Leben in Bayern

Thomas Zschocke engagiert sich bei der europäischen Bürgerinitiative „Pulse of Europe“ – auch als Redner bei Kundgebungen. (Foto: privat)

14.09.2018

"Wisch, wisch, wähl!"

Der Münchner Politikstudent Thomas Zschocke hat eine Wahl-App mitentwickelt – das Ziel: Jungen Menschen die Landtagswahl schmackhaft machen

Thomas Zschocke wischt auf seinem Smartphone hin und her, links, rechts, rechts, links, rechts. Der Politikstudent nutzt aber nicht die Dating-App Tinder, sondern lässt sich von der App WahlSwiper eine Wahlempfehlung geben. Die App funktioniert ähnlich wie der Wahl-O-Mat im Internet, bei dem Nutzerinnen und Nutzer zu verschiedenen Wahlkampfthesen Stellung beziehen können. Die Unterschiede liegen zum einen in der Handhabung: Um zuzustimmen, wischt man nach rechts, um abzulehnen, nach links. Zum anderen können sich die Nutzer zu jeder These ein kurzes Erklärvideo mit Informationen ansehen. „Sie sollen schließlich auch etwas lernen“, sagt Thomas und lacht.

Zum ersten Mal kam die App bei der Bundestagswahl 2017 zum Einsatz. Initiiert wurde das Projekt von der Berliner Digitalagentur Movact. Gesucht wurden in erster Linie Programmierer und Videoredakteure. Doch Zschocke konnte sich mit seinem Know-how aus der Politikwissenschaft einbringen. Fragen wie „Muss Bayern mehr Anreize für die Nutzung erneuerbarer Energien schaffen?“ oder „Sollen Geschäfte in Bayern länger geöffnet bleiben dürfen?“ gibt es jetzt in der bayerischen Version zur Landtagswahl. Auch Fragen zur Mietproblematik oder dem Polizeiaufgabengesetz sind mit dabei.

Gemeinsam mit der Studentin Laura Nemeth kümmerte sich Zschocke um das Herz der App. „Zu zweit haben wir die Wahlprogramme aller Parteien durchgearbeitet“, erzählt er. Um die richtige Balance zwischen den Parteien zu wahren, wurden über 100 Themen methodisch ausgewertet und zum Schluss die 30 relevantesten herausgenommen. Relevant heißt für den 28-Jährigen: was jungen Menschen gerade unter den Nägeln brennt. Daraus entwickelte das Duo Fragen, die sie an die Parteien weitergaben. Parallel arbeitete das Video-Team an den erklärenden Clips. Seit wenigen Tagen steht der WahlSwiper zur Landtagswahl zum kostenlosen Download im iTunes- und Android-Store zur Verfügung.

Geschockt davon, wie viele nicht wählen

Ausschlaggebend für Zschockes Engagement war der Brexit vor zwei Jahren. „Dass gerade so viele junge Leute nicht zur Wahl gegangen sind, hat mich schockiert“, sagt er. Er bewarb sich mit Erfolg bei der Europäischen Kommission als EU-Ambassador an der Uni München und hielt Reden bei den Kundgebungen der proeuropäischen Bürgerinitiative „Pulse of Europe“. „Dass europäische Nationen, die sich über Jahrhunderte bekriegt haben, nun gemeinsam arbeiten, ist eine unglaubliche Errungenschaft der Menschheit.“ Doch leider sind nicht alle jungen Menschen so engagiert wie der 28-Jährige. In Deutschland war die Beteiligung bei der Bundestagswahl 2017 in der Altersgruppe der 21- bis 25-Jährigen am niedrigsten. Mit dem WahlSwiper will Zschocke daher zeigen, dass Wählen Spaß macht.

„Viele denken, mit ihrer Stimme nichts bewirken zu können“, erklärt Zschocke. „Es scheitert nicht nur an der fehlenden Meinung, sondern vielen fehlt auch das Interesse und das Gefühl für die Wichtigkeit davon.“ Dabei hätten die Nichtwähler 2017 die größte Fraktion im Bundestag abgegeben. Bei Studierenden kommt sicherlich noch hinzu, dass viele im Auslandssemester nicht rechtzeitig daran denken, die Briefwahlunterlagen zu beantragen. Zschocke kennt das Problem, hat er doch selbst Auslandssemester an der Columbia University in den USA und an der Peking University in China absolviert. „Dass wir wählen dürfen, ist aber ein Privileg“, mahnt er.

Zschocke engagiert sich auch bei den Global Shapers in München. Das globale Netzwerk, das das Weltwirtschaftsforum ins Leben gerufen hat, veranstaltet im Herbst eine Podiumsdiskussion zur Landtagswahl. Die Mitglieder konnten die jüngsten Landtagskandidaten der Parteien überzeugen, interessierten Jugendlichen Mitte September Rede und Antwort zu stehen. „Das wird richtig interessant, weil die Gespräche mit jungen Kandidaten viel ehrlicher sind und offen diskutiert wird“, erzählt Zschocke. Außerdem sollen die Zuhörer stärker als in solchen Formaten üblich interaktiv mit einbezogen werden.

 Ob sich die viele ehrenamtliche Arbeit für Zschocke gelohnt hat, wird sich nach der Wahl am 14. Oktober zeigen. Er ist aber zuversichtlich: Vor der Bundestagswahl wurde WahlSwiper eine halbe Million Mal heruntergeladen. „Die Resonanz war überwältigend“, freut er sich. Auf einen ähnlichen Erfolg hofft er nun bei der Landtagswahl.

Aber auch für die Zeit nach Oktober hat er schon einen Plan. Gemeinsam mit proeuropäischen Mitstreitern aus anderen Ländern will er den WahlSwiper in verschiedenen Sprachen für die Europawahl entwickeln – für alle 27 Länder. „Dafür werde ich wohl noch viel mehr Parteiprogramme lesen müssen“, sagt Zschocke und lacht. (David Lohmann)

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