Leben in Bayern

Die Kapelle des ehemaligen Internats und Schülerseminars Aloysianum soll über das Auktionshaus Sotheby's verkauft werden. (Foto: dpa/Karl-Josef Hildenbrand)

16.03.2021

"Jesus ist ausgezogen"

Kicken und grätschen in der Kirche - klingt kurios, aber ist in Deutschland möglich. In Bayern ist es soweit noch nicht gekommen. Doch was wird aus ehemaligen Gotteshäusern im Freistaat?

Luxusimmobilien in New York, London, Paris oder Marbella gehören für die Makler des traditionsreichen Auktionshauses Sotheby's zum Tagesgeschäft. Nun steht der Verkauf einer Immobilie an, die selbst für Christian Jäger, seit 28 Jahren und in dritter Generation im Immobiliengeschäft, "außergewöhnlich" ist: Eine Kapelle im knapp 16000-Einwohner-Städtchen Lohr am Main im unterfränkischen Landkreis Main-Spessart. "Mit einem Kaufinteressenten sind die Konditionen schon vereinbart", sagt Jäger. Kaufpreis: 295 000 Euro - inklusive Altar, Orgel und Kirchenbänke.

Die denkmalgeschützte Kapelle aus dem Jahr 1910 befindet sich im Aloysianum, einem ehemaligen Internat und Schülerseminar. Seit 2013 wurden die Zimmer in Wohnungen umgebaut, die Kapelle blieb. Aus Gründen des Denkmalschutzes müssen auch Altar, Steinmeyer-Orgel und Kirchenbänke erhalten bleiben. Eine Heizung gibt es nicht - nur einen Notheizkörper in der Sakristei.

In was sich ehemalige Gotteshäuser wandeln können, zeigen Beispiele aus Nordrhein-Westfalen: Eine Bar statt eines Altars steht in der früheren evangelischen Martini-Kirche in Bielefeld. Das Restaurant nennt sich "Glück und Seligkeit". Der Fußballgott scheint in der ehemaligen Kapelle des St. Josefshauses in Wettringen im Münsterland ganz nah: dort liegt nun Kunstrasen auf einem Indoor-Fußballplatz.

In Bamberg will man Umwidmungen vermeiden

Kicken in der Kirche - soweit ist es im Freistaat noch nicht gekommen. Im Erzbistum Bamberg gelte zum Beispiel, dass Kirchen "durchbetete Räume" bleiben sollen. "Das heißt, eine Umwidmung für andere Zwecke soll vermieden werden", erklärt ein Sprecher. Werden einst geweihte Sakralbauten für eine andere Nutzung aufgegeben, wird das als "Profanierung" oder "Entwidmung" bezeichnet.

Der Evangelischen Kirche in Deutschland zufolge sind von 1990 bis 2018 fünf Kirchen oder Gottesdienststätten in Bayern verkauft oder abgerissen worden. Auch bei den Katholiken im Freistaat würden Profanierungen nur vereinzelt vorkommen, wie die bayerischen Bistümer auf Nachfrage angaben.

"Ganz wenige Kirchen wurden dann profaniert, wenn entweder ein neues Gotteshaus an anderer Stelle in der Pfarrei gebaut wurde", sagt beispielsweise ein Sprecher des Bistums Würzburg, "oder ein Neubau der Nachkriegszeit wieder abgerissen wurde, da die Renovierungskosten zu hoch waren und gleichzeitig in der weiterhin bestehenden alten Kirche im Ort der Platz wieder reichte." Schrumpfende Gemeinden, zum Beispiel durch den demographischen Wandel oder Kirchenaustritte, führen zu sinkenden Einnahmen von Kirchensteuern, was Kirchenschließungen begünstigen kann.

Kita samt Begegnungszentrum

Für einen Kindergarten samt Begegnungszentrum soll in Füssen demnächst ein Zweckbau der Pfarrei "Zu den Acht Seligkeiten" weichen. Die Kirchenorgel sei schon nach Polen verkauft worden. In Coburg plane ein Investor eine evangelische Kirche in ein Wohnhaus umzuwandeln. Schon in ein Wohnhaus umfunktioniert hat der neue Besitzer eine neuapostolische Kirche, die ebenfalls im unterfränkischen Lohr am Main steht. "Das muss toll aussehen: Die Decke im Kirchenschiff wurde abgesenkt, im ehemaligen Gebetsraum sollen Oldtimer stehen", erzählt ein Gemeindemitglied. Die Gemeinde hat sich mit einer Nachbargemeinde zusammengeschlossen. Die Entscheidung, die Kirche abzugeben, sei langwierig und nicht leicht gewesen.

"Bestimmt kann es für eine Pfarrei sehr belastend sein, eine ans Herz gewachsene Kirche aufzugeben. Man kann nur im Einzelfall schauen, wie man in so einem Fall den Betroffenen zur Seite stehen kann", sagt ein Sprecher des Bistums Regensburg. Eine "Erleichterung des Abschiedsschmerzes" könnte die liturgische Gestaltung eines Profanierungs-Gottesdienstes durch eine Gemeinde darstellen, sagt ein Sprecher des Bistums Augsburg. Verbindliche Richtlinien für einen solchen Akt gebe es nicht.

Im schwäbischen Graben sei beispielsweise "das Allerheiligste" von der Gemeinde Lagerlechfeld in einer feierlichen Prozession in die nahegelegene Mutterkirche gebracht worden. Die Kirche wurde Ende letzten Jahres in einem Gottesdienst mit dem Bischof profaniert. "Es ist keine Kirche mehr, der Tabernakel vorne ist leer. Das heißt, es ist kein Haus Gottes mehr", sagte Pfarrer Thomas Demel im Januar dem Bayerischen Rundfunk. "Jesus ist ausgezogen."

Anders als viele Gotteshäuser sei die Kapelle im ehemaligen Schülerseminar Aloysianum in Lohr am Main nie geweiht gewesen. Christian Jäger von Franken Sotheby's International Realty könnte sich ein Atelier oder eine Galerie darin vorstellen. Doch der potenzielle Käufer habe andere Pläne: ein Raum für Beratungen, Besprechungen, Vorträge, gemeinnützige Veranstaltungen und Orgel-Konzerte. Genaue Angaben zum Käufer dürfen noch nicht verraten werden, sagt Jäger. Nur so viel: "Der Kaufinteressent will an diesem Ort etwas bundesweit einmaliges schaffen."

Im selben Landkreis, in Gemünden am Main, wurde übrigens vor einigen Jahren eine entweihte Kirche zuerst zum Bauhoflager, dann zu einem Künstleratelier und schließlich zu einem Eventort. Nun soll sie Medienberichten zufolge wieder zum Gotteshaus werden.
(Carolin Gißibl, dpa)

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