Manchmal hat Rolf Plönnigs das Gefühl, dass alles nur Kulisse ist: Interessieren sich die, die hochkarätige Klassikkonzerte besuchen, tatsächlich für die Kunst? Des Öfteren kam ihm der Verdacht, dass man in erster Linie gesehen werden möchte. Auffällig sei, so der Unterfranke, dass es in Konzertsälen immer monokultureller zugeht: „Man ist unter sich.“ Der ehemalige Konzertmanager möchte das ändern. Er möchte die Konzertsaaltüren für arme Menschen öffnen – und dabei über das Angebot von Kulturtafeln hinausgehen.
Plönnigs liebt es, ins Konzert oder in die Oper zu gehen. Allerdings weiß er nicht immer, ob er es zeitlich zu einer Veranstaltung schafft. Unlängst kam er deshalb auf die Idee, sich an eine Organisation zu wenden, die armen Menschen zum Besuch von Kulturevents verhilft. Er bat, seine an der Abendkasse hinterlegte Konzertkarte, sollte er verhindert sein, weiterzugeben. Doch so einfach war das nicht.
Richtig teure Tickets gibt es nicht
Kulturtafeln arbeiten nach bestimmten Prinzipien. Die Vermittlung spontan gespendeter Einzelkarten, seien sie auch noch so hochwertig, sprengt oft den Rahmen. In seinem konkreten Fall, erzählt Rolf Plönnigs, wurde die Konzertkarte jedenfalls nicht weitervermittelt, als er tatsächlich nicht konnte. Sie verfiel.
Seit diesem Erlebnis macht sich der 61-Jährige Gedanken über die kulturelle Teilhabe. Wie kommt es, fragt er sich, dass sich in Konzertsälen fast nur noch wohlsituierte Bürgerinnen und Bürger tummeln? Er würde gerne in Kontakt kommen mit Menschen, für die es, wie für ihn selbst, ein Genuss ist, hochkarätige Konzerte zu besuchen, die sich das aber nicht leisten können. Für diese Menschen eine Art Patennetz aufzubauen, wäre sein Traum. Doch wie an sie herankommen?
Auffällig ist für ihn, dass Gäste von Kulturtafeln fast nirgends öffentlich in Erscheinung treten. In Lübeck fand Plönnigs die bisher einzige Ausnahme: Dort präsentieren sich Kulturtafelgäste mit Vorname und Gesicht.
Gut findet er grundsätzlich auch die Ticket-Patenschaft für das Bonner Beethovenfest: Wer ein Billett kauft, kann ein zweites erwerben, das über die Caritas an Bedürftige vermittelt wird. Allerdings merkte Plönnigs dann: „Es handelt sich nicht um die gefragtesten, sondern um eher randständige Veranstaltungen.“ Für ihn ergeben Patenprojekte nur dann Sinn, wenn auch teurere Tickets gespendet werden. Ansonsten werde das Klischee bedient, dass Sozialhilfeempfänger sowieso nicht an Hochkultur interessiert seien. Plönnigs erinnert daran, dass Hochkultur ja nur durch „erhebliche Subventionen“ stattfinden könne. Damit profitiere auch die Kulturelite von öffentlichen Fördermitteln.
In Vaterstetten hat es Kay Rainer von der dortigen Kulturtafel mit Menschen aus allen Schichten zu tun. Einige seien an hochkarätigen Kulturevents interessiert, sagt der Vorsitzende des Altenhilfewerks, das die Kulturtafel trägt. Arme Seniorinnen und Senioren, die eine bestimmte Kulturveranstaltung besuchen möchten, wenden sich an die Kulturtafel mit der Frage, ob die gewünschte Eintrittskarte bezahlt werden könnte. Bis zu einem gewissen Betrag ist das möglich. Mehrere Hundert Euro teure Tickets sind im Budget allerdings nicht drin.
Ob Plönnigs’ Beobachtung stimmt, dass arme Menschen kaum noch Konzerte besuchen, daran zweifelt Kay Rainer: „Es druckt sich doch niemand aufs T-Shirt: Ich bin arm!“. Jene Senioren, die in Vaterstetten Karten finanziert bekommen, ziehen nach seinen Worten stets das Beste an, das sie besitzen. Keiner möchte als bedürftig wahrgenommen werden: „Die Schamgrenze ist extrem hoch.“
Unter den 150 Nutzerinnen und Nutzern der 2014 gegründeten Kulturtafel in Günzburg ist das Interesse am Schöngeistigen laut Teamsprecherin Gabi Ritzler wenig verbreitet: „Am besten laufen bei uns Schlager.“ Ein Großteil der Karten wird für Veranstaltungen im Günzburger „Forum am Hofgarten“ vermittelt. Wie viele es jeweils gibt, hängt davon ab, wie spendabel die Agentur der jeweiligen Künstler ist. Mehr als sechs Karten pro Veranstaltung gibt es kaum. Das finanziell höchste der Gefühle sind zwei Karten im Wert von je 80 Euro.
Die meisten, die in Günzburg das Angebot nutzen, haben weder eine Schule besucht, die Wert auf Theater- und Konzertbesuche legte, noch hatten sie Eltern mit Affinität zur Hochkultur. Beliebt seien Kinokarten mit frei wählbaren Filmen. Von der Klingenden Bergweihnacht gibt es jedes Jahr 50 Karten: „Doch die bekommen wir kaum unter.“ Kulturtafelgäste lassen hin und wieder Termine sausen. Das ist für Gabriele Ritzler und die Ehrenamtlichen, die viel Zeit für die Kartenvermittlung aufwenden, jedes Mal bitter. Wer Karten nicht nutzt, muss erst mal pausieren. Eine Zwangspause gibt es auch, wenn man beim Verhökern der Tickets erwischt wird. Das ist in Günzburg bisher einmal geschehen.
Kostenlose Konzerte in Würzburg
Wer in Würzburg keine Mittel für Kultur aufbringen kann, profitiert davon, dass die Musikhochschule öfter kostenlose Konzerte anbietet. Doch das Angebot der Würzburger Kulturtafel wird trotzdem geschätzt. Gut 1200 Kulturgäste versorgt das Team aktuell mit Tickets für Kultur- und Sportveranstaltungen. Darunter sind auch einige, die laut der Vereinsvorsitzende Marion Gut früher Theaterabos hatten, sie sich aber nicht mehr leisten können.
180 Kinder nutzen die Kulturtafel in Würzburg. Die Kinder sind dem Team laut Gut besonders wichtig: „Wie soll man kulturelle Interessen entwickeln, wenn man nicht schon als Kind Kulturveranstaltungen kennenlernt?“
Im Durchschnitt kann jeder Kulturtafelgast maximal einmal im Monat ein Ticket erhalten. Karte und Gast kommen durch Vermittlungsanrufe zusammen. Bis zu viermal werden Gäste, zu denen ein Kulturangebot passt, angerufen. Die Anrufe haben auch eine soziale Komponente, sagt Marion Gut: „Soeben sagte eine Dame zu einer unserer Ehrenamtlichen, die sie wegen einer Karte anrief, dass dies der erste Kontakt für sie in der ganzen Woche gewesen ist." (Pat Christ)
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