Wenn Janosch an Oberlindhart denkt, dann muss er wohl geschmunzelt haben. „Oh, wie schön ist Oberlindhart“ – dieser Satz lag nahe, als Brigitte Zettl ihm vor mehr als 15 Jahren Fotos ihres Gartens mit knorrigen Apfelbäumen schickte und ihn in ihre Galerie in dem kleinen Dorf im Landkreis Straubing-Bogen einlud. Der weltberühmte Zeichner und Autor verliebte sich in den malerischen Garten und den Ort – und kam tatsächlich.
Zweimal war er da. Am 11. März wird Janosch, mit bürgerlichem Namen Horst Eckert, 95 Jahre alt. Geboren 1931 im oberschlesischen Hindenburg – heute Zabrze in Polen –, wuchs er in einfachen Verhältnissen auf. Der Krieg und die Nachkriegszeit prägten seine Kindheit nachhaltig. 1946 kam die Familie nach Westdeutschland.
Diese frühen Erfahrungen von Entwurzelung, Armut und Neuanfang spiegeln sich später immer wieder in seinem Werk – in der Sehnsucht nach einem Ort, an dem man bleiben darf, und in der stillen Beharrlichkeit seiner Figuren. Reisen kann der gebürtige Oberschlesier heute nicht mehr. Seit vielen Jahren lebt er zurückgezogen auf Teneriffa. Doch seine Bilder reisen weiterhin um die Welt – und nun noch einmal nach Niederbayern.
Geburtstagsausstellung mit über 70 Werken
Brigitte Zettl richtet ihm zu Ehren eine große Geburtstagsausstellung aus. Mehr als 70 Werke sind vom 8. März bis 17. Juli in ihrer Galerie zu sehen. Grafiken, heitere Figuren, poetische Szenen – Arbeiten voller Leichtigkeit und feinem Humor. Der Vater der Tigerente, des kleinen Bären und des kleinen Tigers, die in dem Kinderbuchklassiker Oh, wie schön ist Panama ihr Glück suchen, ist für viele Generationen weit mehr als ein Kinderbuchautor. Das 1978 erschienene Buch wurde zu seinem größten Erfolg und in zahlreiche Sprachen übersetzt.
Es begründete den Mythos von Panama als Sehnsuchtsort – und zugleich als Erkenntnis: Das Glück liegt oft näher, als man denkt. Seine Figuren erzählen von Freundschaft, Fernweh und der Sehnsucht nach einem einfachen, guten Leben. Themen, die bis heute berühren.
Dabei begann Janoschs künstlerischer Weg nicht mit Bär und Tiger. Nach einer abgebrochenen Lehre in einer Textilfabrik studierte er kurzzeitig an der Akademie der Bildenden Künste in München, verließ sie jedoch wieder. Autodidaktisch arbeitete er zunächst als freier Künstler und Illustrator.
1960 erschien sein erstes Kinderbuch Die Geschichte von Valek dem Pferd. In den folgenden Jahrzehnten veröffentlichte er weit über hundert Bücher – für Kinder wie für Erwachsene. Neben den poetischen Tiergeschichten stehen auch gesellschaftskritische, teils düstere Arbeiten, die von seiner Auseinandersetzung mit Autorität, Religion und Macht zeugen.
Charakteristisch ist sein unverwechselbarer Strich: scheinbar kindlich, doch präzise gesetzt, begleitet von einer Handschrift, die Bild und Text untrennbar verbindet. Seine Figuren wirken auf der einen Seite fragil, lassen sich aber dennoch nicht von ihrem Weg und ihren Überzeugungen abbringen. Sie scheitern, zweifeln, träumen – und gehen weiter. Für sein Werk erhielt Janosch zahlreiche Auszeichnungen, darunter 1979 den Deutschen Jugendliteraturpreis für Oh, wie schön ist Panama.
Dass Janosch persönlich zu einer Ausstellung gereist ist, sei eine absolute Ausnahme gewesen, sagt Zettl. Zu verdanken ist das den Apfelbäumen, die nicht nur in Oberlindhart wachsen, sondern auch in den Geschichten von Janosch immer wieder gepflanzt werden, blühen und Früchte tragen. Sie brachten den Autor dazu, nach Niederbayern zu reisen und dort auszustellen – unter seinen Lieblingsbäumen. Im Jahr darauf kam er wieder und stellte erotische Bilder in einem extra gebauten Zirkuswagen nach dem Vorbild einer seiner Zeichnungen aus, zu dem nur Erwachsene Zutritt hatten.
Zwischen der Galeristin und dem Künstler ist über die Jahre eine enge Freundschaft entstanden. Sie besuchte ihn mehrfach auf Teneriffa, er signierte bei seinen Besuchen in Oberlindhart stundenlang Kunstwerke für seine Fans. „Mit unglaublicher Geduld“, erinnert sich die 68-Jährige. Rund 300 Bilder habe er an einem Wochenende unterschrieben. „Es war ein Riesenansturm.“
Zugewandt und warmherzig sei er gewesen – genauso, wie man ihn sich nach der Lektüre seiner Bücher vorstellt. Und bei ihm daheim auf Teneriffa war es immer „ganz, ganz heimelig“.
Die Galerie selbst wirkt wie ein Gegenentwurf zum hektischen Kunstbetrieb der Großstädte. Mitten auf dem Land hat sich Zettl hier ihren Traum erfüllt. Seit mehr als 30 Jahren führt sie die Galerie, nachdem sie ihre sichere Stelle im öffentlichen Dienst aufgab. „Ich lebe ganz einfach meinen Traum.“
Neben Janoschs Werken zeigt sie Arbeiten international bekannter Künstler wie Udo Lindenberg, Bob Dylan, Otto Waalkes, James Francis Gill sowie des 2011 verstorbenen Pop-Art-Künstlers James Rizzi, der ebenfalls mehrfach in Oberlindhart zu Gast war.
Auch Bilder von Rizzi und Waalkes zu sehen
Auch wenn ihr das Erzählen von Begegnungen mit Stars der Kulturszene ein Funkeln in die Augen zaubert, bleibt sie stets bescheiden. Für die Geburtstagsausstellung kehren nun noch einmal zahlreiche Janosch-Arbeiten in das Dorf zurück. Originalgrafiken sind ab 430 Euro erhältlich.
Vor allem aber ist die Schau eine Hommage an einen Künstler, dessen Bilder seit Jahrzehnten Trost und Zuversicht schenken. Während Janosch seinen 95. Geburtstag fern von Niederbayern begeht, hängen seine Figuren zwischen Apfelbäumen und Dorfstraße.
Und vielleicht liegt gerade darin das Geheimnis seines Erfolgs: dass er nie laut wurde, nie pathetisch. Seine Geschichten erzählen vom kleinen Glück, vom Ankommen im eigenen Leben – vom Mut, sich auf den Weg zu machen, auch wenn man nicht weiß, wohin er führt.
Zwischen Tigerente und Apfelbaum, zwischen Oberlindhart und Teneriffa spannt sich so ein weiter Bogen. Und vielleicht ist Oberlindhart gerade tatsächlich ein kleines bisschen Panama. (Melanie Bäumel-Schachtner)
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