Leben in Bayern

Eine Flasche liegt auf dem leeren Oktoberfestgelände, auf dem auch in diesem Jahr wegen der Coronapandemie das größte Volksfest der Welt eventuell nicht stattfinden kann. (Foto: dpa/Peter Kneffel)

03.05.2021

Wiesn ist abgesagt

Die Aussagen der Politik für die zweite Jahreshälfte haben Hoffungen auf mehr Normalität geweckt. Doch jetzt ist klar: Für München wird hierzu etwas ganz Wichtiges fehlen. Zum zweiten Mal in Folge gibt es einen Herbst ohne Oktoberfest

Viele hatten es kommen sehen: Auch dieses Jahr gibt es wegen der Corona-Pandemie kein Oktoberfest. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) begründeten die Entscheidung am Montag mit der nicht absehbaren Entwicklung bei den Infektionszahlen. Bereits 2020 war die Wiesn abgesagt worden - zum ersten Mal seit gut 70 Jahren.

Eine sichere Durchführung von Volksfesten mit Hygienemaßnahmen wie Masken sei nicht realistisch, erläuterte Söder. Bei einer späteren Absage drohe ein noch größerer wirtschaftlicher Schaden. Die Wiesn wiederum sei "eine der größten, vielleicht die größte Visitenkarte", die Bayern in der Welt habe - und die könne beschädigt werden.

OB Reiter: "A bisserl Wiesn geht nicht"

Reiter sagte, auch für ihn persönlich sei es keine leichte Entscheidung. Es mache aber keinen Sinn, länger zu warten. Um ein Volksfest feiern zu können, müsse das Volk auch hingehen können. Zudem müsse es eine angstfreie und sichere Atmosphäre geben. "A bisserl Wiesn geht nicht."

Schausteller und Wirte äußerten sich enttäuscht. Für viele ist es kaum fassbar, das das Volksfest zwei Mal in Folge abgesagt wird. Im vergangenen Jahr war es erstmals sei seit gut 70 Jahren ausgefallen - und alle hatten fest auf 2021 gesetzt. Nur im Ersten Weltkrieg gab es länger keine Wiesn: Von 1914 bis 1918 feierte München nicht.

Vom 18. September bis 3. Oktober hätte die Wiesn stattfinden sollen. Auch wenn bis dahin viele geimpft sein könnten: Wie wäre es mit der Ansteckungsgefahr in voll besetzten Bierzelten und im Gedränge der Gassen? Etwa ein Testzelt vor dem Bierzelt, ein Impfpass zum Reservieren, Feiern mit 1,50 Metern Abstand oder gar ein Verzicht aufs Bier, damit die Gäste die Regeln nicht vergessen - das wäre kaum vorstellbar.

Der Wiesn-Chef und Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner (CSU) stellte sich hinter die Absage. Die Entscheidung sei "völlig richtig - nicht nur aus Rücksicht auf die Gesundheit der Besucher, sondern auch aus Rücksicht auf den guten Ruf des Münchner Oktoberfestes als qualitätsvolles, sicheres Fest". Er setze nun auf 2022.

Schwerer Schlag für die Wiesn-Wirte

"Dass wir zwei Jahre keine Wiesn haben, ist für alle Kollegen ein schwerer Schlag - wir hätten uns nie vorstellen können, dass es so kommen könnte", sagte der Sprecher der Wiesn-Wirte, Peter Inselkammer. Trotz aller Ungewissheit hatten sich laut Inselkammer die allermeisten Stammgäste vor allem aus der Region ihre Plätze gesichert. Zu 95 Prozent hätten sie ihre Tische so bestellt wie 2019.

"Uns trifft das ins Mark", sagte der Vorsitzende des Münchner Schaustellerverbandes, Peter Bausch. "Uns fehlt wieder ein ganzes Jahr." Schließlich werde nicht nur das Oktoberfest abgesagt - "sondern wieder eine ganze Saison". Dabei hätten Aussagen der Politik Hoffnung aufkeimen lassen: "Wenn es im Herbst Normalität geben soll, dann gehört zur Normalität auch ein Volksfest", sagte Bausch.

Viele Fahrgeschäfte und Betriebe sind ebenso wie die Bierzelte seit der Wiesn 2019 im Winterlager. Sie stehen nur auf dem Oktoberfest, etwa das legendäre Varieté-Theater "Schichtl" und das historische Karussell Krinoline, das sich bei Live-Blasmusik wie ein Reifrock der Damenwelt früherer Jahrhunderte schwingend dreht.

Die erneute Absage trifft wirtschaftlich nicht nur Schausteller, Wirte und Budenbesitzer, sondern auch Hotels, Gaststätten, Taxifahrer und Einzelhändler. Die Wiesn 2019 hatte nach Angaben der Stadt einen Wirtschaftswert von rund 1,23 Milliarden Euro.

"Es sind hunderte Millionen Euro, die die Besucher in die Kassen des Einzelhandels bringen", sagt Bernd Ohlmann, Geschäftsführer des Handelsverbands Bayern. "Er ist enorm, was da dranhängt." Die Wiesn sei "das Aushängeschild für die Welteinkaufsstadt München". "Die Wiesn spielt in einer Liga mit dem FC Bayern und mit BMW. Das sind die drei Trümpfe der Stadt."

Söder und Reiter äußerten sich zuversichtlich, dass die Chance auf die Wiesn im nächsten Jahr besser sein werde - und dass der Ausfall nicht geschadet habe. Wenn es wieder eine Wiesn gebe, werde sofort Wiesn-Feeling zurückkehren, sagte Reiter. "Ich bin ganz sicher: Wenn die Menschen wieder feiern dürfen, dann werden sie wieder feiern." Auch Söder sagte, die Menschen hungerten und dürsteten danach. Er warnte aber mit Blick auf mögliche neue Mutanten, man wisse noch nicht genau, was im nächsten Jahr sei. Er glaube zudem, dass "die Maske uns bleiben wird" - wenngleich nicht als Verpflichtung.
(dpa)

 

Cholera, Krieg, Inflation: Zwei Dutzend Oktoberfeste ausgefallen 
Bereits gut zwei Dutzend Mal ist das Oktoberfest in seiner gut 210-jährigen Geschichte ausgefallen. Im vergangenen Jahr war wie in diesem der Grund die Corona-Pandemie. Bereits im 19. Jahrhundert war das Volksfest zwei Mal an einer Seuche gescheitert - der Cholera.

1810 hatte München zur Hochzeit von Kronprinz Ludwig - der spätere König Ludwig I. - mit Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen das erste Oktoberfest gefeiert. Schon das vierte Oktoberfest 1813 wurde gestrichen - wegen der Kämpfe mit Napoleon.

Ein paar Jahrzehnte später griff die Cholera um sich. Zwei Mal wurde das Fest deswegen abgesagt: 1854 und 1873. In der ersten Welle starben in München fast 7400 Menschen. Unter ihnen war auch Königin Therese, der zu Ehren die Wiesn zum ersten Mal stattgefunden hatte und nach der das Festgelände, die Theresienwiese, benannt ist. Bevor die Cholera knapp zwanzig Jahre später zurückkehrte, ließ im Jahr 1866 der preußisch-österreichische Krieg keine Feierlaune aufkommen, Bayern war hier an der Seite Österreichs dabei.

Auch während der Weltkriege gab es keine Oktoberfeste. So feierte München von 1914 bis 1918 nicht. 1919 und 1920 fanden zwar kleine Herbstfeste statt, die aber nicht als Oktoberfeste zählen. 1923 wiederum hatten die Menschen wieder andere Sorgen: die Hyperinflation. Auch in diesem Jahr gab es keine Wiesn, ebenso während des Zweiten Weltkriegs. Erst 1949 ging es wieder richtig los.

Gut 70 Jahre wurde dann jedes Jahr gefeiert - bis die Corona-Pandemie im vergangenen Jahr eine erneute Pause erzwang.
(dpa)

 

 

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