Leben in Bayern

Eine Explosion ist im Film nur wenige Sekunden zu sehen, die Vorbereitung aber dauert manchmal Tage. (Fotos: Fire, Ice and Magic)

22.05.2020

Flammende Leidenschaft

Der Münchner Andreas Tügel spielt gerne mit dem Feuer – als Pyrotechniker lässt er es knallen, krachen und rauchen

Andreas Tügel experimentierte schon als Kind gerne mit gefährlichen Stoffen – und hat daraus einen Beruf gemacht: Der 42-Jährige kümmert sich als Pyrotechniker um die Spezialeffekte für spektakuläre Film- und Fernsehaufnahmen. Er lässt Autos in die Luft fliegen – und auch Blut spritzen. Bei aufwendigen Zaubershows ist er ebenfalls ein gefragter Mann. 

Andreas Tügel kümmert sich um die Spezialeffekte für spektakuläre Film- und Fernsehaufnahmen. Und er begleitet Bands wie die Sportfreunde Stiller auf der Bühne und setzt dabei zum Beispiel seine Konfettikanonen und Flammenanlagen ein.

Filmdrehs und Konzerte finden coronabedingt aktuell nicht statt. Dafür hat Tügel Zeit, seinen Job zu erklären. „Was später im Film meist nur wenige Sekunden zu sehen ist, bedeutet für die Pyrotechniker häufig stunden- oder gar tagelanges Aufbauen“, erzählt er. Sicherheitskonzepte und Genehmigungsanträge müssten erstellt werden. Dann folge die technische Vorbereitung.

Feuer war schon immer die große Leidenschaft Tügels. Er erinnert sich: „Wenn bei den Pfadfindern ein Lagerfeuer gemacht oder der Kamin angezündet wurde, war ich stets zur Stelle. Silvester wurde bei uns zu Hause in München ordentlich geknallt und es gab tolle Feuerwerke am Himmel zu sehen. Das hat mich ganz schön fasziniert.“ In der Schule ging es weiter: „Im Physikunterricht haben wir mal Raketen gebastelt. Das fand ich klasse und ich war mit Feuereifer dabei.“

Mit 14 Jahren durfte Tügel ein Schülerpraktikum beim Bayerischen Fernsehen machen und schnupperte kurz in verschiedene Berufe hinein. Besonders faszinierten ihn dabei die Pyrotechniker. „Ich konnte am Set mitarbeiten und zum Beispiel für eine Fernsehshow mit einer speziellen Kanone eine Menge Konfetti verschießen. Das war interessant für mich und hat Spaß gemacht.“

Die Schulferien verbrachte er in Fernsehstudios

Ab da verbrachte Tügel seine Schulferien bei den Pyrotechnikern in den Münchner Fernsehstudios und unterstützte dabei eifrig das Team. Dazu gehörten aber auch so „langweilige“ Aufgaben wie regelmäßiges Aufräumen der Werkstatt oder die Bereitstellung von Feuerlöschern. Von den Fernsehleuten wurde Tügel einige Zeit später zu den Störtebeker Festspielen auf die Ostseeinsel Rügen vermittelt. Auf der Freilichtbühne wird die historische Geschichte des Seeräubers Störtebeker erzählt. Von da an verbrachte er dort immer wieder die Sommerferien. Am Ende der Aufführung gab es stets ein großes Höhenfeuerwerk.

Und so fand Tügel seinen Traumjob. „Direkt einen Tag nach meiner Abiprüfung setzte ich mich in mein erstes eigenes Auto und fuhr wieder nach Rügen zurück, um dort dann auch regelmäßig im Sommer zu arbeiten.“ Seine Eltern seien von diesem spontanen Schritt überhaupt nicht begeistert gewesen, erzählt er. Sie hätten es aber als vorübergehendes Abenteuer akzeptiert. „Mittlerweile sind sie aber sehr zufrieden mit der Wahl meines Jobs.“

Tügel verbrachte auf der Ostseeinsel einige Jahre: „Ich durfte unter anderem auch Schiffskanonen laden und beim Feuerwerksaufbau mithelfen.“ Für ihn stand dann endgültig fest: „Ich habe als Pyrotechniker meinen Traumberuf gefunden.“ Gerne denkt er immer an seine Anfänge auf dem Bavaria-Filmgelände in München zurück. Deshalb verrät Tügel dort auch den interessierten Besucher*innen seine kleinen und großen Tricks. Während der Führung wird den Gästen ein Video gezeigt, in dem er erklärt, wie bei Dreharbeiten Einschüsse an Hauswänden und an Kleidung entstehen.

Vor einigen Jahren gründete Tügel seine eigene Firma mit großen Lagerhallen, in denen Flammen- und Zündanlagen sowie sonstige Spezialeffektmaschinen untergebracht sind. In einem extra Bunker, der gut gesichert ist, lagern hochexplosive Stoffe. Oft ist er nicht da. Denn er ist mit seinem Team wochen- oder monatelang auf Tournee. Für die Zaubershow der Ehrlich Brothers zum Beispiel, in der Nebelmaschinen und Konfettikanonen eingesetzt werden. „Das schleppen wir dann alles mit.“ Oft arbeitet er aber auch draußen bei Wind und Wetter. „Da muss man sich gut anziehen, wenn zum Beispiel im Schnee oder bei großer Hitze ein Höhenfeuerwerk entstehen soll.“

Als Pyrotechniker muss man körperlich stark und fit sein. Denn die Abschussrohre, die etwa regelmäßig für ein Feuerwerk benötigt werden, sind schwer. Und ein Pyrotechniker muss sich sehr gut konzentrieren können. Schließlich arbeitet er mit Feuer und gefährlichen Stoffen. Immer wieder erreichen Tügel Anfragen von Jugendlichen, die gerne Pyrotechniker werden möchten, „weil einfach vieles so schön knallt, leuchtet und raucht“. Tügel bietet Praktika für Jugendliche ab 16 Jahren an.

Grundvoraussetzung für den Job: ein kühler Kopf

Zu den spannendsten Dingen, die Tügel bislang gemacht hat, gehört der Job für die ZDF-Sendung Nicht nachmachen. „Wie der Name schon sagt, spielten wir hier alles nach, was man einfach nicht machen sollte“, erklärt er. „Wir haben zum Beispiel ein Silvester- Feuerwerk in einem Wohnzimmer abgebrannt. Da kann im schlimmsten Fall das ganze Haus in Flammen stehen.“ Ein anderes Mal wurde ausprobiert, was passiert, wenn man mit einer Gasflasche in einer Scheune einen Traktorreifen aufpumpt. Die Scheune fiel, als der Reifen platzte, in Schutt und Asche. Die Feuerwehr stand für den Notfall bereit.

Auch für die RTL-Serie Alarm für Cobra 11 arbeitet Tügel, dort explodieren schon mal brennende Autos und Schauspieler*innen werden erschossen. Dahinter stehe harte Arbeit und ein kühler Kopf, denn alles muss genau überlegt werden, betont Tügel. Und er verrät einen Trick: „Geschossen wird natürlich mit Platzpatronen. Der Schauspieler trägt unter seiner Kleidung einen Blutbeutel.“ Der hat eine kleine Sprengladung – per Fernsteuerung kann Tügel ihn platzen lassen. (Sabine Neumann)

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