Politik

Wie sicher ist Zugfahren? Der Verkehrsausschuss des Landtags will einiges verbessern. (Foto: dpa)

19.02.2016

Die Angst fährt mit

Welche Konsequenzen Verkehrspolitiker des Landtags und Experten aus dem Zugunglück in Bad Aibling ziehen wollen

Im sonst oft hektischen Landtag herrscht für zwei Stunden eine ungewohnt bedrückte Stimmung. Die Abgeordneten im Verkehrsausschuss lassen sich von Bahnexperten über das Zugunglück von Bad Aibling mit elf Toten und über 80 Verletzten berichten, und selbst zehn Tage nach der Katastrophe sind noch Trauer und Beklemmung zu spüren. Zumal die Ursachen nicht restlos geklärt sind. Daran hat auch die Pressekonferenz der zuständigen Staatsanwälte aus Traunstein Mitte der Woche nur wenig geändert.

Die Technik sei in Ordnung gewesen, menschliches Versagen des Dienst habenden Fahrdienstleiters habe zu dem Unglück geführt, berichteten sie. Gegen die Regeln habe dieser den Richtung München fahrenden „Meridian“ der Bayerischen Oberlandbahn (BOB) trotz einer vom Sicherungssystem erteilten Ausfahrtssperre mit einem Ersatzsignal auf den eingleisigen Abschnitt zwischen Kolbermoor und Bad Aibling geschickt, obwohl darauf bereits eine entgegenkommende Regionalbahn aus München gefahren sei. Über das Warum wird noch gerätselt. Nur eines steht für die Ermittler fest: Der Fahrdienstleiter handelte ohne Vorsatz. Nun wird gegen ihn ermittelt.

Viel mehr können der Leiter der Verkehrsabteilung im Innenministerium, Hans-Peter Böhner, der DB-Konzernbeauftragte für Bayern, Klaus-Dieter Josel, und BOB-Geschäftsführer Bernd Rosenbusch den Abgeordneten auch nicht mitteilen. Sie wirken noch immer ratlos, weil etwas passiert ist, was eigentlich weder hätte passieren dürfen, noch passieren können. Man müsse für eine endgültige Bewertung die Ermittlungsergebnisse der Staatsanwaltschaft und der Eisenbahn-Unfalluntersuchungsstelle des Bundes abwarten. Einmütig verweisen sie darauf, dass die Bahn das sicherste Verkehrsmittel zu Lande sei und eine eingleisige Strecke nicht unsicherer als eine zweigleisige. Man werde, falls nötig, Konsequenzen ziehen, Grund zu Aktionismus bestehe nicht,betont Böhner.

Als „nicht wirklich zufriedenstellend“ bezeichnet die CSU-Abgeordnete Christine Haderthauer die Aussagen der Experten in beinahe oppositioneller Schärfe. Sie könne sich nicht vorstellen, dass nach diesen Berichten Fahrgäste angstfrei auf einer eingleisigen Strecke unterwegs seien. „Dass eine Fahrlässigkeit genügt, um so eine Katastrophe auszulösen – das hat mich bis ins Mark erschrocken“, sagt Haderthauer. Es sei nun „unser politischer Auftrag“, auf ein System zu drängen, dass Fahrlässigkeit nicht mehr ausreiche, um so etwas noch einmal geschehen zu lassen.

"Eine weitere Brandmauer einziehen, um solche Unfälle zu vermeiden"


Einige ihrer Kollegen im Ausschuss haben sich dazu schon Gedanken gemacht. Keiner zieht dabei ernsthaft in Zweifel, dass der Mensch trotz Bad Aibling weiter die Möglichkeit haben müsse, im Einzelfall in die automatisierte Sicherheitstechnik einzugreifen. Dies sei bei Signalstörungen oder dem Bergen liegengebliebener Züge unbedingt erforderlich, erklärt CSU-Verkehrsexperte Eberhard Rotter. Man müsse aber vielleicht darüber nachdenken, die Kommunikation zwischen Fahrdienstleiter und Zugführern zu verbessern, wenn – aus welchen Gründen auch immer – vom Regelwerk abgewichen und manuell gesteuert werde. So sieht das auch Rotters SPD-Kollege Bernhard Roos: „Wenn von der Norm abgewichen wird, muss jeder Zug- oder Lokführer darüber Bescheid wissen.“

Der Grüne Markus Ganserer nimmt das Regelwerk als solches ins Visier. Womöglich brauche es Präzisierungen, lasse sich eine „weitere Brandmauer einziehen, um solche Unfälle zu vermeiden“. Zudem empfiehlt er einen Blick auf die Arbeitsbedingungen für Fahrdienstleiter. Auch dort könnte es Fehler fördernde Strukturen geben. Thorsten Glauber (Freie Wähler) bringt ein Radarsystem im Triebkopf der Züge ins Gespräch, das Züge auf Kollisionskurs automatisch stoppen könnte. In Verkehrsflugzeugen seien solche Einrichtungen Standard, in Autos setzten sie sich immer mehr durch.

Böhner, Josel und Rosenbusch nehmen die Anregungen auf, können sich aber wegen der laufenden Ermittlungen noch nicht über deren Sinn und Nutzen im praktischen Betrieb äußern. Immerhin haben sie aber auch Positives zu vermelden. So berichten sie übereinstimmend, dass die Rettungskräfte rasch und professionell gehandelt hätten, und dass die Abwicklung der Entschädigungsleistungen für die Verletzten und die Angehörigen der Toten in Zusammenwirken mit den Versicherern bislang reibungslos laufe. Nur eines ärgert Josel und Rosenbusch noch heute: dass sie erst vier Tage nach dem Unglück von den Behörden eine Liste mit den Namen der Geschädigten erhalten haben. Sie wären mit Verletzten und Angehörigen nämlich gerne viel früher persönlich in Kontakt getreten. (Jürgen Umlauft)

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