Ein Stück Brot kann heilen. Es kann den ärgsten Hunger stillen. Und sein Duft riecht nach Zuhause, nach Frieden und nach Normalität. Reiner Dietl aus Elisabethszell hat in der Ukraine über 130 000 Brote gebacken. Der einzige Lohn des Bäckermeisters ist die Dankbarkeit der Menschen. Am 24. Februar vor vier Jahren marschierte Russland in die Ukraine ein. Nur sechs Tage später war Reiner Dietl schon da, um zu helfen. Inzwischen hat er 22 Hilfstransporte organisiert, über 400 Menschen aus dem Kriegsgebiet in Sicherheit gebracht und zwei rollende Backstuben in Nikopol und in Mykolajiw aufgebaut.
Dietl ist ein g’standener Niederbayer mit eigener Bäckerei und Lebensmittelladen im Bayerwaldort Elisabethszell. Seine Hände sind groß und können zupacken, sein Händedruck beherzt. Ein Mann wie ein Baum, aber einer mit einem ganz weichen Herzen. Schon vor Jahren adoptierte er einen jungen Afghanen und nahm ihn wie einen Sohn auf.
300 Meter lange Warteschlangen
Als der Krieg in der Ukraine begann und Dietl das Leid und Entsetzen der Menschen sah, konnte er nicht in seinem Heimatort verweilen. Er wollte sein Brot auch woanders backen, um zu helfen. Also rüstete er einen Anhänger der Schweizer Armeebäckerei auf, mit Strom, Backöfen und ein wenig Platz, um Backwaren herzustellen. Ein weiterer sollte folgen. Selbst wenn der Bäckermeister nicht selbst vor Ort ist, wird dort für die Menschen gebacken. Manchmal ist die Schlange der Menschen, die anstehen, mehr als 300 Meter lang.
Dietl hat in den vergangenen vier Jahren viel gesehen. Hunderte Waisenkinder, die in Sicherheit gebracht werden mussten, weg von der Front. Er hat mitbekommen, dass sein Bäcker-Kollege Oleksandr von einem Späher auf der Straße nach seinen Papieren gefragt und sofort in den Krieg geschickt wurde. Er hat sich mit seinem Auto verfahren und wäre fast den Russen in die Hände gefallen. Und er kennt den Ton, wenn sich ein Luftalarm ankündigt – was fast rund um die Uhr der Fall ist.
Dietl sitzt in seiner warmen Stube in Elisabethszell und denkt an die Kälte des ukrainischen Winters. Er nimmt sein Handy zur Hand, auf dem eine App installiert ist. „Ich wette, es ist gerade Luftalarm“, sagt er und scrollt sich durch die Ortschaften. Dann nickt er: „Ja, ich hatte recht.“ Auch wenn er zwischendurch in Niederbayern ist, um neue Hilfsgüter zu sammeln – mit dem Kopf und mit dem Herzen ist er immer wieder im Kriegsgebiet. Auch zwei Pflegekinder hat er mit nach Hause genommen und kümmert sich hingebungsvoll um sie, auch wenn der Umgang mit zwei pubertierenden Brüdern nicht immer ganz leicht ist und selbst einen gelassenen Menschen wie ihn bisweilen an die Grenzen der Geduld bringt.
Sechs Tage nach Kriegsbeginn an der Grenze
Sechs Tage nach Kriegsbeginn war Dietl schon an der Grenze, auf der polnischen Seite. Er hatte einen ganzen Lieferwagen voller Medikamente, Lebensmittel, Kleidung und Hygieneartikel dabei, um zu helfen. Drei Wochen später folgte die nächste Tour mit dem ersten Grenzübertritt. Damals hat es 3 Stunden gedauert, bis sie passiert war.
Inzwischen hat er sie oft überquert, die Zahl der Helfer ist immer größer geworden und auch die Anzahl der Freunde, die er in der Ukraine gefunden hat. „Was ich dort nach Kriegsbeginn erlebt habe, vergesse ich mein ganzes Leben nicht mehr“, sagt er mit feuchten Augen. „Wenn man dort ist, reißt es einem das Herz heraus.“
Die eigene Sicherheit stellt er dann manchmal in den Hintergrund. „Die krasseste Situation war ein Luftalarm an der Grenze. Wir haben gesagt: Raus aus dem Auto, nur raus aus dem Auto“, blickt er zurück. Es ist alles noch einmal gutgegangen. Dennoch ist er wiedergekommen, ein ums andere Mal. Und es gab Menschen, die ihm gesagt haben: Es ist egal, was du mitbringst. Hauptsache, du kommst.
Vier Jahre Krieg – das geht an den Menschen nicht spurlos vorbei. Reiner Dietl hat die Veränderung genau beobachtet: „Sie sind müder geworden, mutloser, trauriger.“ Die Kinder starren nicht selten mit müdem Blick vor sich hin, ins Nichts. Wenn er es dann schafft, sie herauszuholen, und sie lächeln, dann ist das sein schönster Lohn. Dennoch ist die Situation desolat.
„Russland nutzt derzeit die Kälte aus und macht die ganze Energieversorgung kaputt“, hat der 56-Jährige beobachtet. „Es ist momentan ein Zermürbungskrieg.“ Dennoch hat er eine Umfrage gesehen, in der 70 Prozent der Bevölkerung dagegen sind, sich jetzt zu ergeben. „Die Ukrainer wissen genau, was dann kommt, dass Russland nicht aufgeben, sondern weitermachen wird.“
Auch wenn der Luftalarm inzwischen zum Leben gehört, so traurig es auch sein mag – die Menschen im Kriegsgebiet passen auf, hat der Niederbayer beobachtet. Sie verlassen Häuser und Wohnungen nur, wenn es unbedingt notwendig ist. Auch die Kinder müssen drinbleiben, wenn es nicht sicher ist. Das zehrt an den Nerven und schlägt sich auf die Seele.
„Die größten Verlierer sind die Kinder und es gibt keine Aussicht, dass sich irgendetwas ändert“, sagt Reiner Dietl und schluckt. Für ihn war die krasseste Situation, während eines vierfachen Alarms mit Artillerie, Raketen, Drohnen und Scharfschützen in der rollenden Bäckerei in Nikopol zu bleiben, weil gerade 400 Brote für die hungernde Bevölkerung im Ofen waren.
Oft ist er gefragt worden, warum er das macht. Warum er sein Geschäft daheim immer wieder für eine Woche verlässt und die vielen Kilometer fährt, sich selbst in Gefahr bringt und denjenigen hilft, die nicht seine Landsleute sind. Der Bäcker braucht sich seine Antwort nicht zu überlegen, sie kommt wie aus der Pistole geschossen: „Weil ich dort Menschen kennengelernt habe, die für mich keine Nummern sind.“ Besonders die Kinder, darunter viele Waisen, sind ihm sehr ans Herz gewachsen.
„Sie sind müder und mutloser geworden“
Über 100 000 Euro an Spenden hat er schon gesammelt und viele Transporter mit Gütern über die Grenze gebracht. Am liebsten aber tut er das, was er gelernt hat und wofür sein Herz brennt: Brot backen. Vier Jahre nach Kriegsbeginn ist Reiner Dietl noch immer unterwegs zwischen Elisabethszell und der Ukraine. Er weiß, dass er den Krieg nicht beenden kann. Aber er weiß auch, dass er etwas tun kann. Dass Mitgefühl kein Gefühl bleiben muss, sondern eine Entscheidung ist.
Wenn er seinen Anhänger wieder betritt, wenn er Mehl, Hefe und Wasser mischt, dann ist das keine große politische Geste. Es ist etwas viel Einfacheres – und vielleicht gerade deshalb so Kraftvolles: ein Zeichen, dass Menschen füreinander einstehen, auch über Grenzen hinweg.
Und solang in Nikopol oder Mykolajiw der Ofen angeheizt wird, solang jemand ansteht, um ein frisches Brot in den Händen zu halten, ist das mehr als nur Nahrung. Es ist die Gewissheit, nicht vergessen zu sein. (Melanie Bäumel-Schachtner)
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