Schaut es nach Regen aus und will man nicht nass werden, sollte man einen Schirm mitnehmen. Ist die Haltestelle 5 Minuten entfernt und fährt der Bus in 10 Minuten ab, sollte man sich demnächst auf den Weg machen. Jeder Mensch trifft täglich eine Fülle logischer Entscheidungen. Meist, ohne sich großartig Gedanken darüber zu machen. Mindestens genauso oft trifft man freilich unlogische Entscheidungen. Der von der Unesco initiierte Welttag der Logik am 14. Januar lädt ein, sich einmal mit Logik, Vernunft und alltäglichem Aberwitz auseinanderzusetzen.
An der Uni Passau beschäftigt sich Tobias Kaiser mit logischen Problemen, bei denen die meisten Menschen ins Schnaufen kommen würden: Er ist Professor für Reine Mathematik. Logik sei die Lehre des formalen Schließens. Ein Beispiel: „Alle Menschen sind sterblich. Sokrates ist ein Mensch.“ Auch Sokrates ist demnach sterblich, so der logische Schluss.
Logik kann aber nicht nur dazu verwendet werden, Probleme zu bewältigen, man kann sie auch nutzen, um anderen zu schaden. Etwa in der Politik: Statt sich darum zu bemühen, Probleme logisch anzugehen, werde häufig versucht, eine Agenda durchzusetzen, sagt Kaiser. Ist die erfolgreich durchgesetzt, werden scheinbar logische Argumente nachgeliefert.
Viele Logiklöcher gab es während Corona
Mittlerweile sei er fast täglich von der Politik irritiert, sagt Hans Brugger aus dem schwäbischen Marktoberdorf. „Es wird alles immer unlogischer und chaotischer“, bemängelt der Standesbeamte, der in seiner Freizeit Vorstandsmitglied der Bayerischen Schachjugend ist. Brugger nennt unzählige Beispiele. So wird Kuhmilch mit 7 Prozent besteuert. Bei Hafer- oder Mandelmilch kommen 19 Prozent Mehrwertsteuer drauf. Wer erbt, zahlt Erbschaftsteuer. Außer, er erbt viel: Ab 26 Millionen Euro kann die Erbschaft steuerfrei gestellt werden. Logiklöcher gab es auch in der Corona-Krise: Der Genesenenstatus etwa betrug bei ein und demselben Virus in Deutschland drei, in Österreich sechs und in der Schweiz zwölf Monate.
Seit über 50 Jahren spielt Brugger Schach und weiß daher: Ein guter Schachspieler braucht nicht nur Logik, sondern auch Intuition. Und wendet so durchaus mal unlogisch erscheinende Züge an – um den Gegner zu verwirren. Beim menschlichen Schach gibt es viele Wege zum Ziel. Anders als beim Schachcomputer, gegen den inzwischen menschliche Schachspieler keinerlei Chance mehr haben. In immer mehr Bereichen gewinnt die Technik an Dominanz. Dabei wäre es wichtig, dass die Menschen weiterhin ihre logische Seite trainieren, findet Brugger. Und damit gleichzeitig Durchhaltevermögen und Disziplin.
Idealerweise paart sich Logik mit Selbstkontrolle und Disziplin, findet auch Mathe-Professor Kaiser. Warum, das liegt auf der Hand: Es ist anstrengend, ein kniffliges Problem logisch zu durchdringen. „Es gibt auch keine bequeme Abkürzung, die es einem erlauben würde, sich logisch folgerichtiges Denken ohne größeren Aufwand anzueignen“, ergänzt Hannes Leitgeb, Inhaber des Münchner Lehrstuhls für Logik und Sprachphilosophie.
Kaiser macht es Spaß, ein mathematisches Problem mithilfe des logischen Methodenkoffers genau zu sezieren. „Man sollte aber nie denken, dass man nun den einzig möglichen logischen Schluss gezogen hat, und dass jeder, der den nicht akzeptiert, bösartig oder dumm ist“, warnt der Wissenschaftler. Nicht immer sind sämtliche Umstände bekannt.
Sorgen mit Blick auf das logische Denken macht Kaiser die starke Anziehungskraft der künstlichen Intelligenz. Dächten junge Menschen, dass sie nur die KI fragen müssen, um Bescheid zu wissen, verlernten sie zu hinterfragen, ob das Ergebnis wirklich Sinn ergibt.
Sollte besser eine Maschine entscheiden?
2012 schrieb der Wissenschaftsjournalist Christoph Drösser Der Logikverführer. „Darin habe ich auf logische Fehlschlüsse hingewiesen, die Menschen beim Argumentieren benutzen“, erzählt der ehemalige Zeit-Redakteur, der heute in San Francisco lebt. In Talkshows etwa höre man immer wieder Behauptungen folgenden unlogischen Strickmusters: „Sie haben mal ein Strafmandat für zu schnelles Fahren bekommen, deshalb ist Ihre Position zum Umweltschutz von vornherein unglaubwürdig.“
So unlogisch gehe es in der ganzen Welt zu, erklärt Drösser. Auch deshalb, meint er, weil immer häufiger Personen in öffentliche Ämter gewählt werden, die offensichtlich nicht viel von den Dingen verstehen, über die sie Entscheidungen fällen: „Und die sich oft auch über Expertenratschläge hinwegsetzen.“
Von daher könnte man schon fragen: Warum überlassen wir Entscheidungen über komplexe gesellschaftliche Probleme nicht einer Maschine? Wer hier jedoch logisch weiterdenkt, wird zu dem Schluss gelangen: Das wäre auch nicht sinnvoll. Die vernünftigste Lösung zu haben, ist laut Drösser nur die halbe Miete. „Man muss sie auch einer Mehrheit plausibel machen, und das gelingt den klügsten Köpfen im Moment leider nicht immer.“
Landschaftsarchitektin Susanne Augenstein aus dem oberbayerischen Trostberg hat es mit Menschen zu tun, die ihren Garten als Wellnessbereich oder Kleinod gestalten möchten. Doch die Gestaltungswünsche sind nicht immer logisch. Eine Palme zum Beispiel, die gut auf Wüstensand wächst, hat in Alpennähe wenig Chancen zu gedeihen. Dennoch gibt es Menschen, die wider jede Logik unbedingt eine Palme im Garten haben möchten.
Wenn Kinder ihren Pausenhof planen sollen
Oder, und das kommt in letzter Zeit laut Susanne Augenstein auffallend häufig vor: Man möchte sich einmauern, damit bloß keiner in den Garten gucken kann. Vor allem, wenn die Gartenfans gleichzeitig „öko“ sind, ist dieses Begehr unlogisch: „Wie sollen da Tiere wie Igel wandern können?“
Immer wieder muss Augenstein Wünsche, die aus Emotionen entstanden sind, mit dem, was logisch ist, abgleichen. „Überschreitet jemand wissenschaftliche Fakten, ist für mich der Planungsauftrag zu Ende“, sagt sie. So gibt es Wünsche, bei denen sie genau weiß: Gestalte ich den Garten so, entstehen später Pfützen, es kommt zu Glatteis oder anderen Mängeln. Menschen, die das Gefühl als etwas sehr Wertvolles empfinden, stehen Logik mitunter skeptisch gegenüber, weil die eine gewisse Kühle und Distanz schafft. Aber diese Distanz sei notwendig, damit, so Augenstein, hinterher kein Unfug entsteht.
Für Augenstein hat Logik auch etwas damit zu tun, dass man über den eigenen Tellerrand hinausdenkt. Ein typisches Beispiel ist für sie die Gestaltung von Pausenhöfen. Fragt sie Kinder, was sie sich wünschen, kommt meist prompt: „Eine Schaukel!“
Doch ist es logisch, ein solches Gerät, mit dem nur ein Kind spielen kann, auf einen Pausenhof zu stellen, auf dem sich 300 Kinder tummeln? Generell sieht sie Projekte, an denen man Kinder beteiligt, skeptisch. Da lässt man Kinder aufwendige Modelle gestalten – ohne dass die Kinder erleben könnten, was aus den Modellen wird, weil die Genehmigungsphase ewig dauert. Ist das Modell realisiert, sind sie längst nicht mehr da. Ziemlich unlogisch. (Pat Christ)
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