Leben in Bayern

06.11.2026

Unerfüllter Kinderwunsch: Warum klappt es einfach nicht?

Die Nachfrage nach Beratung und Hilfe bei einem unerfüllten Kinderwunsch steigt stark an

Für die meisten Paare ist es drastisch: Sie möchten unbedingt ein Kind. Vielleicht ist ein Raum in der Wohnung bereits als Kinderzimmer reserviert. Kuscheltiere sind angeschafft. Doch dann klappt es einfach nicht. Immer mehr Paare sind betroffen. Die Nachfrage nach einer Beratung und Hilfe hat entsprechend deutlich zugenommen.

Das bestätigt die Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen des Sozialdienstes katholischer Frauen im unterfränkischen Lohr. Von einem „sehr hohen Beratungsbedarf“ spricht auch Stefanie Ennemoser, Frauenärztin und Psychotherapeutin aus München. Etliche Frauen und Paare wenden sich an sie, weil sie psychotherapeutische Hilfe benötigen. Erfüllt sich der Wunsch, ein Kind zu bekommen, nicht, kann dies der Ärztin zufolge zu einer psychischen Krise führen. Der Bedarf nach Unterstützung sei aktuell so groß, dass sie ihn gar nicht abdecken könne.

Entspannt zu sein reicht eben nicht

Hofft ein Paar monate-, vielleicht sogar jahrelang darauf, dass die Frau endlich schwanger wird, es aber einfach nicht klappt, kann es zu einer überwältigenden Trauer kommen. Auch Angst, Wut, Scham und Schuldgefühle sieht Ennemoser bei ihren Patientinnen. Viele seien psychisch enorm belastet. Was jedoch, betont die Ärztin, im Umkehrschluss keineswegs bedeute, dass das Kinderkriegen deshalb nicht gelingt. Häufig ist im Netz der Rat zu lesen: „Fahrt zusammen in Urlaub, dann klappt es schon!“ Doch für die These, dass sich Fertilität durch Entspannung quasi therapeutisch herstellen lasse, gebe es keinen belastbaren wissenschaftlichen Beleg, sagt Ennemoser.

Klar ist: Die Geburtenrate brach in den vergangenen zehn Jahren drastisch ein. 2016 kamen bundesweit noch 792 131 Babys zur Welt. Diese Zahl nimmt seither jährlich ab. 2025 wurden nur noch 654 241 Kinder geboren. Das bedeutet ein Minus von fast 138 000 Kindern und damit von gut 17 Prozent. Bayernweit kamen im vergangenen Jahr 110 564 Kinder zur Welt. 2016 waren es noch 125 686. Der Rückgang beträgt rund 12 Prozent. 2016 brachte eine Frau im Durchschnitt noch 1,6 Kinder zur Welt. Aktuell sind es nur noch 1,32. In Bayern lag die Geburtenziffer 2025 bei 1,35.

Eine Reihe von Gründen kann dafür verantwortlich sein, dass eine Frau nicht schwanger wird. Laut Ennemoser liegt nicht selten eine Störung des Eisprungs vor. Aber auch Erkrankungen der Eileiter oder der Gebärmutter können Schwangerschaften verhindern. Bei Männern sei häufig eine eingeschränkte Samenqualität ausschlaggebend. „Mehrere dieser Faktoren können gleichzeitig vorliegen“, sagt Richard Häusler, Gynäkologe aus Regensburg und Landesvorsitzender des Berufsverbands der Frauenärztinnen und Frauenärzte. Bei einem Teil der Paare lasse sich trotz sorgfältiger Diagnostik keine eindeutige Ursache feststellen. Das bestätigt Ennemoser. Ihr zufolge trifft dies in 15 bis 30 Prozent der Fälle zu.

Überfüllte Kinderwunschkliniken

Wie schnell es klappt mit der Schwangerschaft, hängt auch mit dem Alter zusammen, erklärt Barbara Lohmaier, eine der Sprecherinnen des Landesarbeitskreises „Schwangerenberatung“ von Pro familia in Bayern. Die Fruchtbarkeitsrate sinke bei Frauen bereits ab dem 35. Lebensjahr: „Ab dem 40. Lebensjahr sinkt sie weiter ab, die Fehlgeburtsrate nimmt zu.“ Das Risiko, eine Fehlgeburt zu haben, steige aber auch mit dem Alter des Mannes.

Pro familia in Bayern registriert ebenfalls einen Anstieg der Beratungszahlen. Nicht nur bei Heterosexuellen: Häufiger als früher wenden sich homosexuelle Paare und vereinzelt auch Solo-Frauen an die Einrichtung. Meist möchten diese Ratsuchenden einen Beratungsschein für ein Kinderwunschzentrum haben. Diese Bescheinigung wird von den Zentren – ohne rechtliche Grundlage – bei Samenspenden gefordert.

Kinderwunschkliniken sind aktuell völlig überfüllt, weiß Annabel Staab von Donum vitae in Augsburg. Vor allem im letzten Jahr stieg die Zahl der Anfragen zu dem Thema massiv an: „Bis 2024 hatten wir jährlich etwa 15 bis 20 Beratungen, letztes Jahr waren es 50.“ Zum Teil kommen Frauen, die bereits mehrere Fehlgeburten hinter sich haben. Andere Paare versuchen laut Staab seit zehn Jahren vergeblich, ein Kind zu bekommen: „Sie können den Wunsch einfach nicht loslassen, er ist für sie zu existenziell.“

Auch eine künstliche Befruchtung klappt in der Regel nicht auf Anhieb. Oft sind mehrere Behandlungszyklen nötig. Laut dem Landesverband der BKK, der Dachorganisation für alle Betriebskrankenkassen mit Hauptsitz in Bayern, kam es bei Paaren, die auf natürlichem Wege kein Kind bekommen konnten, 2024 zu 112 142 Behandlungszyklen mit Transfer. Unberücksichtigt bleiben bei dieser Zählung Zyklen, bei denen letztlich keine Eizelle entnommen wurde oder bei denen die Eizelle nicht befruchtet werden konnte. 2015 wurden 87 328 Behandlungszyklen registriert. Dies bedeutet eine Zunahme in knapp zehn Jahren von fast 30 Prozent.

Etwa jede dritte Kinderwunschbehandlung führt zu einer Schwangerschaft. Unterschiedliche Methoden stehen zur Verfügung: Bei der In-vitro-Fertilisation wird die Eizelle im Labor befruchtet. Bei der Spermieninjektion kommt es zur Befruchtung außerhalb des weiblichen Körpers durch Injizieren eines einzelnen, ausgewählten Spermiums im Labor. Am häufigsten wird die Methode des Kryozyklus gewählt. Dabei werden überzählige befruchtete Eizellen aus einem vorherigen Versuch kryokonserviert, in einem späteren Zyklus aufgetaut und in die Gebärmutter transferiert.

Einkommensschwache haben das Nachsehen

Das Ganze ist teuer. Eine Behandlung kann je nach Methode, der Zahl der Versuche und dem Standort Tausende Euro kosten, so Barbara Lohmaier von Pro familia. Bei heterosexuellen Paaren, die verheiratet sind und gewisse Kriterien erfüllen, übernimmt die gesetzliche Krankenkasse die Hälfte der Kosten. Alle anderen müssen die Kosten selbst tragen.

Paare mit wenig Einkommen können sich solche Behandlungen kaum leisten. „Sie leihen sich Geld im Familien- oder Freundeskreis oder versuchen eine Ratenzahlung mit dem Kinderwunschzentrum zu vereinbaren“, weiß Lohmaier aus ihrer Beratungspraxis. Scheitert dann jener Versuch, für den so viel Geld investiert wurde, ist das besonders bitter.

Zu wenig Geld ist laut Lohmaier auch ein Grund, warum sich Paare gegen ein Kind entscheiden. Angesichts für Geringverdiener kaum mehr bezahlbarer Mieten und einer Gesetzgebung, die Familien zu wenig unterstütze, brauche sich niemand zu wundern, dass es immer weniger Kinder gebe, sagt Lohmaier. (Pat Christ)

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