Leben in Bayern

Vereinschef Ralf Arnold in einem alten Luftschutzraum. Wie keine zweite Stadt ist Nürnberg durchzogen von Bunkern und Kellern. Foto: dpa/Karmann

10.06.2022

Nürnbergs unbekannte Unterwelt

Bierkeller, Bunker, Schutzräume: Das weitläufige Untergrundsystem der Frankenmetropole ist noch weitgehend unerforscht – ein Verein will das ändern

Es müssen furchtbare Stunden gewesen sein: Mehr als hundert Waisenkinder, zusammengedrängt in verwinkelten Kellerräumen. Immer wieder erzittern die Wände und erinnern daran, dass es draußen tödliche Gefahr vom Himmel regnet. Dazu die Ungewissheit: Vor Einschlägen in der Nähe wäre man noch geschützt. Einem direkten Treffer einer britischen Bombe aber würden die dünnen Mauern wohl nicht standhalten. Würde das Kinderheim darüber einstürzen, würde es den Luftschutzraum zur tödlichen Falle machen.

Gut 80 Jahre später steigen Mitarbeitende der Pflegeschule, die heute in dem Gebäude im Nürnberger Norden untergebracht ist, und fünf Männer vom Förderverein Nürnberger Felsengänge die Treppen zu dem Keller hinab.

Die Bunkerexperten des Vereins haben es sich zur Aufgabe gemacht, den von Schutzräumen durchzogenen Nürnberger Untergrund zu erforschen und Erinnerungen an die Szenen zu bewahren, die sich dort einmal abgespielt haben. Im Dezember riefen sie Nürnberger Bürgerinnen und Bürger auf, unbekannte Bunker zu melden. Gut zwei Dutzend kleinere seien ihnen schon gemeldet worden, sagt der Vorsitzende Ralf Arnold. Der weitläufige Keller unter der heutigen Pflegeschule ist die bislang spektakulärste Neuentdeckung. Das Gebäude ist halb so groß wie ein Fußballfeld, ein großer Teil davon ist untertunnelt.

Der Verein geht davon aus, dass noch so mancher unentdeckte Bunker darauf wartet, dokumentiert zu werden. Denn Nürnberg dürfte im Untergrund von Kellern und Schutzräumen durchzogen sein wie keine zweite deutsche Stadt, wie Bunkerexperte Arnold erklärt. Ab Ende des 14. Jahrhunderts habe man hier Keller gegraben, um Bier zu kühlen, „und hat 500 Jahre lang immer weiter gegraben – Keller so groß wie vier Fußballfelder“, sagt Arnold. Viele davon baute die Stadt im Zweiten Weltkrieg zu Schutzräumen aus, die teils verbunden wurden. Es entstand ein Kellersystem in der Unterwelt, in dem man sich ohne Ortskenntnis verlaufen würde, wie Arnold erklärt.

Diese ausgebauten ehemaligen Bierkeller kamen noch zu den 23 modernen Luftschutzbunkern, wie von Berlin offiziell vorgegeben – die aber nur 5 Prozent der Bevölkerung Platz geboten hätten. In Nürnberg bediente man sich an Baumaterial vom Reichsparteitagsgelände im Süden der Stadt. 
Vielleicht stammen die Ziegel in dem Keller unter der heutigen Pflegeschule auch von dort? Wäre zumindest möglich, wie Arnold bei der Besichtigung des unverputzten Kellerraums einschätzt. An einer Wand lehnt eine schwere Schutztür aus Metall. Sie erinnert an die Szenen, die sich hier einmal abgespielt haben müssen.

Während US-amerikanische Luftangriffe eher wichtiger Infrastruktur wie Fabriken oder dem Hauptbahnhof galten, kamen britische Flugzeuge nachts und griffen mit Teppichbombardements Wohnviertel an, wie Arnold erklärt. Ziel war es, die Bevölkerung zu demoralisieren. Die gleiche Strategie hatte auch die deutsche Luftwaffe verfolgt, als sie verheerende Angriffe auf London, Plymouth oder Coventry flog. Auf beiden Seiten starben Zehntausende, in Nürnberg gab es laut Arnold insgesamt rund 6000 Opfer.

Die Waisenkinder in dem Gebäude der heutigen Pflegeschule erlebten die früheren Angriffe auf Nürnberg mit, dann wurden sie im Zuge der Kinderlandverschickung aus der Stadt gebracht. Den schlimmsten Angriff am 2. Januar 1945, bei dem fast 1800 Menschen starben und die Altstadt völlig zerstört wurde, bekamen sie nicht mehr mit.

Der Verein hofft auf Mithilfe der Nürnberger*innen

Er habe mit einem Zeitzeugen sprechen können, der als Kind die Angriffe in dem Keller selbst miterleben musste, erzählt Josef Andree, Geschichtslehrer an der Pflegeschule. Der Mann habe die Aufenthalte als panischen Schockzustand beschrieben. Sirenen und dumpfe Schläge von den Bomben seien zu hören gewesen. Nach Einschlägen bebte die Erde nach, Putz rieselte von der Decke, das Licht flackerte.

Erinnerungen wie diese will der Förderverein für das kollektive Gedächtnis bewahren. Er finde es wichtig, gerade den jungen Leuten zu vermitteln, dass es diesen Krieg und diese schrecklichen Bombardierungen gegeben habe, und ihnen ins Gedächtnis zu rufen: „Krieg ist das Schlimmste, was einem passieren kann.“

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine werden die Vereinsmitglieder bei Führungen durch die Nürnberger Unterwelt oft gefragt: „Kann man diese Schutzräume nicht wieder flottmachen?“ Arnold sagt, die Vereinsmitglieder, die sich damit beschäftigt hätten, seien im Grunde einhellig der Meinung, dass diese Bunker keinen guten Schutzfaktor hätten. Seine persönliche Meinung sei, dass das Geldverschwendung wäre; man solle das Geld lieber in ein Raketenabwehrsystem stecken.

Der Verein hofft weiter auf Meldungen noch unbekannter Bunker. Gerade auf dem Gelände von Firmen, die wegen der Corona-Pandemie zunächst ungern Leute von außen hineinlassen wollten, könnte laut Arnold noch so manch unerforschter Schutzraum liegen.
(Gregor Bauernfeind, dpa)

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