Leben in Bayern

Sugendran Veluppillai hält er seit 18 Jahren nachts den Betrieb an einer großen Augsburger Tankstelle am Laufen. (Foto: Lino Mirgeler/dpa)

05.09.2019

Zwischen Eis, Zahnpasta und Diesel

Bayern bei Nacht: Immer in Betrieb, 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Tankstellen gehören zu den wenigen Unternehmen, die nie schließen. Doch Benzin und Diesel stehen nicht immer im Fokus der Kunden

Die Uhrzeiger wandern Richtung Mitternacht, doch an der Tankstellenkasse am Rande der Augsburger Innenstadt bilden sich trotzdem immer wieder kleine Schlangen. Ein Kunde will ein Salamibrot, der nächste Bier, der dritte Zigaretten und eine junge Frau steht für eine Cola an. Gelegentlich will auch ein Autofahrer seinen Sprit bezahlen. Kassierer Sugendran Veluppillai bleibt immer freundlich, immer gut gelaunt und hat immer einen Scherz auf den Lippen. Eine Kundin fragt, ob er eine Tüte habe. "Ich habe alles, außer Geld", witzelt er und packt den Einkauf in die Tüte.

Viele Tankstellen sind längst zu 24-Stunden-Betrieben geworden, haben 365 Tage im Jahr geöffnet. In der Nacht geht die Bedeutung als Zapfstelle von Benzin und Diesel allerdings zurück. "Getankt wird schon auch, aber nicht so viel wie unter Tags", sagt Veluppillai. Dafür gewinnen andere Funktionen der Tankstellen an Bedeutung: Treffpunkt für Jugendliche, Tante-Emma-Laden und Laufsteg für die Tuningszene mit ihren aufgemotzten Autos.

Die "Esso"-Station, die Veluppillai seit 2001 nachts in Betrieb hält, ist wegen der Nähe zum Zentrum in Augsburg besonders für die späte, schnelle Besorgung interessant. Von Tiefkühl-Pizza über Chips bis Zahnpasta und Tierfutter findet sich in den Regalen fast ein komplettes Supermarkt-Sortiment. Da wundert es auch nicht, wenn ein Paar beim nächtlichen Spaziergang mit dem Hund einen Abstecher an die Tiefkühltruhe der Tanke macht und sich schnell zwei Eis am Stiel herausfischt - die Eisdielen der Stadt haben da längst geschlossen.

Viele der Kunden kennt der 52-jährige Kassierer schon lange. Man duzt sich, manchmal wird auch ein wenig privat geplaudert. "Das ist ideal in der Nacht, da hat man Zeit für sowas", erklärt Veluppillai. "So ist es nicht langweilig." Wenn spät in der Nacht die Kundenfrequenz dann deutlich geringer ist, ist er mit Aufgaben wie dem Nachfüllen der Regale beschäftigt. "Ab 3.00 Uhr kommen die neuen Zeitungen."

Der Familienvater kam 1985 als Flüchtling nach Deutschland

Insgesamt ist der Familienvater, der 1985 als Flüchtling aus Sri Lanka nach Deutschland kam, fast schon drei Jahrzehnte an der Tankstelle beschäftigt. 1990 fing er dort mit einem Nebenjob an, einige Jahre später arbeitete er zunächst fest in der Tagesschicht. Seit mittlerweile 18 Jahren ist er der Mann in der Nacht.

Zu dieser Zeit ist Veluppillai zwar der einzige Stationsmitarbeiter, doch alle paar Tage kommt dann noch jemand anderes zum Arbeiten. Tanklastwagenfahrer Manfred Börner hat in einer Raffinerie bei Ingolstadt geladen und füllt nachts mehr als 30 000 Liter Treibstoff in die Stationstanks in Augsburg. Während einer Zwölf-Stunden-Schicht schafft er gerade mal zwei Tankstellen, zu groß sind die Entfernungen zwischen den Kunden. Heute hat er erst in Neumarkt in der Oberpfalz geliefert, dann ging es ins rund 150 Kilometer entfernte Augsburg.

In Augsburg fürchtet Börner insbesondere die Abende, wenn die Eishockey-Cracks der Augsburger Panther ein Heimspiel haben. "Das ist eine Katastrophe, da kommt man mit dem Lkw gar nicht mehr rein", sagt der Fernfahrer. Denn die Tankstelle liegt nur ein paar Hundert Meter vom Stadion entfernt. Nach Spielende schnellt bei Veluppillai der Umsatz in die Höhe, denn viele Fans nutzen die letzte Einkaufsgelegenheit vor dem Schlafengehen.

Die Polizei hat manche Tankstelle besonders im Blick

Auch die Polizei hat manche der Rund-um-die-Uhr-Tankstellen besonders im Blick. Denn oft gibt es Probleme mit Tuningfans, die hier gerne in den Abend- und Nachtstunden mit PS-starken Autos protzen. "Früher gab es die Tuner hier auch, aber jetzt nicht mehr", sagt Veluppillai. Die Szene sei an eine Station mit mehr Platz am Stadtrand abgewandert.

An solchen Tuner-Treffpunkten wurde schon so manches illegale Autorennen verabredet. Beispielsweise starteten am 14. Oktober 2017 an der Augsburger Szene-Tankstelle neben der autobahnähnlichen Bundesstraße 17 drei Männer zu einem Straßenrennen. Einen Tag zuvor war gerade ein neues Strafgesetz gegen solche Rennen in Kraft getreten, bis dato handelte es sich nur um Ordnungswidrigkeiten. Eine Zivilstreife beobachtete das Trio und nahm das verbotene Kräftemessen auf Video auf. Der Fall landete vor Gericht, die Raser verloren ihre Führerscheine und kassierten saftige Geldstrafen.

Doch trotz der gesetzlichen Strafverschärfung haben die Ordnungshüter nach wie vor mit dem Treiben ihre Probleme. Die Treffpunkte der "Auto-Poser-Szene" würden regelmäßig kontrolliert, erklärt Isabel Deubler vom Augsburger Polizeipräsidium. Heuer seien in Augsburg und anderen nordschwäbischen Städten schon 20 verbotene Rennen angezeigt worden. "Im Vergleichszeitraum des Vorjahres wurden 16 Fälle aktenkundig", erklärt sie. Es scheint also nicht so, dass die härteren Strafen besonders abschreckende Wirkung haben.
(Ulf Vogler, dpa)

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