Leben in Bayern

Ob rechte Parolen wirklich besonders oft an Stammtischen zu hören sind? Zumindest lockert sich die Zunge in bierseligen Runden. (Foto: dpa)

21.09.2018

Wie man Wutbürger bändigt

Rechte Stammtisch-Parolen: Ein Volkshochschulkurs in München zeigt, wie man mit ihnen umgehen sollte – die Staatszeitung war dabei

Wir sind immer die Doofen!“, steht auf meiner Karte. Den Spruch hat die aufgebrachte Frau in der Reinigung gesagt, beim Bügeln. Peter Müller*, Ingenieur, 44, dagegen schreibt, womit ihn sein Vater regelmäßig in Rage bringt: „Die Erderwärmung ist nicht von Menschen gemacht.“ Die nach rechts abdriftenden Eltern – das macht ihn wütend. Und, wie er sagt, auch traurig.

Kurz darauf liegen ähnliche Sprüche auf dem Boden. „Es ist doch sowieso alles gesteuert.“ Oder auch: „Denen wird gegeben – und uns wird genommen.“ „Die kriegen alles umsonst!“ Stammtischparolen, von den Kursteilnehmen irgendwo aufgeschnappt. Zu Hause. In der Familie. Bei Freunden. Im Sportverein. Im Zug. Beim Einkaufen. Oder eben beim Hosenabholen, in der Reinigung.

Die lange Nacht der Demokratie ist gerade vorbei. In der Münchner Seidlvilla bleibt das Thema in vollem Gang. Von Wolfgang Fänderl, Trainer und Vernetzungsberater, wollen wir lernen, wie man auf solche Parolen vom rechten Rand im Alltag reagiert. Das Training, das er im Rahmen eines Volkshochschulkurses anbietet, wurde von dem Erziehungswissenschaftler Klaus-Peter Hufer 2007 entwickelt und vom Netzwerk Politische Bildung Bayern 2012 angepasst. Schon damals gab es Politik(er)verdrossenheit, aber die Stimmung bei weitem noch nicht so aufgeheizt. Auch das Jahr 2012, als man das Training überarbeitete, scheint aus heutiger Sicht geradezu friedlich. Inzwischen ist die Stimmung gereizter. Ein großes Stück Verunsicherung ist zu spüren. Häufig auch schlicht: Angst. Der Referent verweist auf aktuelle Diskussionen in der Öffentlichkeit: das schwächelnde Europa und der Brexit, die Sorgen um Trump, die erstarkende AfD, der Rechtsruck in verschiedenen Ländern, die lautstarken Wutbürger – „zur Zeit ist Demokratie für jeden schwierig“.

Mit Andersdenkenden ins Gespräch kommen

Seminarteilnehmerin Carolin Hesse*, PR-Agentin, 66, sagt: „Ich habe in einer Bubble gelebt und wähnte mich immer auf der richtigen Seite. Jetzt habe ich gemerkt, dass man diese Seite stärker verteidigen muss.“

Für die Verteidigung der eigenen Werte wünscht man sich manchmal eine Art Zauberkasten voller guter Argumente und Tricks, mit deren Hilfe man jede rhetorische Schlacht gewinnt. Vielleicht sogar: den Gegner triumphal platt macht.

Der Alltag ist ein anderer. Hier geht es nicht darum, rhetorische Schlachten zu gewinnen. Sondern einander tagtäglich in der Firma zu begegnen oder im Hausflur, zusammen Tischtennis zu spielen oder ein Familienfest zu feiern, trotz oder vielmehr: mit unterschiedlichen Meinungen.

Man könnte natürlich einfach weghören und abhauen, wenn einem eine Parole nicht passt. Aber das lässt sich mit dem eigenen Gewissen kaum vereinbaren. Schließlich sind die Parolen häufig verletzend. Sie wollen provozieren. Und treten oft die, die sich nicht wehren können. Das macht wütend. Und was dann geschieht, kennen die Kursteilnehmer durchaus. Der Adrenalinschub. Der Tunnelblick. Wie man laut werden möchte, am liebsten schreien. Sich kaum noch kontrollieren kann.

„Das ist wie die Begegnung mit dem Grizzly“, sagt Fänderl. „Wir schütten Adrenalin aus, kennen nur Flucht oder Angriff, und werden absolut emotional.“ Sieben Minuten dauere es dann, bis wir einigermaßen bei Sinnen seien. Erst nach zwei Stunden ist das Adrenalin völlig abgebaut. In der Phase größten Zorns hilft darum kein Argument. Im Gegenteil: „Ganz viel kann da kaputtgehen.“

Was gegen die Wut hilft, ist bekannt: eine kleine Auszeit, tief durchatmen, bis zehn zählen oder hundert, um den Block gehen – schon sieht man ein wenig klarer. Denn das ist das Ziel des Kurses: dass die Teilnehmer um der Demokratie willen Gespräche mit Andersdenkenden führen. Auch mit Sehr-Andersdenkenden. Ein ergebnisoffener Meinungsaustausch also mit Menschen, deren Ansichten einem nicht passen. Es sei denn, sie stellen die Demokratie selbst infrage.

Wie also umgehen mit aggressiven, selbstgerechten Behauptungen? Zunächst hilft die richtige Haltung. Wer selbst lernbereit ist und dem anderen auf Augenhöhe begegnet, wer weiß, dass nicht das Entweder-oder zählt, sondern ein Sowohl-als-auch, kann offener auf den anderen zugehen. Dass alle Werte, die uns positiv erscheinen, ins Negative kippen können, umgekehrt aber auch, was uns negativ vorkommt, eine positive Seite hat, leuchtet ebenfalls sofort ein. Treffen unvereinbare Werte aufeinander, entsteht ein Konflikt, für den beide Seiten Verantwortung tragen. Ein sogenanntes Wertequadrat, das auf Karten gemalt wird, macht die Wechselwirkungen deutlich.

Peter Müller etwa erinnert sich an einen Kollegen, den er nicht mochte. Der Mann war stur. Und beklagte umgekehrt Müllers bisweilen chaotische Art. Müller selbst weiß natürlich, dass um ihn herum manchmal Chaos entsteht. Andererseits: Zeugt das nicht von einer gewissen Flexibilität? Sein Kollege wiederum war eigentlich auch enorm zuverlässig. „Jetzt, wo ich das so sehe, kann ich es an ihm schätzen“, sagt Müller, nachdem er sein Wertequadrat aufgemalt hat. Und fügt hinzu: „Aber mögen tue ich ihn deswegen nicht!“

Genug der Theorie: Im Rollenspiel draußen, im sonnigen Garten der Seidlvilla, wird geübt, mit welchen Haltungen und Argumenten man Stammtisch-Parolen begegnet und eine Atmosphäre schafft, in der geredet werden kann. Statt einander zu konfrontieren versuchen wir, die Perspektive des anderen zu teilen. Eine Übung aus dem Jiu Jitsu hilft dabei. Gerade noch stand man einander angriffsbereit gegenüber. Mit einem Schritt zur Seite nimmt man sich selbst aus der Schusslinie – und kann nebeneinander gemeinsam auf das Problem zu blicken.

Und plötzlich spürt man die Wut der anderen selbst

Wir lernen auch, einander aktiv zuzuhören. Die Reinigungsfrau kommt mir in den Sinn, ich übernehme ihre Rolle und schimpfe lautstark auf „Ihr da oben ...“. Peter Müller hört meinem Wortschwall zu. Dass ich es satt habe, zu rackern und zu schuften, für wenig Geld. Dass wir es sind, die den Müll wegräumen und die Wäsche waschen und dass ohne uns nichts geht, die da oben aber so tun, als seien wir nix wert. „Wir sind immer die Dummen!“, rufe ich. Beschimpfe die Eliten, beschimpfe die Politik und natürlich auch Peter Müller, der nachdenklich auf der Bank an meiner Seite sitzt. Die gespielte Motzerei fällt mir erstaunlich leicht. Zu leicht, denke ich. So, als hätte auch ich manchmal eine große, selbstgerechte Portion Wut in mir.

Müller fasst zusammen, was ich sage. „Verstehe ich Dich richtig? Du fühlst Dich schlecht behandelt?“ „Bist du begriffsstutzig?“, zische ich. Aber er bemüht sich, wieder und wieder. Wiederholt, dass ich offenbar fände, ich würde zu wenig verdienen. Dass ich eine Ungerechtigkeit spüre. Und tatsächlich: Irgendwann verraucht die Wut. Ich fühle mich verstanden.

An diesem Punkt, sagt auch Fänderl, sei es an der Zeit, sich mit seiner eigenen Meinung einzuschalten. Nicht einfach so. Aber mit einer Bemerkung, die Transparenz schafft. „Ich glaube, ich habe Sie verstanden“, schlägt Fänderl vor. „Aber ich habe eine andere Meinung dazu. Interessiert Sie das?“

Der andere kann Nein sagen, und die Sache ist erledigt. Er kann auch Ja sagen, und vielleicht tut sich dann was. Ein Austausch. Gut klingt das, so klar. Aber richtig einfach ist es nicht.
Carolin Hesse bleibt skeptisch. „Ich finde es schwierig, nicht konfrontativ zu sein. Und kann mir schwer vorstellen, eine neutrale Frage zu stellen.“ Und überhaupt: „Wie kontrolliert man seine Emotionen, wenn man so entsetzt ist?“

Aus dem Kurs nimmt sie mit, wie wichtig es in Konflikten ist, sich selbst zu beobachten. „Ich bin eher impulsiv und reg mich schnell auf und muss daran arbeiten, andere Techniken anzuwenden“, sagt sie.

Auch Peter Müller will die nächste Auseinandersetzung anders anpacken. Ob mit seiner Frau oder mit der Familie, mit einem Kollegen oder einem Fremden: Egal. „Ich gehe aus der Schusslinie und fasse zusammen, was der andere sagt. Aber ich werde auch einfordern, dass er mich versteht“, sagt Müller.

Eine andere Teilnehmerin bringt auf den Punkt, was wohl alle an diesem Tag bewegt hat. „Ich habe die Erkenntnis gewonnen, dass die Demokratie oft sehr viel duldsamer ist, als ich es bin.“ Darum ist es vor allem ihr Verhältnis zur Demokratie, über das sie zu Hause nachdenken möchte.
(Monika Goetsch)

*Name von der Redaktion geändert

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Kommentare (1)

  1. Wolfgang Fänderl am 23.09.2018
    Vielen Dank Frau Götsch für Ihren Bericht. Der Blick aus Sicht der Seminarteinlehmenden macht deutlich, durch welche Phasen man_frau geht, um mit Stammtischparolen besser umgehen zu können. Wir hatten durch den Rahmen von 6 Stunden auch ausreichend Zeit, diese Impulse von Prof. Hufer und meinem Kollegen Dr. Boeser-Schnebel mit Übungen aus Kommunikationstrainings und viel Selbsterfahrung zu kombinieren. Ein wirklich rundes Seminar!

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