Leben in Bayern

Wie in Italien singen und musizieren die Menschen jetzt auch in Bayern von Fenstern und Balkonen. (Foto: dpa/Patrick Pleul)

27.03.2020

Kleine Lichtblicke inmitten der Krise

Menschen singen auf Balkonen, spenden Blut oder gehen für Senioren und Risikopatienten einkaufen – die Hilfsbereitschaft in Bayern ist enorm

Begonnen hat es Sonntag letzte Woche, mit Freude, schöner Gotterfunken. Überall in Deutschland sang man das. Auch Kilian Unger, 28, stand auf dem Balkon mit seiner Gitarre, ein Nachbar, der Saxophon spielt, hatte ihm von der Aktion erzählt. 

Zusammen singen, um einander aufzurichten und das Gute nicht aus dem Blick zu verlieren: Das haben die Italiener in den vergangenen Wochen vorgemacht. Natürlich hatte auch Unger die Bilder gesehen und gleich an den eigenen Innenhof im Münchner Glockenbachviertel gedacht, durch den seit ein paar Tagen kreuz und quer lange Absperrbänder gezogen sind, um Kinder von Spielplatz und Rasen abzuhalten. In einer lauen Sommernacht, sagt er, wenn zwei draußen sitzen und Beziehungsprobleme wälzen, hört das gleich die ganze Nachbarschaft. „Eine Megaakustik, fast wie ein Amphitheater.“ Glänzende Bedingungen für einen musikalischen Auftritt. All you need is love, spielte Unger darum gleich den Götterfunken hinterher, zusammen mit dem Saxophon auf dem anderen Balkon. Alles, was du brauchst, ist Liebe. Und: Lean on me. Stütz dich auf mich. We all have sorrow, sang er, wir alle haben Sorgen, und dass es immer ein Morgen gibt. Und in den Fenstern und auf den anderen Balkonen standen die Nachbarn, Ältere, ganz Junge, und sangen mit.

Unger, der normalerweise gerade unter dem Namen Liann auftreten oder einen Chor leiten würde, jetzt aber zu Hause festsitzt und lediglich seine Musikschüler per Livechat unterrichtet, möchte das fortsetzen. Ein weiteres kleines Hofkonzert hat er bereits gegeben. Jetzt überlegt er, den Nachbarn Zettel in den Briefkasten werfen, um alle vorab zu erreichen. Draufstehen soll auch, was gesungen wird. Damit möglichst viele einstimmen. Musik ist für ihn „gerade noch mal mehr denn je, was es sowieso ist: Auffangbecken für all die Irrungen und Wirrungen im Leben und ein Quell unendlicher Freude“. Für seine Hofkonzerte sucht er Sachen raus, die man kennt, „gemeinsam zu singen ist für alle megaschön, man intensiviert das Gemeinschaftsgefühl“.

Die Krise mag die Menschen auf einen zentimetergenauen Abstand stellen – Verbundenheit findet ihren Ausdruck in Momenten wie diesen. Ja, panisches, selbstsüchtiges Verhalten kommt vor. Sehr viel häufiger aber, so Psychologen, steigen Hilfs- und sogar Opferbereitschaft. In einem Boot zu sitzen, ein Schicksal zu teilen – das scheint ein Gefühl der Zusammengehörigkeit zu stärken. Miteinander sein, wenngleich nur virtuell oder von Balkon zu Balkon, einander Trost spenden, Schwächeren helfen, macht die Krise erträglich, zeigt es doch, worauf in aller Unsicherheit letztlich Verlass ist. 

Eine Vielzahl ganz konkreter Hilfsangebote sprießen überall aus dem Boden. Darunter solche des Bayerischen Roten Kreuzes, der Freiwilligenagenturen, der Kirchen, der Nachbarschaftshilfen und Ehrenamtsforen sowie der Feuerwehr. Auch Sportvereine, etwa der Würzburger Rugby Klub oder die Nürnberger Ultras, machen das Angebot, für Mitglieder der Risikogruppen einzukaufen. 

Ultra-Fußballfans bringen Senioren die Einkäufe nach Hause

Wie groß die allgemeine Hilfsbereitschaft ist, das spüren auch die Münchner Freiwilligen e.V., deren Plattform „Spontanhilfe Hotline Corona“ dafür da ist, Menschen, die einer Risikogruppe angehören, bei kleineren Besorgungen zu unterstützen. Sehr viele Freiwillige haben dort ihre Hilfe angeboten, nämlich 2300. Aber die Nachfrage ist derzeit gering. Jüngere Menschen, ältere: Alle haben begriffen, dass das Internet in einer Phase sozialer Distanz geradezu magische Kraft hat. Es verbindet die Getrennten und Isolierten und schenkt ihnen ein Gefühl von Nähe. Aber ausgerechnet die ganz Alten und besonders Gefährdeten sind per Netz nicht gut zu erreichen. „Das hat verschiedene Gründe“, erklärt die Vereinsvorsitzende Petra Mühling. „Ältere Menschen haben oft keinen Zugang zum Internet. Außerdem gehen viele lieber selbst einkaufen, um am sozialen Leben teilzuhaben und ein Stück weit selbstbestimmt zu leben. Manchen fällt es auch einfach schwer, etwas anzunehmen.“ Und natürlich gibt es Menschen, die einfach keine Lust haben, dass ihnen einer reinredet. 

Möglich, dass die Situation noch nicht brisant genug ist. Wenn irgendwann jeder jemanden kennt, der jemanden kennt, der infiziert ist, rückt das Virus näher ins Leben. Aber es gibt auch schon so manches gelungenes „Match“. Nadine Paschen zum Beispiel: Sie leitet die Unternehmenskommunikation einer mittelgroßen Firma und macht gerade Homeoffice. Zwar ist sie gewohnt, den ganzen Tag vorm Computer zu verbringen. Aber: „Je länger man zu Hause sitzt, umso wichtiger ist es, neben der Arbeit auch noch etwas für andere zu tun.“ Zeit hat sie nicht viel. Aber ein Einkauf, „das hörte sich für mich so an, als ließe sich das gut zwischendurch erledigen“.

Letzte Woche hat sie erstmals für eine ältere Dame Besorgungen gemacht, die zehn Minuten entfernt von ihr wohnt. Ein paar alltägliche Dinge, Gemüse, Nudeln, Milch, nicht viel. Alles per Telefon vereinbart. Sie hat die Einkäufe vor die Tür gestellt, geklingelt, ein paar Meter Abstand gehalten, das Geld in einem Umschlag entgegengenommen und ein bisschen mit der Dame gesprochen. „Wir sind so verblieben, dass wir Mitte der Woche eine zweite Transaktion vereinbaren“, sagt sie. Und: „Das war ein sehr netter Kontakt.“ 

Ausgangsbeschränkungen hin oder her: Innerhalb des streng von der Politik gesetzten Rahmens ist vieles möglich. Die Krise, so der Münchner Soziologe Armin Nassehi in einem Interview mit dem Deutschlandfunk, produziere in beide Richtungen Ausschläge. „Auf der einen Seite starke Solidarität und auch Hilfsbereitschaft, auf der anderen Seite ein Egoismus, der womöglich gar nicht egoistisch ist, sondern einfach nur gedankenlos.“ Er warnt vor den Folgen der Ausgangsbeschränkungen. „Man muss sich vorstellen, dass Menschen jetzt tatsächlich gezwungen sind, ihren gesamten Alltag mit den gleichen Personen zu verbringen. Das ist ziemlich belastend.“ Nicht auszuschließen also, dass es zu Hause zu Ehekrisen, Scheidungen und familiärer Gewalt kommt. Im öffentlichen Raum aber dominieren, nach Hamsterkäufen und Corona-Parties, gerade Gesten der Nächstenliebe. Nadine Paschen jedenfalls möchte die Einkäufe für die ältere Dame fortsetzen. „Das ist so was Kleines, das man machen kann“, sagt sie, „es kostet nichts, nur ein bisschen Zeit.“ Auch über Blutspenden denkt sie gerade nach. Denn Blut wird gerade ebenfalls dringend gebraucht. (Monika Goetsch)

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