Politik

Mädchentoilette in einer Schule. Nicht in allen Kulturen kennt man Sitzklos. Das sorgt mitunter für Probleme. (Foto: dpa, Julian Stratenschulte)

10.01.2026

Schwierige Integration: Wenn Schüler nicht wissen, wie man eine Toilette benutzt

Der Anteil von Kindern nichtdeutscher Herkunft in bayerischen Schulen ist deutlich gestiegen. Angesichts fehlender Pädagogen, zu großer Klassen und fehlender Sprachkurse führt dies zu erheblichen Problemen. Nicht jeder Schüler spricht ausreichend Deutsch, manche sind traumatisiert, andere kommen aus schwierigen Verhältnissen, wieder andere kennen die Gepflogenheiten hierzulande nicht. Eltern- und Lehrerverbände wünschen sich mehr Anstrengungen des Freistaats für ein gelungenes Miteinander

Von einem weit entfernten Land zu kommen, bedeutet, dass man völlig anderes gewohnt ist, man kennt andere Lebensmittel und andere Wohnverhältnisse, andere Gesundheits- und andere Bildungssysteme. In nicht wenigen Ländern sind zum Beispiel Sitztoiletten unbekannt. Gleiches gilt für Toilettenpapier. Pädagogen berichten, dass neu in die Schule integrierte Flüchtlingskinder das Schulklo nicht richtig handhaben können. Oder es gar nicht nutzen – was für alle eine ziemliche Herausforderung ist.

38 Prozent aller Schüler in Grund- und Mittelschulen haben Migrationshintergrund

Das allerdings ist nur eines von etlichen Problemen, die mit Sprachdefiziten, Kulturunterschieden, Unterschieden in der Wertvorstellung und im Bildungsverständnis zu tun haben. Hinzu kommt, dass Kinder, die Kriegsgeschehen miterlebten, traumatisiert sein können und sich entsprechend verhalten. Sie sind also keine „normalen“ Schüler, wie man sie bis 2015 kannte.

Mit all dem sind Lehrer überfordert. „Das Schulsystem ist in seiner aktuellen Systematik nicht in der Lage, die Herausforderungen unserer Zeit zu bewältigen“, sagt Florian Kohl, stellvertretender Landesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Lehrkräfte stünden permanent im Spannungsverhältnis von sanierungsbedürftigen Gebäuden, fehlendem Fachpersonal und der bitteren Erkenntnis, ihrem pädagogischen Anspruch nicht gerecht werden zu können.

Elternverband beklagt fehlende Deutschkurse

Nicht nur bei der GEW ist der Kummer groß. Auch Martin Löwe, Landesvorsitzender des Bayerischen Elternverbands, beklagt zu geringe Integrationsbemühungen. „Uns drängt sich nicht der Eindruck auf, dass die Integration nichtdeutschsprachiger Kinder ein für den Freistaat prioritäres Anliegen wäre“, sagt er. Zwar gebe es nun eine verpflichtende Sprachstanderhebung eineinhalb Jahre vor der Einschulung. Wird festgestellt, dass ein Kind schlecht Deutsch spricht, soll es einen Deutschkurs besuchen: „Allerdings gibt es keinen Rechtsanspruch auf einen Platz.“ Nach den Erkenntnissen des Elternverbands reichen die Kapazitäten für den neuen „Vorkurs Deutsch 240“ nicht aus.

Dass es Schwierigkeiten gibt, stellt Bayerns Kultusministerium nicht in Abrede. Es bietet Lehrerfortbildungen zum Umgang mit Kindern aus eingewanderten Familien an. Laut Ministerium haben 38 Prozent aller Schüler in bayerischen Grund- und Mittelschulen einen Migrationshintergrund. In fast jeder dritten Grund- oder Mittelschulklasse beträgt ihr Anteil über die Hälfte. In manchen Klassen sitzen ausschließlich Schülerinnen und Schüler, deren Eltern nicht aus Deutschland stammen. Meist, aber nicht immer, handelt es sich um spezielle Deutschklassen. Der Gesamtanteil der Kinder mit Migrationshintergrund stieg seit September 2022 in jedem Schuljahr um rund einen Prozentpunkt.

Deutsche Kinder mobben ausländische, ausländische deutsche

Dass zum Teil ziemlich ungünstige Verhältnisse an Schulen herrschen, davon berichtet auch Norman Heise, Vorsitzender des Bundeselternrats. Elternvertreter, erklärt er, nehmen wahr, dass die multikulturelle Situation an Schulen vermehrt zu Mobbing führt, und zwar gegenseitig: Deutsche Kinder mobben ausländische, ausländische deutsche. Belastbare Statistiken gebe es nicht: „Die bekannten Kinder- und Jugendstudien aus dem Onlinebereich zum Schwerpunkt Cybermobbing gehen nicht auf kulturelle Herkünfte ein.“

GEW: Feindlichen Einstellungen gegenüber islamischen Kindern

Das Kultusministerium erhebt nach eigenen Angaben keine Daten zu Gewalttaten an Schulen. Nicht zuletzt unterschiedliche Glaubens- und Wertvorstellungen führen zu Animositäten, gegenseitiger Verachtung oder schwierigen Konflikten. Florian Kohl von der GEW erfährt zum einen von feindlichen Einstellungen gegenüber islamischen Kindern: „Weil von deutscher Seite aus gern übergeneralisiert wird.“ Aber auch umgekehrt gibt es sehr viel Konfliktstoff. Zum Beispiel, weil ein Vater kein Gespräch mit einer Lehrerin führen will. Muslimische Mädchen dürften zum Teil nicht am Schwimmunterricht teilnehmen oder es wird ihnen von daheim verboten, mit ins Schullandheim zu fahren. Alles andere als unbekannt sei Lehrkräften eine ganz allgemeine, offene Ablehnung von Homosexualität.

BLLV fordert mehr Fortbildungen

Angesichts der vielfältigen Probleme bräuchte es noch viel mehr Fortbildungen, findet Manuel Sennert, Vorstand des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV) im Bezirk Oberpfalz. Das sei jedoch in Zeiten des Personalmangels schwer zu realisieren. „Die Lehrkräfte sind jetzt schon oft am Ende ihrer Kräfte“, bestätigt er. Ein weiteres Problem ist die Tatsache, dass bei Elternabenden meist dieselben Eltern zugegen sind. Einige tauchen nie auf – und dabei handelt es sich nicht selten um Eltern, die nach Deutschland eingewandert sind und kaum Deutsch sprechen.

Das sagen Bildungsforscher

Mit welchen Schwierigkeiten gerade die Elternarbeit verbunden ist, davon berichtet auch der interkulturelle Bildungsforscher Hans-Joachim Roth aus Köln. „Oft wird in der Elternkommunikation die Kenntnis des deutschen Bildungssystems und seiner Gepflogenheiten schlicht vorausgesetzt“, sagt er der Staatszeitung. Irritierend und manchmal sogar einschüchternd für alle Eltern könne es wirken, werden sie beim ersten Elternabend gebeten, an Gruppentischen auf den kleinen Stühlen ihrer Grundschulkinder zu sitzen, während die Lehrkraft vorn am Pult thront. „Ich habe das als Vater selbst so erlebt“, erzählt er.

Die Elternarbeit könne verbessert werden, findet auch der Würzburger Bildungsforscher Heinz Reinders. Gute Elternarbeit könne Verhaltensprobleme entschärfen und die pädagogische Arbeit erleichtern. Für Reinders liegt hier ein entscheidender Ansatz, um den Problemknoten zu lösen. (Pat Christ)
 

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