Diese Geschichte beginnt in der Kaiserzeit mit dem 36-jährigen Hermann Wallich, der 1870 nach mäßig erfolgreichen Jahren in den Tropen und in China nach Berlin reist, um eine Stelle als Direktor einer neu gegründeten Bank anzutreten. Sie nennt sich selbstbewusst Deutsche Bank. Die Geschichte erreicht einen ihrer Höhepunkte mit einem seiner Nachfolger, Hermann Josef Abs, der die Deutsche Bank ab 1938 führt und zum einflussreichsten Banker der jungen Bundesrepublik avanciert. Die Verstrickung der Bank in den Nationalsozialismus kann ihm nichts anhaben.
Abs ist bestens vernetzt in Politik und Wirtschaft, berät Kanzler Konrad Adenauer und sitzt zeitweise in mehr als 30 Aufsichtsräten, von Siemens, Mercedes Benz, IG Farben und Lufthansa bis zum Bauunternehmen Holzmann und zur Metallgesellschaft. Abs ist eine Schlüsselfigur in Richters Erzählung vom Aufstieg und Fall der Deutschland AG, einer von 300 Männern, die die Wirtschaft in Deutschland und Europa über Jahrzehnte prägten und beherrschten. Abs personifiziert diese Deutschland AG. Als der Bundestag 1965 die Zahl der Mandate auf zehn begrenzte – “Lex Abs” genannt - kommentierte Abs halbironisch: keine andere Maßnahme habe so sehr zum Erhalt seiner Gesundheit beigetragen.
Werner von Siemens, Alfred Krupp, Gottlieb Daimler sind nur drei von 300
Richter greift die Beobachtung des AEG-Aufsichtsratsvorsitzenden Walther Rathenaus von 1909 auf, wonach „dreihundert Männer“ die wirtschaftlichen Geschicke Europas bestimmten. Von den Gründern der Industrialisierung bis zu den Managern der Globalisierung verfolgt er die Netzwerke aus Unternehmern, Bankiers und Industriellen. Im Mittelpunkt stehen neben Abs Männer wie Werner von Siemens, Alfred Krupp, Gottlieb Daimler, Hugo Stinnes, Berthold Beitz und Alfred Herrhausen. Gelistet sind nicht 300 Männer; der Titel ist eine Metapher für die Wirtschaftsmacht. Am Ende der Deutschland AG stehen Ron Sommer und Thomas Middelhoff.
Eigentlich – und das ist das Überraschende und beinahe Literarische – beginnt diese Geschichte im Prolog mit Brahms und seiner ersten Sinfonie. Denn Richters Buch handelt nur auf den ersten Blick von Banken, Stahlwerken, Chemiekonzernen und Aufsichtsräten. Die eigentliche Erzählung beschreibt eine bestimmte deutsche Kultur von Ordnung, Organisation, Langfristigkeit und institutioneller Kontinuität. In diesem Sinne handelt das Buch von derselben Welt, aus der auch Johannes Brahms hervorging als Teil einer Epoche, die an dauerhafte Formen glaubte.
Den deutschen Klang gibt es nicht mehr
Richter betont: In der klassischen Musik gebe es etwas, das als deutscher Klang wahrgenommen werde. Weich und dunkel. Ein intransparentes Konglomerat verschiedener Stimmen, die zu einem größeren Ganzen verschmelzen. Auch in den Aufsichtsräten und Vorständen, in den Betriebsräten und Belegschaften deutscher Unternehmen habe es lange einen bestimmten Sound gegeben, der sich von der ausländischen Konkurrenz abhob. Diesen deutschen Klang gebe es nicht mehr. Die großen Unternehmen stellten, genau wie die Symphonien von Brahms, ein Stück deutscher Kultur dar. Diese Kultur habe einen Nachruf verdient.
Richter erhielt den Deutschen Sachbuchpreis und landete auf Platz drei der Spiegel-Bestsellerliste. Der Journalist ist zeitweise im Allgäu aufgewachsen, hat in Edinburgh und New York studiert und später beim Wall Street Journal in Brüssel gearbeitet. Gewohnt, mit dem Blick von außen grosse Zusammenhänge in kleinen Geschichten zu erzählen, hat er den Ansatz für dieses Buch 20 Jahre im Kopf getragen. Er habe sich dieses Buch lange Zeit nicht zugetraut, schreibt er. Erst mit der Zeit gewann er Sicherheit, so dass “ich beim Schreiben das Gefühl (hatte), dass ich die dreihundert Männer einschätzen kann.”
Das System erzeugte Stabilität und lieferte Sicherheit
Er beschreibt die Deutschland AG weder als Ideal noch als Fehlentwicklung. Das System erzeugte Stabilität und lieferte Sicherheit, schloss jedoch viele Menschen aus. Richters Buch erklärt, warum das alte System funktionierte, ohne dessen Schattenseiten zu übersehen. Unternehmer und Bankiers waren oft problematische Figuren. Autoritär, politisch blind, einige tief in die Verbrechen des Nationalsozialismus verstrickt. Dennoch verfügten viele von ihnen über einen Zeithorizont, der heute selten geworden ist.
Die Erkenntnis besteht in der Frage, welche gesellschaftlichen Voraussetzungen langfristiges Denken ermöglichen. Richter zeigt, dass wirtschaftliche Macht immer auch kulturelle Voraussetzungen besitzt. Damit wird das Buch zu einer Reflexion über die kulturellen Grundlagen des deutschen Erfolgsmodells. Es ist nicht nur Rückschau, sondern auch Diagnose der Gegenwart. Die Jury des Deutschen Sachbuchpreises lobte, Richter mache sichtbar, was sich hinter dem abstrakten Begriff „deutsche Wirtschaft“ verberge, und liefere damit eine Grundlage für Zukunftsfragen.
Richter stellt indirekt eine unbequeme Frage: Hat Deutschland mit dem Ende der Deutschland AG zwar an Transparenz gewonnen, aber an strategischer Handlungsfähigkeit verloren? Was kommt, kann auch er nicht sagen. Sein letzter Satz lautet: “Die Zukunft ist offen.” (Thomas Schuler)
Konstantin Richter: Dreihundert Männer, Suhrkamp, 544 Seiten, 30 Euro.
Anm. der Redaktion: Dieser Artikel erschien am 17. Juli 2026 in einer gekürzten Fassung in der gedruckten Bayerischen Staatszeitung.
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