In Pilsting im Landkreis Dingolfing-Landau schlug einst das Herz der modernen Busfertigung. Heute ist dort die Nostalgie zu Hause. Die Firma Auwärter hat die Marktgemeinde geprägt. An die goldenen Jahrzehnte erinnert heute noch das Museum Automobil-Park Auwärter, das die Geschichte der mittlerweile verkauften Weltmarke Neoplan lebendig hält. Museumsgründer und ehemaliger Mitinhaber der Firma ist Konrad Auwärter. Der mittlerweile 86-Jährige ist Zeitzeuge, Visionär und einer, der die Geschichte des Unternehmens nicht nur aus Büchern kennt – er war selbst ein wesentlicher Teil davon.
Konrad Auwärter (kleines Bild, Foto: Bäumel-Schachtner) ist in Stuttgart geboren – seinen Dialekt hat er sich auch nach so vielen Jahren in der neuen Heimat bewahrt. Im Herzen aber ist er ein Niederbayer geworden. Schon fünf Jahre nachdem er 1973 die Leitung des zweiten Auwärter-Standorts in Deutschland übernommen hatte, wurde er in den Gemeinderat in Pilsting gewählt. „Heute bin ich immer noch Mitglied in 52 Vereinen“, sagt der Senior nicht ohne Stolz. „In meinem Leben standen immer drei Dinge im Vordergrund: Familie, Beruf und Ehrenamt.“
In eine seiner drei Säulen, den Beruf, gibt der studierte Ingenieur in seinem selbst finanzierten Museum Einblick. „Die Firma Auwärter war Neoplan“, erklärt er. 1903 wurde sein Vater Gottlob geboren. Dieser lernte das Wagnerhandwerk, schnupperte aber auch früh in die Kunst des Karosseriebaus. Als Gottlob Auwärter 32 Jahre alt war, gründete er seinen ersten Karosseriebetrieb. Anfangs fertigte er Flugzeuge aus Holz, prägte jedoch schon bald eine Kombination aus Holz und Stahl. Der Krieg ging an der Familie Auwärter nicht spurlos vorbei, sie musste auch einen Wagen für die Wehrmacht fertigen. „Das waren auch für meine Familie schlimme Zeiten“, erzählt Konrad Auwärter.
Doch mit der Währungsreform 1948 ging es bergauf. Und auch mit dem Unternehmen. Innovation folgt auf Innovation. 1953 wurde der erste Bus mit freitragender Bauweise auf den Markt gebracht: „Es war ein riesiger Sprung vom Karosserie- zum Fahrzeugbauer.“ Es war auch die Geburtsstunde des Namens Neoplan. Aber der Aufbau des Unternehmens war nicht frei von Entbehrungen: „Geld war immer wenig da.“
Große Nachfrage
Die Nachfrage nach den neuartigen Bussen war aber groß. Immer wieder kamen mit den Jahren Neuheiten dazu. Konrad Auwärter war es, der ein leichtgewichtiges Doppeldeckerfahrzeug entwickelte. Neoplan war auch Pionier, die Fahrzeuge mit einer kleinen Küche und mit einer Toilette auszustatten – damals eine kleine Revolution für den Reiseverkehr. Ab 1971 fertigte der schwäbische Hersteller mit Hauptsitz in Möhringen auch in Pilsting und Konrad Auwärter übernahm dort das Zepter. „Als Firmensitz wurde uns ein richtiger Verhau angeboten“, blickt er mit einem Augenzwinkern zurück. Daraus machte er das Beste und baute einen modernen Standort auf, fand aber auch gleichzeitig eine neue Heimat: „Das war ein glücklicher Umstand.“ Mit fünf Handwerksmeistern ging die Busfertigung im Landkreis Dingolfing-Landau los: „Und durch diese handwerkliche Leistung wurden wir im Laufe der Zeit zum Weltmarktführer – von Möhringen und Pilsting hinaus in die Welt.“
Es folgten weitere Standorte, zum Beispiel in Berlin und Colorado. Und weil die Familie Auwärter immer auch am Gemeinwohl orientiert war, gründete sie auch ein Werk mitten im Urwald in Ghana, um den Menschen Hilfe zur Selbsthilfe angedeihen zu lassen. „Der Medizinmann hat vorher sein Säckle mit Knochen befragt, um zu erfahren, ob das eine gute Idee sei“, plaudert Auwärter aus dem Nähkästchen. Der Weise erhielt eine positive Antwort – und tatsächlich wurde daraus ein Erfolg.
In den USA brauste Neoplan im Eiltempo zum US-Marktführer, und nicht nur dort – der Name, die Fahrzeuge und der Erfolg verbreiteten sich auf dem ganzen Globus. Und dann kam der Schicksalsschlag. Mit nur 57 Jahren starb Konrads Bruder Albrecht, der die Geschicke hauptverantwortlich an den anderen Standorten geleitet hat: „Das Unternehmen verlor seine Führungsfigur.“ Das war 1997. Wie sollte es weitergehen? Konrad Auwärter hat vier Nachkommen. Doch keines der Kinder war bereit, sieben Tage die Woche die Geschicke der Firma zu leiten. 1999 begannen die Verkaufsverhandlungen mit der Firma MAN. Im Juni 2001 wurde der Familienbetrieb verkauft: „Ein Jahr lang hat das Kartellamt nicht zugestimmt.“
Doch die Firma MAN ist heute nicht mehr in Pilsting vertreten. Laut Konrad Auwärter hat sie nach acht Jahren dort die Busfertigung eingestellt. Die Produktion der Reisebusse hat das Unternehmen mittlerweile komplett in das türkische Werk in Ankara verlegt, informiert der ehemalige Standortleiter: „Neoplan lebt jetzt nur noch in der Türkei, heißt aber immer noch Neoplan.“
Nicht mehr in Pilsting
Aber ein klein wenig lebt Neoplan auch in Niederbayern weiter. Mit seinem Automobil-Park am Ortsrand der Marktgemeinde hat Konrad Auwärter sein Lebenswerk gekrönt. Im Oldtimer-Museum können die Besucher zahlreiche Exponate aus verschiedenen Jahrzehnten bewundern – darunter auch den McDonald’s-Bus, den Neoplan gefertigt hat. Auf rund 2000 Quadratmetern findet sich eine umfangreiche Automobil- und Nutzfahrzeugausstellung, aufgeteilt in zwei Hallen. Die Ausstellung spannt den Bogen zur einstigen Weltmarke Neoplan, deren Industrieareal nur einen Steinwurf entfernt liegt.
Der Automobil-Park ist aber nicht nur dazu da, die Vergangenheit des einstigen Herstellers des Mannschaftsbusses des FC Bayern zu würdigen – Teil von Konrad Auwärters Konzept ist es, den Automobil-Park mit jungen Unternehmen aus dem Oldtimer-Bereich zu beleben. Vielleicht sind unter diesen jungen Tüftlern auch so kluge Köpfe wie Gottlob, Albrecht und Konrad Auwärter, und die nächsten Innovationen gehen wieder von Pilsting aus hinaus in die Welt. (Melanie Bäumel-Schachtner)
Kommentare (0)
Es sind noch keine Kommentare vorhanden!