Das Anforderungsprofil:
Ganz praktisch gesehen muss ein Kandidat oder eine Kandidatin für Union und SPD wählbar sein – sie haben die Mehrheit in der Bundesversammlung, die den Präsidenten wählt. Meinungsstarke Kandidaten, die auch mal Unpopuläres aussprechen, haben also eher schlechte Karten. Vergangene Präsidenten blieben indes eben nicht durch unauffälliges Nettsein in Erinnerung, sondern durch prägende Reden und bedeutsame Entscheidungen innerhalb ihrer Befugnisse: Auflösung des Bundestags, Ausrufung von Neuwahlen, die Ablehnung von Gesetzen wegen verfassungsrechtlicher Bedenken. Von politischer Seite wird häufig der Wunsch nach einer weiblichen Kandidatin geäußert – eine Umfrage stützt dieses Begehren aber nicht.
Die aussichtsreichtsen Kandidat/innen:
Das Auftauchen von Boris Rhein (54) auf dem Kandidatenkarussell erinnert an Christian Wulff 2010. Auch damals drängte sich in der CDU niemand auf, also sollte es ein gestandener Ministerpräsident richten. Seit 2022 ist Rhein Regierungschef in Hessen, davor war er lange Minister und drei Jahre Landtagspräsident. Weil Rhein zudem Jurist ist, würde er nahezu perfekt in das traditionelle Suchprofil passen. Er wäre der „Keine Experimente“-Kandidat.
Karin Prien (61) wäre in zweifacher Hinsicht ein Novum: als erste Frau und erstes Staatsoberhaupt mit jüdischen Wurzeln. Die Rechtsanwältin aus Schleswig-Holstein zählt zum liberalen Flügel der CDU. Dass sie sich das Amt zutraut, ist bekannt, wenngleich sie offiziell zu möglichen Ambitionen schweigt. Weil sie als Bundesbildungsministerin gerade das Elterngeld kürzt, ist Prien derzeit in der Bevölkerung eher unpopulär.
Mit Monika Grütters (64) bekäme das Land ein reichhaltiges Paket. Politikerin, Wissenschaftlerin, Kulturkennerin und engagierte Laien-Katholikin, die mehr für Reform als für Rom steht. Die Liste ihrer Politik- und Ehrenämter reicht für drei Leben. In den Vordergrund hat sie sich nie gespielt, aber einen eigenen Kopf bewahrt. An eines müsste man sich gewöhnen: Es gäbe nicht nur keine „First Lady“ mehr, sondern auch keinen „First Husband“. Grütters ist ledig.
Ilse Aigner (61) hat selbst bei SPD und Grünen Unterstützer, weshalb sie Vielen als wahrscheinlichste Lösung gilt. Mit ihrer Everybody’s Darling-Ausstrahlung hat die gelernte Elektrotechnikerin es sich tatsächlich noch mit niemandem ernsthaft verdorben. Das hat auch ihrer CSU-internen Karriere nicht geschadet, die sie in diverse Ministerinnenämter und zuletzt auf den Posten der Landtagspräsidentin führte. Gegen sie spricht ihr Parteibuch, denn viele CDUler sehen ein CSU-Mitglied nur ungern auf dem Präsidentenstuhl.
Die CDU-Frau Julia Klöckner (53) ist durchsetzungsfähig, von einnehmendem Wesen – und meinungsstark. Letzteres wurde der Politologin und amtierenden Bundestagspräsidentin bereits wiederholt angekreidet: Sie sei in ihrem Amt zu wenig neutral. Behauptete zumindest der politische Gegner. Dort kam beispielsweise Klöckners Weigerung, die Regenbogenflagge zum CSD auf dem Reichtstag zu hissen, schlecht an. Ebenso die Tatsache, dass Klöckner es gewagt hatte, ein CDU-Sommerfest in den Räumen von Frank Gotthardt abzuhalten – er ist Finanzier des rechtskonservativen Onlinemediums Nius.
Seit Monaten wird auch Annegret Kramp-Karrenbauer (64) als Kandidatin gehandelt. Die CDU-Frau war immer wieder für Überraschungen gut. Sie hatte verschiedene Spitzenämter inne, darunter Ministerpräsidentin des Saarlands und Verteidigungsministerin. Die Merkel-Vertraute verschwand 2021 aus der großen Politik. Durchsetzungsstark ist sie offenbar, denn im Januar 2026 schaffte sie es, Vorsitzende der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung zu werden. Dabei ließ sie Kanzler Merz alt aussehen, dessen Wunschkandidat durchfiel. Dass Merz ihre Präsidentinnenambition unterstützt, dürfte daher unwahrscheinlich sein.
Ein chancenloser Kandidat:
Weil Union und SPD in der Bundesversammlung über eine Mehrheit verfügen, haben Kandidaten anderer Parteien de facto wohl keine Chance - die BSZ stellt dennoch einen Promi unter den Außenseitern vor:
Bundeskanzler wollte er schon einmal werden – allerdings nur im Film. Viele kennen Hape Kerkeling in der Rolle des umtriebigen, stets peinlichen Lokaljournalisten Horst Schlämmer in der Politkomödie Isch kandidiere! Geht es nach der Linken-Bundestagsfraktion und über 120.000 Unterstützer einer Online-Petition soll der 61-jährige Komiker und Schauspieler nun tatsächlich kandidieren. Ob Kerkeling das überhaupt möchte, ist unklar – klar ist, dass der Moderator auch ernst sein kann. Im April hielt er, der Enkel eines Insassen, am KZ Buchenwald eine bewegende Rede, die im politischen Berlin gut ankam.
(Tobias Lill, Waltraud Taschner, Jürgen Umlauft)
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