Leben in Bayern

Auch heute noch drücken Menschen ihre Gefühle mit Liebesgedichten aus. Gedichtbände sind allerdings im Buchgeschäft Ladenhüter. (Foto: dpa/imageBROKER/our-planet.berlin)

13.02.2026

Zum Valentinstag: Wer braucht heute noch Liebesgedichte?

Zum Valentinstag am 14. Februar: Welchen Stellenwert hat die Lyrik heutzutage? Die Staatszeitung hat sich umgehört

Sie handeln von Verletzung und Leidenschaft, von Herz und Schmerz, von dem Wunder des Geliebtwerdens und dem Horror des Abschieds: Zigtausende Gedichte sprechen davon, wie unerschöpflich das Phänomen „Liebe“ ist. Doch welchen Stellenwert haben Liebesgedichte heutzutage noch? Eine Umfrage unter Fachleuten.

Peter Würl aus Kaufbeuren ist gerade dabei, ein neues Liebesgedicht zu schreiben. Das wird er seiner Lebensgefährtin anlässlich des Valentinstags am 14. Februar schenken. Seit 36 Jahren sind die beiden zusammen. Und bis heute in Liebe verbunden. Am Dichten fasziniert den 79-jährigen Poeten aus dem Allgäu die Suche nach Worten für das, was er empfindet, das Erspüren und Festhalten subtilster Empfindungen ist für ihn stets ein neues Abenteuer.

Menschen wie er, deren Gefühlsleben in ständiger Bewegung ist, kann der Stoff zum Dichten auch nie ausgehen. Wobei auch das äußere Leben des Literaten bewegt war. Nicht zuletzt in puncto Liebe: „Meine erste Frau starb an Krebs, meine zweite ließ sich scheiden, jetzt bin ich mit meiner dritten Frau zusammen.“

Psychisch kranken Straftätern mangelte es massiv an Liebe

Nach 36 Jahren des Miteinanders bedeutet Liebe für Peter Würl heute vor allem: eine tiefe Verbundenheit zu spüren. Bei seiner Frau darf er der sein, der er ist. Wichtig bleibt, auch nach einem Tiefschlag weiter an die Liebe zu glauben. Sich abermals emotional einzulassen auf einen anderen Menschen, auch wenn man die schreckliche Erfahrung gemacht hat, dass jemand, den man liebt, stirbt. Oder geht.

Was das mit Menschen macht, wenn sie keine Liebe mehr erfahren, erlebte Peter Würl während seiner beruflichen Tätigkeit in einer Forensik. 13 Jahre lang hatte er es mit psychisch kranken Straftätern zu tun. Eines war allen gemeinsam: Es hatte ihnen bisher massiv an Liebe im Leben gemangelt.

Kornelia Koepsell ist Psychoanalytikerin und Lyrikerin aus Höchberg bei Würzburg. In ihrer Praxis erlebt sie, was die zunehmende Individualisierung, Selbstoptimierung und Vereinsamung mit Menschen macht. Bei Weitem nicht jeder hat am Valentinstag jemanden, dem er eine Rose oder ein Liebesgedicht schenken könnte.

Koepsell schreibt seit Jahren Liebesgedichte. Viele Fragen bewegen sie dabei: Wie kann man heutzutage über Liebe sprechen? Darf man noch an Treue glauben? Ist der Verlust eines geliebten Menschen mit psychologischer Begleitung wirklich leichter zu ertragen? Von Liebe zu schreiben ohne Kitsch, Überzeichnung oder Pathos, ist alles andere als einfach. Dichter sollten es jedoch unbedingt versuchen, findet Kornelia Koepsell: „Liebesgedichte sind wichtiger denn je.“

Die Kunstform an sich ist sehr alt, erklärt Literaturwissenschaftler Stefan Elit von der Uni Paderborn. Die ältesten Liebesgedichte ordnet Elit der griechischen Lyrikerin Sappho zu, die vor mehr als 2600 Jahren auf der Insel Lesbos lebte. Von ihrem vermutlich großen liebeslyrischen Werk sind nur kleine Teile überliefert: „Die faszinieren immer noch durch ihre Intimität.“
Erhalten geblieben sind von ihr und anderen klassischen Lyrikern auch wesentlich formelhaftere Gedichte zum Thema Liebe, so Stefan Elit: „Die kommen uns heute fremd oder zumindest sehr traditionell vor.“

Die geheimnisvolle Bedeutung einzelner Zeilen in Liebesgedichten auf sich wirken zu lassen, das liebt die Würzburger Buchhändlerin Petra Pohl. „Ein gutes Gedicht transportiert Gefühle in Sekunden und lässt uns erhaben fühlen“, sagt sie. Für sie selbst gibt es nichts Romantischeres als Liebespoesie.

Allerdings weiß sie, dass sie damit relativ alleine steht: „Wenn ich jeden Monat einen Lyrikband verkaufe, ist das schon fast zu hoch gegriffen.“ Trotzdem gestaltet sie eine kleine lyrische Ecke in ihrem Buchladen: „Ich hoffe, dass das Gedicht als eine der reinsten Formen des Schreibens nicht stirbt, wie arm wären wir sonst!“

Lyrikkurse sind tatsächlich begehrt

Liest Peter Würl im Allgäu aus seinen Gedichtbänden, hat auch er Glück, wenn eine etwas größere Gruppe von Personen zusammenkommt und lauscht: „Lyrik ist nun mal eine besondere Schreibform, das interessiert nicht so viele.“ Vor allem haben die Leute tausend andere Dinge zu tun. Oder aufgrund von Sorgen keinen Kopf für Poesie.

Würl versteht das. Im Moment kreist sein eigenes Dichten auch mehr um politische Geschehnisse als um die Liebe. Der 79-Jährige hat konkret Angst, dass Krieg ausbricht. Sein Anschreiben gegen den Krieg sieht er im direkten Zusammenhang mit seinem Liebeslyrik-Schaffen: „Es braucht Frieden als Voraussetzung für die Liebe.“

Gerade in kalten, konflikthaften Zeiten sind Liebe und Lyrik für die Regensburger Schriftstellerin Barbara Krohn von enormer Bedeutung. Bis zu zehnmal im Jahr liest sie öffentlich aus ihren Gedichtbänden. Keine Lesung ohne mindestens ein Liebesgedicht. Gleichzeitig bietet sie Lyrikkurse an. Bis zu vier im Jahr. Die sind begehrt. Offenbar drängt es Menschen danach, sich mit den künstlerischen Mitteln der Poesie auszudrücken. Aus ihren Kursen weiß Krohn allerdings, dass es Anfängern leichter fällt, ein Gedicht über das Scheitern einer Liebe zu schreiben als über die Liebe selbst.

Harald Grill, Dichter aus der oberpfälzischen Gemeinde Wald, ist dagegen ein Profi. Der 74-jährige Poet fand vor vielen Jahren über die Auseinandersetzung mit dem Thema Heimat zu Liebesgedichten. Das passt für ihn auch gut zusammen: „Verliebtsein bedeutet die Suche nach einem festen Hafen“, sagt Grill. Bis heute schreibt er Liebeslyrik. Der Valentinstag ist für ihn eine schöne Möglichkeit, den Fokus mal wieder auf Liebesgedichte zu lenken.

Poesie funktioniert auch gut in Mundart

Grill hat sich einer speziellen Kategorie von Liebesgedichten verschrieben: Er verfasst sie in Mundart. Dadurch entsteht aus seiner Sicht größere Nähe als auf Hochdeutsch: „Im Dialekt kann man Sachverhalte nicht abstrakt beschreiben.“ Bei seinen Lesungen trägt er seine Gedichte oft zwei- oder dreimal vor, und zwar immer mit einem anderen Duktus: einmal nüchtern, einmal mit Betonung auf bestimmten Worten und ein drittes Mal mit Pausen an Stellen, die er zuvor pausenfrei rezitierte. Jedes Mal gibt es so Neues zu entdecken.

Eine dieser Lesungen wird Harald Grill nie vergessen: „Eine Zuhörerin bat mich, ob ich ein Gedicht noch mal im Dunkeln vortragen könnte.“ Harald Grill ließ das Licht ausknipsen. Dann präsentierte er das Liebesgedicht im dunklen Raum. Die Frau – so sah er später – saß andächtig da. Einige im Publikum mussten allerdings kichern, als das Licht ausging und es schummrig wurde. Und die Rede von Liebe war. (Pat Christ)
 

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