Leben in Bayern

Gnadenhof-Gründerin Nicole Gagstetter kümmert sich mit Hingabe sowohl um die Tiere als auch um die Menschen. (Foto: Pat Christ)

02.10.2020

Tierpflege als Therapie

Nicole Gagstetters Gnadenhof im unterfränkischen Veitshöchheim bietet ein bundesweit einzigartiges inklusives Konzept

Auf dem Gnadenhof Gut Harmony in Veitshöchheim kümmern sich Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Suchtproblemen, Langzeitarbeitslose und Straftäter um kranke Pferde, Ziegen und Schweine. Vor knapp 15 Jahren hat Nicole Gagstetter den Hof gegründet, der durch sein inklusives Konzept als deutschlandweit einzigartig gilt.

Andrea Lummer macht die Arbeit sichtlich großen Spaß. Vor zwei Monaten begann die 57-Jährige aus dem Landkreis Würzburg, auf dem Gnadenhof Gut Harmony mitzuwirken. Das Jobcenter brachte die gelernte Hauswirtschafterin auf diese Idee. Mit ihrem Mann Josef schaute sich Lummer den Hof an – und lernte Nicole Gagstetter kennen, die ihn vor 15 Jahren gegründet hat. Seitdem kommt das Ehepaar an fünf Tagen in der Woche auf das Gut. Während Andrea Lummer ihrer Arbeit nachgeht, hilft ihr 70-jähriger Mann, gelernter Autolackierer, ehrenamtlich mit.

Gagstetter kennt Handicaps, sie ist selbst sehbehindert

Sieben Ein-Euro-Jobber beschäftigt Gagstetter derzeit. Einige leiden an Depressionen. Es gibt einen Mitarbeiter mit sozialer Phobie. Auch eine an Kaufsucht leidende Kollegin hatte Gagstetter schon auf ihrem von einem Verein getragenen Gut. Menschen mit Handicap finden dort ideale Rahmenbedingungen für einen Erst- oder Wiedereinstieg ins Berufsleben. Der Stresslevel ist niedrig. Jeder darf in seinem Tempo arbeiten. Und auch die Tiere tragen zum Wohlbefinden bei, denn die gehen völlig vorurteilsfrei mit Menschen um.

Andrea Lummer zum Beispiel hat zuvor höchst unangenehme Erfahrungen mit Chefs gemacht. Oft stieß sie auf Ablehnung. Einmal zum Beispiel hieß es, sie sei doch viel zu alt zum Putzen. Das hatte die Würzburgerin getroffen. Auf Gut Harmony aber erhielt Lummer vom ersten Tag an Lob. „Andrea hat einfach fantastisch sauber gemacht“, schwärmt Gagstetter. Das sagte sie ihr auch – und war angesichts der Reaktion fast ein bisschen erschrocken. Lummer begann zu weinen. Die Frau konnte es kaum fassen, dass ihr eine Chefin derart positiv begegnete.

Nicole Gagstetter selbst hat einen äußerst ungewöhnlichen Lebensweg. Die gebürtige Hannoveranerin ist gelernte Friseurin. Aufgrund einer Sehbehinderung kam die heute 49-Jährige 2002 nach Veitshöchheim, wo ein deutschlandweit agierendes, auf Sehbehinderung spezialisiertes Berufsförderungswerk seinen Sitz hat. Gagstetter ließ sich zur Bürokauffrau umschulen. Und kam durch Zufall zu ihren ersten beiden Pferden. 15 Jahre ist das her. Und plötzlich war die Idee da: Sie wollte einen Gnadenhof gründen. Weitere Zufälle führten Gagstetter zu dem Gedanken, ihren Hof für Menschen mit Handicap zu öffnen.

Gagstetter hat zwar keine soziale Ausbildung, allerdings menschliche Qualitäten. Sie ist empathisch und aufgeschlossen. Eine Meisterin auf dem Gebiet der Konfliktlösung. Und von dem Wunsch beseelt, anderen Menschen dabei zu helfen, ein bisschen glücklicher zu werden. Und das nicht nur auf ihrem Gnadenhof. „Ich begleite Menschen in die Klinik oder besuche sie in Krisen auch zu Hause“, erzählt sie. Der Tochter der Lummers, die mittlerweile ebenfalls auf dem Gut mithilft, ging es kürzlich zum Beispiel wegen Eheproblemen schlecht. Gagstetter fuhr zu ihr und baute die zweifache Mutter wieder auf.

Dürfte Gagstetter einen Wunschzettel an die Politik schreiben, würde ganz oben „feste Jobs in der Inklusionsarbeit“ stehen. Denn sie sieht, dass es oft nicht reicht, wenn Menschen zwei oder drei Jahre lang einen Ein-Euro-Job ableisten. „Sie haben auch danach keine Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt.“ Doch nach spätestens drei Jahren läuft die Förderung aus. „Dadurch fallen die Leute wieder in ein Loch“, sagt Gagstetter. Sie selbst bemüht sich deshalb gerade, dass solche Jobs durch eine weitere Förderung des Jobcenters auf ihrem Gut entstehen können.

Man ahnt, dass das der Powerfrau gelingen könnte. Hat das Energiebündel doch bereits so viel geschafft. Denn Gagstetter lebt keineswegs von der Arbeit auf dem Hof. „Nein, das ist mein Hobby“, erklärt sie lachend. Nach getaner Arbeit auf dem Gut – mindestens 30 Stunden in der Woche ist sie dort – fährt Gagstetter hinunter in die Ortsmitte von Veitshöchheim, wo ihr Mann eine Gaststätte betreibt. Seit zwei Jahren managt sie das Restaurant alleine. Gagstetter: „Mein Mann erlitt einen Schlaganfall, eine Aphasie blieb zurück, er kann nicht mehr arbeiten.“

Dass sie selbst ein Handicap und zudem einen Mann hat, der einen harschen Schicksalsschlag verkraften muss, macht Gagstetter glaubwürdig. Wenn sie anderen Mut einflößt, ist das nichts Angelerntes, sondern das pure Leben, das sie zu den Erkenntnissen brachte. Fördertechnisch allerdings stößt sie mit ihrer autodidaktischen Herangehensweise an Grenzen. Öffentliche Geldgeber wollen durch Zertifikate ausgewiesene Kompetenzen sehen. Deshalb möchte Gagstetter jetzt zwei Teilzeitstellen für Sozialarbeiterinnen schaffen.

Außerdem würde sie ihren Hof gerne erweitern – auch mit Blick auf potenzielle Fördermittelgeber. „Wir haben zum Beispiel keine richtigen Toiletten“, sagt sie. Es gibt nur ein Plumpsklo. Wenige Kilometer vom Gut entfernt, in Gadheim, kann sie vielleicht einen neuen Hof aufbauen – quasi als Hauptsitz. Sollte das klappen, hat Gagstetter gleich eine neue Idee. „Ich würde dort gerne betreutes Wohnen anbieten.“ Durch ihre Mitarbeiter hat sie erkannt, dass manche dringend aus dem Milieu herausgeholt werden müssten, um ihren sozialen Problemen entrinnen zu können. Gerade Menschen mit Suchtproblem bräuchten einen Ort, wo sie zur Ruhe kommen können. Wo man es gut mit ihnen meint.

Der Hof ist für sie ein Hobby, sie managt ein Restaurant

Wie sehr Betroffene dann aufblühen können, sah Gagstetter in den letzten Jahren etliche Male. Sie denkt dabei zum Beispiel an die junge Frau, die sich immer zu den Ziegen in den Stall begibt, wenn es ihr schlecht geht. Dort lässt sie dann ihren Tränen freien Lauf. Gagstetter erzählt: „Die Ziegen lecken ihre Tränen ganz zart ab.“

Ja, die Ziegen – das sind neugierige und lustige Gesellen, die alles in Erfahrung zu bringen versuchen, was auf Gut Harmony abgeht. „He, was macht ihr schon wieder?“, ruft Andrea Lummer laut, als sie von den Ziegen bestürmt wird. Mit einem Eimer voller Salatblätter wollte sie das Gehege der Ziegen und Schweine entern und die Leckereien gerecht verteilen. Doch die Ziegen machen ihr einen Strich durch die Rechnung. Sie stürmen den Eimer und fressen alles blitzschnell auf. Da steht Lummer nun, den leeren Eimer in der Hand, und lacht laut: „Ihr seid ja welche!“

Seit Lummer auf Gut Harmony ist, kann sie das Leben wieder bejahen. Allmählich schwinden die bösen Erinnerungen an all die Situationen, in denen sie Ablehnung und Abwertung erfahren hat. Auch wenn ihr Leben nach wie vor nicht einfach ist: das Gute überwiegt. Und sie hat mit ihrer Arbeit etwas, worauf sie sich täglich freuen kann.
(Pat Christ)

Foto (Pat Christ): Andrea Lummer tankt mit ihrem Mann Josef auf dem Hof von Nicole Gag-stetter Lebensfreude.

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