Leben in Bayern

Nicht nur "Pumuckl" - es lagern viele Schätze im BR-Archiv. Alte Filmrollen werden nun digitalisiert. (Fotos: ARD, dpa)

23.08.2018

Schimmel, Säure, Kleber: Archiv des BR in Gefahr

Handy weg, Fotos und Filme weg - eine Horrorvorstellung für jeden, auch für den Bayerischen Rundfunk. Der sorgt sich allerdings nicht um niedliche Katzenvideos. Alte Spielfilme, Serien und Zeitdokumente sind von Säure und Schimmel bedroht. Gibt es überhaupt noch Rettung?

"Tatort"-Krimis, "Pumuckl"-Folgen oder Helmut Dietls Kultserie "Monaco Franze" - im Filmarchiv des Bayerischen Rundfunks (BR) lagern viele Schätze. Doch das mediale Erbe der vergangenen Jahrzehnte ist bedroht. Essigsäure, Schimmel und Klebstoffe beschädigen die Zelluloid-Rollen, auf denen noch vor wenigen Jahren Filme und Fernsehbeiträge gedreht wurden. Diesem drohenden Verlust will der BR entgegenwirken. Mitte des Jahres wurde damit begonnen, mehr als 50 000 Filme, Beiträge und Filmausschnitte zu restaurieren, zu digitalisieren und neu zu dokumentieren. Eine Mammutaufgabe, die die Fachleute vermutlich noch die kommenden zehn Jahre beschäftigen wird, gilt das BR-Archiv doch als eines der größten innerhalb der ARD.

Etwa ein Drittel der Filme seien in schlechtem Zustand, erklärt Rainer Tief, Leiter der Hauptabteilung, die sich um die Fernseh- und Hörfunkarchive kümmert. Eine Temperatur von 4 Grad und konstante Luftfeuchtigkeit wären notwendig, um das anfällige Zelluloid vor Schäden zu bewahren. Bedingungen, die die Archive in Freimann und am BR-Standort in Unterföhring nicht erfüllen. Doch Alternativen gab es bislang nicht. "Eine Kühlhalle in der Größe wäre zu teuer", sagt Tief.

So lagern die runden Metalldosen mit den Filmrollen in Kellerräumen, in langen Regalreihen. Wer hier durchläuft, kann auf eine Reise durch die Fernsehgeschichte gehen, die im BR-Archiv am 6. November 1954 beginnt. Mit dem Mozart-Singspiel "Die Gärtnerin aus Liebe" gestaltete der Sender damals zum ersten Mal das Abendprogramm des Deutschen Fernsehens. Bis in die 1990er Jahre reicht der Fundus. Folgen der beliebten "Pumuckl"-Serie mit dem rothaarigen, frechen Kobold finden sich ebenso wie Nachrichten-Schnipsel, Interviews, Reportagen und jede Menge Fernsehsendungen.

Ein Drittel der Filme sind in einem schlechten Zustand

Doch wie sieht es im Inneren der runden Filmboxen aus? Schimmelt das Material? Ist die Metalldose selbst verrostet? Ist der Film gar durch Säure geschrumpft? Oder ist alles in Ordnung? "Das wissen wir erst, wenn wir die Dose öffnen", sagt Andreas Müller, der das Digitalisierungsprojekt leitet. Probleme mit Essigsäure gebe es häufiger. Verschimmelte Filmrollen seien bislang Einzelfälle. Aber: "Die Zeit spielt gegen uns", erklärt Tief.

Annika Preusser ist eine von denen, die beim BR im Münchner Vorort Ismaning versuchen, den Verfall zu stoppen. Mit Handschuhen sitzt sie vor einem Monitor an einem Schneidetisch und lässt eine Filmrolle durchlaufen. Immer wieder tränkt sie einen weichen Lappen mit einer Flüssigkeit und wischt vorsichtig über die Zelluloidbänder. "Ich putze gerade den Film", erklärt die Cutterin und unterbricht ihre Arbeit kurz darauf. An einer Stelle wurden zwei Filmstreifen zusammengepappt, mit einfachem Klebeband, auf dem Bildschirm gut an dem Gelbstich des Films zu erkennen. Gelb wie das Klebeband, das sich über die Jahre verfärbt hat. Vorsichtig löst Preusser das Band, entfernt Klebereste und fügt die Filmenden an einem besonderen Gerät wieder zusammen, diesmal mit durchsichtigem Spezialband, so dass die Reparatur eigentlich nicht zu erkennen ist. Ganz oft geht es gut. Doch hin und wieder kommt es vor, dass ein Film nicht mehr zu retten ist und im Müll landet.

Rainer Tief schwärmt von den vielen Entdeckungen, die nach und nach auftauchen, wenn die Cutterinnen wieder eine der vielen Filmdosen öffnen und sichten. Bislang wusste niemand so genau, welche Schätze das Archiv birgt. Dabei ist manches mittlerweile ein Zeitdokument. Viele Filme zeigen das Leben in Bayern, wie es früher einmal war - und wie es heute oft verschwunden ist. Bauern pflügen ihre Felder mit Hilfe von Pferden. Und das Oktoberfest wirkt sehr gemütlich, als man noch in Schwarz-Weiß drehte. "Das sind Programmschätze erster Güte, die unbedingt bewahrt werden müssen", findet BR-Intendant Ulrich Wilhelm.

Wenn alles gesichtet, geklebt, repariert, gesäubert ist, folgt endlich die Digitalisierung. Bei Spezialfirmen in München und Hamburg werden die Filme in Computer eingespeist, damit sie künftig als Datei zur Verfügung stehen und erstmal gerettet sind. Außerdem wird alles katalogisiert. Im Zuge der Digitalisierung werde das Material mit Schlagwörtern versehen, nach denen man suchen könne, sagt Tief. Journalisten können so ihre Filme mit altem Material anreichern.

Manche Fundstücke finden schon jetzt den Weg an die Öffentlichkeit, übers Internet etwa unter #BR24Zeitreise, aber auch auf anderen Wegen. Manches ist herrlich skurril, so wie die Sendung aus dem Jahr 1957. In einer der ersten TV-Castingshows suchte der BR damals "Die ideale Frau". Die musste adrett aussehen, Blüten erkennen, häkeln, tanzen und natürlich kochen, "die beste und schönste Mayonnaise". Als Trostpreis gab es einen Wäschekorb mit Geschirrtüchern, Tischdecken und ähnlichem, sehr zur Freude des Moderators, der den Verliererinnen gönnerhaft zurief: "Das haben sie sich doch immer gewünscht!". Alles andere als Häuslichkeit hatte Rolling Stones-Sänger Mick Jagger im Sinn, der dem BR in den 1960er Jahren erklärte: "Maschinen werden bald den Großteil der Jobs erledigen, die Menschen arbeiten dann nur noch vier Stunden täglich."
(dpa)

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