leichten Abschlag folgen mit 37,6 Prozent die 50- bis 64-Jährigen. Wobei der Anteil von Männern und Frauen überall fast gleich ist.
Der sechste Freiwilligen-Survey des Bundeskanzleramts zeigt in allen Altersgruppen eine Abnahme der Ehrenamtlichen. Der stärkste Rückgang gegenüber 2019 betrifft die Gruppe der 30- bis 49-Jährigen – von 44,7 Prozent 2019 auf 40,4 Prozent in 2024. Dieser Rückgang ist vor allem mangelnder Zeit und der veränderten Arbeitswelt geschuldet.
Die Kündigungsfrist beträgt drei Sekunden
Die Anforderungen an das Ehrenamt steigen aber auch mit einer zunehmend komplexer werdenden Gesellschaft. Das macht sich auch in einem drastischen Rückgang in Führungsämtern bemerkbar. Ende der 1990er-Jahre übten noch 37 Prozent freiwillig ein Spitzenamt aus. 2024 waren nur noch 26 Prozent bereit, den Vorstand zu übernehmen. Manch ehemalige Führungskraft eines international agierenden Unternehmens sieht sich als ehrenamtlicher Vorstand vor deutlich größeren Herausforderungen als im Berufsleben. „Ich weiß nicht, ob ich mir das noch einmal antue“, sagt ein älterer Herr und möchte namentlich nicht erwähnt werden. „Sie haben hier ja keine Mitarbeiter, bei denen Sie einfach eine Ansage machen können.“
Ein ehemaliger Vorstand des DAV hat es einmal treffend auf den Punkt gebracht. „Ein Ehrenamtler hat eine Kündigungsfrist von genau drei Sekunden. Wenn Sie die Leute bei der Stange halten wollen, müssen Sie pfleglich mit ihnen umgehen.“ Das Miteinander im Ehrenamt ist daher nicht nur für viele ein Grund, sich zu beteiligen, sondern auch das Trainingsfeld für den Zusammenhalt in der Gesellschaft.
Das gilt besonders in Bereichen, in denen die Grenzen zwischen Professionalität und Ehrenamt so sehr verschwimmen, dass die freiwillige Arbeit unverzichtbar für das Funktionieren der Gesellschaft geworden ist, wie beim Katastrophenschutz, den Unfall- und Rettungsdiensten oder den Freiwilligen Feuerwehren.
Johanna Kitzmüller und Emma Schmitz stehen noch am Anfang. Mit 14 und 15 Jahren gehören sie zu den jüngsten Aktiven in der Bereitschaft des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) Regenstauf. Für beide steht fest: Helfen, Vorbild sein und Verantwortung übernehmen, das gehört zum Leben dazu. „Das BRK ist wie meine Familie“, sagt Johanna, die über ihren Bruder, den Kreisbereitschaftsjugendwart Florian Herrmann, zum Roten Kreuz kam. Emma ist schon seit ihrem fünften Lebensjahr irgendwie dabei und hat es nie bereut. Mehr Engagement geht nicht.
Das Potenzial für freiwilliges Engagement ist nach wie vor hoch. 80 Prozent wollen ihr Ehrenamt fortführen. Auch das mag Bundeskanzler Friedrich Merz zu der Forderung verleitet haben, Bürgergeldempfänger sollten verpflichtet werden, gemeinnützige Arbeit zu leisten.
Jörg Steinbach hält diesen Ansatz für verfehlt. Ehrenamt soll Spaß machen. „Die Freiwilligkeit ist ja der Kern des freiwilligen Engagements. Und man muss auch was können“, sagt er. „Ganz sicher aber kommt es auf die Haltung an.“ Mit dieser Art von „Zwangsarbeit“ tue man dem Ehrenamt keinen Gefallen. (Flora Jädicke)
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