Am Großparkplatz am Hagen in Straubing stehen zwei Gruppen, beide in neongelber Kleidung, und scharen sich um ihre Ausbilder. Während die eine Gruppe lernt, wie ein Transportbegleitfahrzeug eingerichtet wird und welche Vorkehrungen vor der Abfahrt zu treffen sind, widmet sich die andere Gruppe der Aufgabe, wie ein liegen gebliebenes Fahrzeug richtig gesichert wird.
Ob nun ein Bagger transportiert wird, eine Landmaschine oder ein Rotorblatt eines Windrads: Mit mehr als 40 Tonnen Gewicht, 16,5 Meter Länge, 2,5 Meter Breite und 4 Meter Höhe gilt ein Transport als Großraum- und/oder als Schwertransport und muss durch Begleitfahrzeuge flankiert werden. Diese sollen ihm helfen, gefahrlos zum Ziel zu kommen. Gefahrlos für ihn selbst und die anderen Verkehrsteilnehmer – sowie ohne Schäden für die Straßen.
Immer mehr Frauen interessiert die Ausbildung
Eine Brücke darf dann zum Beispiel nur alleine passiert werden. Auch kann es sein, dass ein Kreisverkehr linksherum durchfahren oder die Geschwindigkeit der anderen Fahrzeuge durch eine Anzeige auf dem Begleitfahrzeug gedrosselt werden muss.
Sehr viel Arbeit für die Polizei, doch seit 2017 gibt es Unterstützung: In Straubing werden am bislang einzigen Standort in Deutschland sogenannte Transportbegleiter ausgebildet. Wer alle drei Ausbildungsstufen absolviert hat, darf als Transportbegleiter auch selbstständig Entscheidungen im Verkehr treffen – wie ein kleiner Polizist. Auch immer mehr Frauen entdecken diesen Beruf.
Anna Lakota schnappt sich eine Pylone und stellt sie im korrekten Abstand auf. Ein Schritt zurück, ein prüfender Blick – die junge Frau nickt, und auch der Kursleiter ist zufrieden. Die Passauerin hat sich für die Ausbildung angemeldet, um das Wissen im familieneigenen Betrieb in Passau anzuwenden. „Bei uns wird das immer mehr eingesetzt. Die Praxis kenne ich, aber der Kurs ist jetzt doch eine ganz andere Hausnummer.“ Sie hofft, die Prüfung zu schaffen – dann kann sie auch in der eigenen Firma diese Aufgaben übernehmen.
Lakota ist eine von 38 Kursteilnehmerinnen aus ganz Deutschland, die nach Straubing gekommen sind. Die Ausbildungen richten sich generell an Beschäftigte privater Unternehmen und freiberuflich Tätige, die Großraum- und Schwertransporte begleiten. Auch die Bundeswehr transportiert regelmäßig sprichwörtlich „schweres Gerät“ und benötigt für die Begleitung entsprechend ausgebildete Personen. Und auch die Landwirtschaft braucht Transporthelfer.
Grundsätzliches Ziel einer erfolgreich abgeschlossenen Ausbildung ist, dass Privatpersonen anstelle der Polizei Aufgaben der Transportbegleitung übernehmen können. Partner für diese Ausbildung sind der Freistaat Bayern, das Polizeiverwaltungsamt in Straubing und die Bayerische Verwaltungsschule (BVS). „In dieser Form gibt es sie nur in Straubing“, erklärt Seminarleiter Hartmut Sauer von der Regierung von Mittelfranken. Sauer steht konzentriert im Seminarraum der IHK Straubing, wo in der Regel die Theorie stattfindet.
Vor ihm stehen einige Spielzeug-Schwertransporter und er schiebt sie über den Tisch, um damit die Regeln zu erklären. Bei den drei Ausbildungen wird unterschieden zwischen Verwaltungshelfern einer Straßenverkehrsbehörde oder der Polizei (BF4-Bayern) und Transportbegleitern mit Anordnungsbefugnis, die wesentliche Aufgaben der Polizei übernehmen können. Sind die Transportbegleiter fertig ausgebildet, hat somit nicht nur der Betrieb etwas davon, der selbst so eine Fachkraft bereitstellen oder wie meist üblich von anderen Unternehmen diese Dienstleistung „einkaufen“ kann, wenn er einen Schwertransport auf die Reise schicken muss.
Die Transportbegleiter übernehmen auch Bereiche der Polizei, die ansonsten selbst so einen Transport sichern müsste: Seit 2017, als die Ausbildung startete, konnten laut Zahlen des Polizeiverwaltungsamts die jährlichen Einsatzstunden der Polizei für Transportbegleitung von über 60 000 auf rund 4000 heruntergeschraubt werden. „Wir haben eine kleine Polizeiinspektion eingespart dadurch“, freut sich Markus Plenk, Sprecher des Polizeiverwaltungsamts.
Die Kurse wurden auch ins Leben gerufen, um Infrastruktur zu schonen. Denn Schwertransporter können Bauwerke wie Brücken bei falscher Fahrweise erheblich belasten und sogar beschädigen.
Das Innere einer Brücke besichtigt
Laut Hartmut Sauer kann der Transportbegleiter in die Wege leiten, auf welchen Spuren und mit welcher Geschwindigkeit eine Brücke befahren werden muss, um das Bauwerk zu schonen. Um noch mehr Sensibilität und Hintergrundwissen zu entwickeln, wie das geht, dürfen die Kursteilnehmer im Rahmen ihrer Ausbildung auch das Innere einer Brücke in Wörth an der Donau besichtigen.
Wer Transportbegleiter mit Anordnungsbefugnis werden möchte, muss alle Seminare besuchen. Das Grundseminar dauert zehn Tage, das Qualifizierungsseminar zehn Tage und die praktische Transportbegleitung, die es nur in Bayern gibt, noch einmal fünf Tage. Die Seminare verlangen alle eine Abschlussprüfung in Theorie und Praxis, nur die praktische Transportbegleitung nicht mehr.
Die Nachfrage in Straubing ist groß und die Ausbildung hat sich laut Polizeiverwaltungsamt schnell herumgesprochen. Rund viermal im Jahr wird ausgebildet. Jetzt im April startete wieder ein Grundseminar zur Ausbildung zum Verwaltungshelfer einer Straßenverkehrsbehörde. Dabei geht es unter anderem um Haftungsfragen, Rechte und Pflichten eines Verwaltungshelfers, Antrags- und Genehmigungsverfahren und vieles mehr.
Die Praxis erfolgt unter anderem am Parkplatz am Hagen – dann geht’s in die dort schon bereitstehenden Fahrzeuge. Als Dozenten sind überwiegend Beamte der Bayerischen Polizei und Fachleute der Genehmigungsbehörden tätig. Die Kosten übernimmt entweder der Kursteilnehmer oder der Betrieb. Das Grundseminar kostet 3450 Euro, das Qualifizierungsseminar 2795 Euro und das Qualifizierungsseminar im praktischen Teil 5990 Euro.
„Für die gesamte Wirtschaft, und dabei insbesondere den Transportgewerben, besteht das Interesse, möglichst unbürokratisch, flexibel, planungssicher und mit geringen Kosten einen Transport durchführen zu können“, erklärt Plenk. Mit den ausgebildeten Transportbegleitern gibt es auch mehr Planungssicherheit als mit der Polizei. Deren Kräfte könnten nämlich jederzeit wegen unvorhersehbarer Einsatzlagen abberufen werden – verbunden mit dem vorübergehenden Stillstand des Transports, den sie begleiten.
Der Einsatz von Transportbegleitern mit Anordnungsbefugnis entlastet laut Plenk auch die jeweiligen Straßenverkehrsbehörden, da diese keine Regelpläne mehr erstellen müssen, wodurch das Erlaubnis- und Genehmigungsverfahren im Ganzen verschlankt und dadurch auch beschleunigt wird. (Melanie Bäumel-Schachtner)
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