Noch zu Grundschulzeiten fand Jana Brammer Lesen langweilig. „Meine Eltern wollten immer, dass ich lese, aber ich habe nicht verstanden, warum Menschen das machen.“ In der fünften Klasse aber gab es diese eine Freundin, die Brammer drängte, mit einer Buchreihe anzufangen, die sie heute die wichtigste frühe Leseerfahrung nennt: Warrior Cats von Erin Hunter.
Gleich den ersten Band konnte sie nicht mehr weglegen, bis sie ihn durchgelesen hatte. Ausgerechnet an einem Sonntag! „Papa, ich brauche sofort Band zwei“, sagte sie. Und weil ihr Vater so begeistert davon war, dass seine Tochter endlich zum Buch gefunden hatte, fuhr er sofort los, zum Nürnberger Hauptbahnhof.
Ohne Warrior Cats kein Buchladen
Vielleicht wäre sie ohne diese wilden, in Clans organisierten Katzen nie zu einer Buchhändlerin geworden. Eine Buchhändlerin, mit mehr als 14.800 Followern auf Instagram und mit Burgkatze. Am 1. April 2023, mit 23 Jahren, machte sich Jana Brammer selbstständig. Seitdem ist sie Geschäftsführerin des kleinen Buchcafés Calibri im mittelfränkischen Cadolzburg.
Wenn man den kopfsteingepflasterten Marktplatz in Richtung Burg überquert, läuft man direkt aufs Calibri zu. An der Fachwerkfassade rankt ein Rosenstrauch, der seine letzten Blüten in die Sonne reckt. Montag ist Ruhetag, aber Brammer ist da. Um ein Youtube-Video zum Thema Versandkosten aufzunehmen. Ihr Onlineauftritt funktioniert, weil sie in ihrer zurückgenommenen Art offensichtlich authentisch ist.
Am Abend kommt der Fantasy-Buchclub, einer von fünf Buchclubs, die sie ins Leben gerufen hat. Diese zusätzlichen Aufgaben müsste sie nicht machen. Aber sie genießt es noch immer so sehr, hier zu sein, in ihrem Laden, ein Raum mit dunklen Regalen, einem Tresen, an dem Ankündigungen für Lesungen kleben, einer Kuchenvitrine, einer Kaffeemaschine. „Ich bin emotional näher an diesen Laden gebunden als an irgendeinen Menschen“, sagt Brammer. „Er ist die Liebe meines Lebens.“
Nach dem Abitur absolvierte sie, übersättigt vom Lernen, zunächst ein Freiwilliges Soziales Jahr im Sportverein. Und merkte währenddessen, dass Studieren eigentlich nicht infrage kommt. Bei einer Onlinerecherche stieß sie auf den Lehrberuf der Buchhändlerin – und dachte: „Dann muss ich ja nicht mehr weitersuchen.“
Der stationäre Buchhandel in Deutschland ist zweigeteilt. Einerseits die großen Ketten, Thalia, Hugendubel, Osiander. Andererseits die kleinen, unabhängigen Buchhandlungen. Den Großteil des Umsatzes erwirtschaften die Ketten. Zwischen 2018 und 2023 musste, so das Statistische Bundesamt, jede vierte Buchhandlung schließen. Das liegt an der Marktmacht von Amazon und den Filialhändlern, aber auch an der fehlenden Nachfolge.
Nichts davon weiß Brammer, als sie sich auf die Suche nach ihrem Ausbildungsbetrieb macht. Bei Thalia wird sie zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen – und, zweiter Wendepunkt, abgelehnt. Zu introvertiert für den Umgang mit Kunden, lautet das Urteil. Mehr Glück hat sie bei der Buchhandlung Edelmann in Fürth. Von Anfang an darf sie hier Verantwortung übernehmen, große Warengruppen nachbestellen, Termine mit Verlagsvertretern übernehmen.
Ihr Chef, sagt Brammer, habe sie zwar übernehmen wollen, aber auch gewarnt: Ob sie nicht lieber etwas anderes machen wolle, der Buchhandel habe doch keine Zukunft. „Aber ich habe schon seit vier Jahren den digitalen Buchmarkt verfolgt und gesehen: Das ist eigentlich total am Wachsen.“
Dass Lesen als Lifestyle sich zum Digitaltrend entwickelt, ahnt der kurz vor der Rente stehende Chef nicht. Aber er erkennt die Expertise der Auszubildenden an und lässt sie eine Abteilung für New Adult einrichten. Die Vermarktung über Social-Media-Kanäle, von der vor allem dieses Genre profitiert, ist die große Hoffnung der Verlage und des Buchhandels.
Der Weg raus aus der Angst
Auch wenn von einer Lesekrise oder Krise der Buchhandlungen die Rede ist, stimmt es nämlich: Der Gesamtumsatz des Buchmarkts in Deutschland stieg 2024 um 1,8 Prozent. „Seit 2019 hat sich extrem viel positiv entwickelt“, sagt Brammer. „Das war damals nicht naiv von mir.“
Der wichtigste Wendepunkt in Brammers Geschichte ist die Freundin einer Freundin: Die ist Kundin der Buchhandlung in Cadolzburg und hört zufällig mit, dass die damalige Inhaberin den Laden abgeben will. Da erinnert sich die Kundin an Brammer, die zu dem Zeitpunkt bereits ihren Traum vom eigenen Buchcafé träumt.
Während und ein bisschen auch wegen Corona, holt Brammer aus, habe sie eine Angststörung entwickelt. „Ich habe Panikattacken bekommen, weil ich das Gefühl hatte, ich nutze meine Zeit nicht und irgendwann falle ich tot um und habe nichts geschafft. Als würde ich mein Leben verschenken, wenn ich in einem Angestelltenverhältnis bleibe.“
Der Weg in die Selbstständigkeit sei ihr Weg raus aus dieser Angst gewesen. „Seitdem ist es ein Rauschgefühl. Jeder Tag und jede Woche ist anders und das ist das, was mich lebendig hält.“
Doch damals musste sie sich erst einmal mit der damaligen Inhaberin einigen. Womöglich würde diese ja eine unbezahlbare Ablöse verlangen. Ein halbes Jahr lang sollte Brammer für ein kleines Gehalt mitarbeiten und nach einem Vierteljahr eine Entscheidung formulieren. Wahrscheinlich stand die Entscheidung schon an Tag eins fest. Da gab es aber noch keinen Preis für die Übernahme. Ein sensibles Thema: Natürlich wollte die alte Geschäftsführerin eine Kompensation haben. Für die Bücher im Lager zum Beispiel, aber auch für die maßgeschreinerten Regale. „Es ist in der Branche oft so, dass alles an dieser Zahl scheitert. Für mich waren 30.000 Euro dann okay.“ Okay heißt: Brammer startete ein Crowdfunding und organisierte sich zwei Privatkredite über 10 000 Euro.
Am 1. April 2023 schloss Brammer die Tür zur Buchhandlung erstmals als Geschäftsführerin auf. Zwei Tage lang feierte sie die Übernahme mit dem Freundeskreis. Sie erinnert sich nicht konkret an den ersten Tag nach der Feier, sagt sie. Aber schon daran, wie anders es sich anfühlte, jetzt Geld einzunehmen.
Im ersten Jahr arbeitete Brammer vor allem gegen die Schulden an. Sie musste lernen, nicht in Panik zu verfallen, wenn einen ganzen Tag lang kaum jemand kommt. Die übrige Zeit an solch mauen Tagen steckte sie in ihre Social-Media-Kanäle. Sie fing an, die Menschen im Internet mitzunehmen auf dieses Abenteuer, mit allen Höhen und Tiefen und Arbeitsschritten.
Doch besonders wichtig waren die Menschen im Ort. Brammer sagt, sie sei wahnsinnig erleichtert gewesen, als sie feststellte: Die Menschen hier sind entspannter als in der Stadt. Ihr Laden ist auch ein generationenübergreifender Treffpunkt geworden. Während des Gesprächs platzt die Nachbarin rein, eine ältere Dame, die sich schon gewundert hatte – Montag ist doch eigentlich zu – und spontan auf eine Tasse Tee reinschauen wollte.
Die Angst vor der Pleite ist verflogen. Der kleine Laden ist stabil. Auch wegen Social Media, das ihr Versandgeschäft angekurbelt hat – und die Aufmerksamkeit der Medien. Inzwischen muss sie Interviewtermine in den Terminkalender einpflegen und kann sich sogar eine Aushilfe leisten. Im Sommer erlaubte sie sich deshalb sogar eine Woche Barcelona. „Bei mir läuft es gut“, sagt sie.
Plädoyer für unabhängige Läden
Das Buchhandelsterben macht sie dennoch traurig. „Es hat mich immer schon aufgeregt, zu sehen, wenn Buchblogger Amazon- oder Thalia-Pakete aufreißen. Auch deswegen habe ich angefangen, Social Media so stark zu bespielen: Wir müssen es cool machen, bei Indie-Buchhandlungen einzukaufen.“ Vergangenes Jahr wurde sie bei der Frankfurter Buchmesse mit dem TikTok Book Award ausgezeichnet. Es gibt ein Video von der Preisverleihung. Selbstsicher tritt sie dabei ans Mikro: „Danke an alle Menschen, die sich entscheiden, bei kleinen, unabhängigen Buchhandlungen zu kaufen und damit ihre Marktmacht einzusetzen“, sagt sie. „Das ist auch eine politische Entscheidung.“ (Andreas Thamm)
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